Wim Delvoye – Ironie und Irritation

Wim Delvoye
14.06.2017 – 01.01.2018
Museum Tinguely

Andres Pardey, Vizedirektor Museum Tinguely

Von Andres Pardey

Im Werk von Wim Delvoye gibt es zwei grosse Konstanten: das Ornament und die Verdauung. Seit seinen frühesten Werken – und zu diesen zählt der Künstler durchaus auch Wasserfarbenbilder oder Collagen aus kleinen Stückchen farbigen Papiers aus seiner Kindheit – sind diese Themen präsent. Sie werden auf höchst unterschiedlichen Ebenen verhandelt, mal als kleine Zeichnung, mal als grosse Maschine, mal als Relikt einer Performance wie die eingeschweissten Faeces (Ausscheidungen seiner Verdauungsmaschinen), mal als aufwendig gestaltete und in Holz geschnitzte Baumaschinen. Zusammengehalten werden Ornament und Verdauung durch eine vordergründig ironische Haltung des Künstlers, der sich mit diesen Werken vermeintlich über das Leben und uns, die wir das Leben leben, lustig machen möchte. Doch es ist nicht die Ironie, die das Werk bestimmt, sondern in mindestens gleichem Masse eine ganz seriöse und ernsthafte Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen heute, in unserer Zeit und unserer Welt, Kunst entstehen und sinnfällig werden kann. Und damit eine Auseinandersetzung mit der Welt selbst; Delvoyes Verständnis von Kunst ist eines, das sich nicht in der Abgeschiedenheit musealer Sphären verhandeln lässt, sondern das immer auf den Dialog mit dem aufbaut, was man Realität oder Leben nennt.

Wim Delvoye, Installation of 12 Ironing Boards, 1990
Wim Delvoye, Installation of 12 Ironing Boards, 1990

Nach ersten Versuchen, in denen das Ornament als Wappen seiner flämischen Heimat oder als Delfter Porzellanmalerei in Erscheinung trat (für diese Malereien wurden höchst ungewöhnliche Untergründe benutzt, Bügelbretter, Gasflaschen), begann Delvoye Anfang der Nullerjahre, sich mit Tätowierungen zu beschäftigen. Er erkannte in den Mustern und Bildern, die sich Seemänner, Mitglieder von Motorradclubs oder in neuerer Zeit auch (massenhaft) ganz durchschnittliche Menschen mit durchschnittlichen Berufen und Lebensläufen in die Haut stechen liessen, Systeme, die er für seine Kunst zu nutzen wusste. Gerade den Schwulst, der Tätowierungen oft prägt, diese grosse Geste zwischen Madonna und Totenkopf, zwischen ewiger Liebe und vollkommenem Weltschmerz, machte er sich zu eigen und variierte sie auf seine Art. Schweine wurden tätowiert, von 2006 bis 2008 kam Tim an die Reihe, der seine Rückenhaut erst Delvoye und dann einem Sammler verkaufte, der posthum über diese Tätowierung verfügen darf. Unmittelbar kommt einem, auch angesichts der vielschichtig-symbolgeladenen Zeichnung auf dem Rücken, Doktor Faustus und dessen verkaufte Seele in den Sinn.

Wim Delvoye, ohne Titel (Truck Tire), 2013
Wim Delvoye, ohne Titel (Truck Tire), 2013

Das Ornament spielt in den «gotischen Werken», die seit Mitte der Nullerjahre entstehen, eine andere, aber ebenso gewichtige Rolle. Der monumentale Cement Truck von 2012–2016 ist ein lebensgrosser Lkw, dessen Formen komplett in neugotisch überzeichneter Manier und in einem eigentlichen Ornamentrausch aufgelöst sind. Hier ist ein alltägliches Gerät selbst zum Muster geworden, zur Verzierung seiner selbst, ein eigentliches Perpetuum Mobile Ornamentarum gewissermassen.

Im gleichen Zeitraum wie die Tätowierungen und die «gotischen Werken» entstanden von 2000 bis 2010 die zehn Cloaca, in denen der Künstler den menschlichen Verdauungsvorgang möglichst naturgetreu nachbaut und im Ausstellungsraum erlebbar macht. Ist das Ornament die Grundlage der Gestaltung, so wird hier der Verdauungstrakt als Grundlage des Lebens an sich verstanden und bekommt durch die grosse Demonstration die Bedeutung, die ihm zusteht. Nicht nur, aber sicher auch in der Kunst.

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