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Kunst. Geld. Museum. Fünfzig Jahre Picasso-Story

Fünfzig Jahre Picasso-Story

10.03.2018  – 12.08.2018

2018 jährt sich die erstmalige gemeinsame Präsentation
aller 1967 erworbenen Picassos im Kunstmuseum Basel
zum 50. Mal. Das Jubiläum bildet den Anlass für eine
erweiterte Sammlungspräsentation.

Eva Reifert ist Kuratorin 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und kuratiert die Ausstellung Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story.
Eva Reifert ist Kuratorin 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und kuratiert die Ausstellung Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story.

Von Eva Reifert

Diese Geschichte kennen in Basel fast alle: 1967 sollten zwei hochbedeutende Picasso-Gemälde, die bis dahin als Leihgaben im Kunstmuseum hingen, auf dem internationalen Markt verkauft werden. Die Bevölkerung aber bewilligte per Referendum die stolze Summe von sechs Millionen Franken aus Steuergeldern und trieb mit einem «Bettlerfest» den noch fehlenden Restbetrag auf, sodass man das Angebot eines Vorkaufsrechts annehmen und Picassos Les deux frères (1906) und Arlequin assis (1923) für die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwerben konnte. Der Künstler, der die Ereignisse aus dem französischen Mougins verfolgt hatte, lud den Direktor des Kunstmuseums, Franz Meyer, zu sich ein und schenkte Basel bei dieser Gelegenheit vier weitere seiner Werke. Als siebter Picasso des Jahres 1967 gelangte das kubistische Gemälde Le poète (1912) als eine durch das Engagement der Bevölkerung inspirierte Schenkung der Mäzenin Maja Sacher in die Sammlung.

Pablo Picasso, Les deux frères, 1906 (Gósol), Kunstmuseum Basel- Depositum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel- 1967
Pablo Picasso, Les deux frères, 1906 (Gósol), Kunstmuseum Basel- Depositum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel- 1967

50 Jahre nach diesen Ereignissen zeigt sich, dass die Akteure rund um die Sammlung des Kunstmuseums noch dieselben sind – Bevölkerung, Künstler, der Direktor, die Kunstkommission und Mäzene. Auch die Auseinandersetzung mit der Frage «Welche Kunst kommt ins Kunstmuseum?», die die Diskussionen im Zuge der Picasso-Ankäufe bestimmte, führen wir heute noch im selben Spannungsfeld von künstlerischen Kriterien, finanziellen Mitteln und Belangen des Museums. Was den für ein Museum zentralen Vorgang der «Verinstitutionalisierung» von Kunst angeht, richtet die Ausstellung

Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story in den Erdgeschossräumen des Kunstmuseums Basel den Blick auch auf die Rolle des Direktors, der Kunstkommission und der Mäzene. Wie aktuell die Fragestellungen von 1967/68 sind, sieht man daran, dass sich viele der damaligen Statements, die in der Ausstellung durch Zeitungsausschnitte und anderes Archivmaterial zugänglich sind, wie Debattenbeiträge aus unseren Tagen lesen. Die Ausstellung nimmt die Diskussion im Gespräch mit den Besuchern und Künstlern der Stadt wieder auf und geht den Implikationen in Bezug auf Identifikation und Zusammengehörigkeit, Kunst und Kommerz nach.

Einerseits können so die Ereignisse von vor 50 Jahren mit all ihrem legendären Potenzial vergegenwärtigt werden, etwa auch durch grossformatige Fotografien von Kurt Wyss, andererseits bildet die «Picasso-Story» mit Programmpunkten wie Tischgesprächen den Ausgangspunkt für heutige Fragestellungen rund um Kunst, Geld und Museum. Somit stehen die sieben Werke Picassos, die 1968 erstmals gemeinsam präsentiert wurden, im Kontext von Meinungsstreit und museumspolitischen Entscheiden, zeigen sich aber gerade darin in ihrer zeitlosen Präsenz.

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Basel Short Stories: Frick und Frack

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Frick und Frack: «Slapstick on Ice»  von Gundeldingen nach Hollywood

Robert Gober, Untitled, 1997-1998, Privatsammlung, Gabriel Moulin Studios, San Francisco
Robert Gober, Untitled, 1997-1998, Privatsammlung, Gabriel Moulin Studios, San Francisco

Werner Groebli (1915–2008) und Hansruedi Mauch (1919–1979) wachsen im Basler Gundeldinger-Quartier auf, wo sie jeweils die Winterwochen nutzen, um auf improvisierten Eisflächen Schlittschuh zu laufen. Bei einem Varieté auf der neu erbauten Kunsteisbahn Margarethen bietet sich den beiden 1936 die Gelegenheit, ihre besondere Kreation aus Akrobatik und Komödie einem Publikum zu präsentieren – mit grosser Wirkkraft: Die parodistische Einlage auf Italiens Interventionen in Äthiopien bringen den italienischen Konsul dazu, die Vorführung aus Protest vorzeitig zu verlassen. Es folgen Aufführungen in Davos und London, wo die beiden «entdeckt» werden. 1939 wagen sie den Sprung in die USA, wo sie sich nun «Frick and Frack» nennen.

Der Erfolg führt Frick und Frack bis nach Hollywood, wo sie in zwei Filmen auftreten: «Silver Skates» (1943) und «Lady, Let’s Dance» (1944). Nachdem Mauch wegen Krankheit 1953 zurücktreten muss, führt Groebli alias «Frick» die Vorstellungen solo fort. Als er mit 66 Jahren in Rente geht, verzeichnet er rund fünfzehntausend Performances. Während die Basler Eiskunstkomödianten in der Schweiz in Vergessenheit geraten, hat sie ihre Berühmtheit in den USA sogar in den Sprachschatz katapultiert: Die Wendung «You are like Frick and Frack» bezeichnet entweder zwei Leute, die sich unverwechselbar ähneln, oder – abwertend – zwei Dummköpfe.

Paule Vézelay, Lines in Space No 16, 1951, Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968
Paule Vézelay, Lines in Space No 16, 1951, Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968

Die Werke dieser Story nehmen mit Max Beckmann oder Ernst Ludwig Kirchner einerseits die Thematik des Schlittschuhlaufens und der Akrobatik auf und andererseits mit Walter Kurt Wiemken oder Paul Klee das Clowneske. Darüber hinaus nähern sie sich in Reliefs von Walter Bodmer und Paule Vézelay assoziativ Themen der Ähnlichkeit und der Konstruktion beziehungsweise der Mobilität der Linie. Durch Werke von Andy Warhol und Danh Vo wird Nordamerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten evoziert.

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Die amerikanische Sicht in Baden-Baden

America! America!
How real is real?
09.12.2017 – 27.05.2018
Museum Frieder Burda

Mythen, Projektionen, Sehnsüchte: In Zeiten von «Fake News» und «Alternative Facts» wird deutlich, wie sehr der amerikanische Traum mit emotional aufgeladenen Bildern und Symbolen verwoben ist. Zugleich ist sich wohl kaum eine andere Nation der Wirkungskraft von Bildern so bewusst. Die Images des «American Way of Life», die in den Medien und der Unterhaltungsindustrie produziert werden, können bestehende Machtverhältnisse und Vorstellungen von Wirklichkeit zementieren, aber auch radikal infrage
stellen.

Andy Warhol, Most Wanted Men No. 6, Thomas Francis C. (Front View), 1963, Sammlung Froehlich, Stuttgart
Andy Warhol, Most Wanted Men No. 6, Thomas Francis C. (Front View), 1963, Sammlung Froehlich, Stuttgart

Mit rund 70 Meisterwerken der US-Gegenwartskunst, wie Andy Warhols Race Riot (1964), Jeff Koons lebensgrosser Skulptur Bear and Policeman (1988) oder Jenny Holzers Leuchtschriftinstallation Truisms (1994) zeigt America! America! How real is real?, wie Künstler von den 1960er-Jahren bis heute die amerikanische Realität kommentieren. Mit Werken aus der Sammlung Frieder Burda und zahlreichen hochkarätigen Leihgaben lädt die Schau zu einer Exkursion durch die visuelle Kultur Amerikas ein.
Schon die Stars der Pop Art wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder James Rosenquist transformieren die Oberflächen der Konsumkultur in eine Kunst, die von ungeheurer Verführung und kühler Distanz spricht. Indem sie die Methoden der kommerziellen Bildproduk­tion übernehmen, verabschieden sie sich von den traditionellen Vorstellungen von Authentizität. Das Gefühl von Entfremdung verkörpern auch die Werke der grossen US-Maler der 1980er. Die psychologisch aufgeladenen Leinwände von Eric Fischl, die hermetischen Szenen von Alex Katz, die riesigen Film-Noir-artigen Grafitzeichnungen von Robert Longo sezieren die Träume und Ängste einer verunsicherten weissen Mittelschicht. Zur selben Zeit erobern Künstler wie Jeff Wall oder Cindy Sherman die Szene, die unsere medial geprägte Wahrnehmung kritisch reflektieren. Sie werden zu Vorbildern für nachfolgende Generationen. Mit den Strategien der Konzeptkunst, Performance und Fotografie schaffen sie Bildwelten, in denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung zerfliessen: How real is real?

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Gefährliche „Weibsbilder“ im Kunstmuseum Basel

Weibsbilder
07.10.2017 – 07.01.2018
Kunstmuseum Basel

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider
Das männliche Geschlecht sah sich um 1500 einer zunehmenden Bedrohung durch die Frauen ausgesetzt. Verführt von deren Liebreiz und Schönheit, blind und taub für alle Warnungen, wurde der Mann im besten Falle lächerlich gemacht, wie Aristoteles, der von Phyllis, der Geliebten Alexander des Großen, erst mit einem Liebeszauber belegt und dann als Reittier missbraucht wurde, zu sehen in dem Holzschnitt Aristoteles und Phyllis (1513) von Hans Baldung Grien. Nicht selten stürzten sich verliebte Männer in Unkosten, um von ihrer Angebeteten erhört zu werden und wurden dann um Hab und Gut, sowie die Liebe betrogen.  Im schlimmsten Fall bezahlten sie ihre Schwäche für das weibliche Geschlecht gar mit dem eigenen Leben.

Hans Baldung gen. Grien; Aristoteles und Phyllis; 1513
Hans Baldung gen. Grien; Aristoteles und Phyllis; 1513

Mit all diesen von Moralaposteln geschürten Männerängsten und, mitunter bis heute, tief verwurzelten Geschlechterklischees beschäftigt sich die Ausstellung Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 im Basler Kunstmuseum. Die von Ariane Mensger kuratierte Schau versammelt vor allem Zeichnungen und Druckgrafiken sowie einige Gemälde und eine Kleinplastik aus dem frühen sechszehnten Jahrhundert. Allesamt von männlicher Hand geschaffen, eröffnen die Werke, gegliedert in die vier Themenbereiche Eros, Macht, Moral und Tod, einen facettenreichen Einblick in die männliche Psyche der damaligen Zeit.

Liebesfreud und Liebesleid

Niklaus Manuel gen. Deutsch; Frau Venus; um 1512
Niklaus Manuel gen. Deutsch; Frau Venus; um 1512

Um 1500 wurden in der bildenden Kunst vermehrt Sujets behandelt, mit denen sich einerseits der nackte weibliche Körper in Szene setzen liess, was vorher nur in einem sehr engen, von der religiösen Ikonographie vorgegebenen Rahmen, etwa bei der Darstellung Evas im Paradies, möglich gewesen war, und anhand derer gleichzeitig vor den negativen Folgen der Liebe und des sinnlichen Vergnügens gewarnt werden konnte. Zahlreiche Darstellungen zeigen die nackte Liebesgöttin Venus. Oft zum Zeichen ihrer Flatterhaftigkeit mit Flügeln ausgestattet, balanciert sie unsicher auf einer Kugel und ist mit lassoartigen Seilen bewaffnet, mit denen sie ihre wehrlosen Opfer einfängt. In der Zeichnung  Frau Venus (1512) von Niklaus Manuel Deutsch verschießt ein auf der Göttin Schulter stehender Amor Pfeile mit Narrenkappen, die sich der Getroffene dann überstreifen wird.

Urs Graf; Die Liebesqualen; um 1516
Urs Graf; Die Liebesqualen; um 151

Mitunter lassen sich die Narren auch einfach vom Baum schütteln. In unterschiedlichen Entwicklungsstadien, mal nur als Kappe tragender Kopf oder gleich als fertig ausstaffierter Narr, purzeln sie aus der Krone des Narrenbaums (um 1525), an welchem ein attraktives Frauenzimmer vehement rüttelt um möglichst viele Liebesnarren zu ernten. Aber nicht nur die Männer leiden an den Folgen der Liebe auch die Frauen selbst fallen ihrem wollüstigem Treiben zum Opfer. In der Zeichnung Die Liebesqualen (um 1516) von Urs Graf wird das Herz einer schönen Dame auf alle erdenklichen Arten gemartert, so dass ihr als einziger Ausweg der Selbstmord bleibt. Liebe ist unheilbar warnt schon Frau Venus in Sebastian Brants Narrenschiff (1494): „Und wer einmal von mir wird wund, / den macht kein kräftig Kraut gesund.“

Liebeszauber und dunkle Magie

Frauen haben Macht über Männer, nicht nur wenn sie den Kampf um die Hose (um 1495, Kupferstich von Israhel van Meckenem) gewonnen haben. Allein die Aussicht in den Genuss ihrer verführerischen Reize zu kommen, ließ die Männer unvorsichtig werden und so dienten antike und biblische Herren, denen von Frauen übel mitgespielt worden ist, als Mahnmal für den Mann der Renaissance: von Samson, dem im Schlaf von Delila das Haar und damit auch die Kräfte geraubt wurden, über Vergil, der in einem Korb an der Palastmauer unter dem Fenster der von ihm angebeteten Kaisertochter bloßgestellt wurde, bis zu Sisera, der von seiner Geliebten Jael im Schlaf ermordet wurde.

Und das sind längst nicht alle Gefahren denen man(n) ausgesetzt war: allerorten lauerten Hexen, die zahlreiche Arten von Schadenszaubern betrieben und mit Dämonen verkehrten. Die 1486 vom Inquisitor Heinrich Kramer publizierte Schrift Hexenhammer verknüpft in der Argumentation unter anderem die weibliche Sexualität mit dem Teufel. Er betont, dass Frauen aufgrund ihrer Glaubensschwäche anfälliger seien für Hexerei und unterstellt ihnen zudem Machtstreben, Rachsucht und Habgier. Der Künstler Hans Baldung Grien hat sich eingehend mit der Hexenthematik beschäftigt. In seinen Zeichnungen und Holzschnitten erscheinen die Hexen einerseits als junge Schönheiten, die verkehrt herum auf einem Ziegenbock durch die Lüfte reiten oder sich mit Fabelwesen verlustieren – Hexe und fischgestaltiger Drache (1515) – und andererseits als hässliche Alte, welche aus kuriosen Zutaten ihre Zauberelixiere zusammenbrauen.

Sexualisierung biblischer und antiker Themen

Um 1500 setzte ebenfalls eine Sexualisierung schon etablierter ikonografischer Themen ein. Der Sündenfall wird immer häufiger als erotischer Akt inszeniert bei dem sich Adam und Eva umarmen oder gar küssen. Auch die Ölverschwendung der törichten Jungfrauen im biblischen Gleichnis wird neu als Verlust der Jungfräulichkeit interpretiert und Urs Graf zeichnet eine „Kluge“ Jungfrau (1513), deren Lampe zwar noch brennt, die aber offensichtlich hochschwanger ist. Und die antike Tugendheldin Lucretia, die sich nach der Vergewaltigung durch Sextus Tarquinius selbst entleibt um die Ehre ihrer Familie wieder herzustellen, wird von Lucas Cranach d. Ä. im Moment der Selbsttötung in erotisch lasziver Pose, nackt, nur von einem durchsichtigen Schleier umspielt, welcher ihr Geschlecht mehr betont als verhüllt, dargestellt. Hier ist die ikonographische Vorlage lediglich ein Alibi für die Zurschaustellung eines schönen weiblichen Körpers.

Die Ausstellung Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 zeigt vor allem die Symptome männlicher Ängste vor weiblicher Dominanz. Sie sind Zeichen unterdrückter, nicht auslebbarer Begierden, denn im bürgerlichen Tugendregiment der Zeit war die Ausübung von Sexualität nur in der Ehe gestattet, welche aber viele aus materiellen oder gesellschaftlichen Gründen nicht eingehen konnten. Das Frauenbild in der christlichen Welt war von Anfang an negativ geprägt und um 1500 setzte nochmals eine Abwertung ein. Gründe hierfür sieht Ariane Mensger zum einen in einer zunehmenden Konkurrenz auf dem städtischen Arbeitsmarkt, welche in der Folge den Frauen den Zugang zur Berufstätigkeit erschwerte, und zum anderen im von der Reformation propagierten Ideal der bürgerlichen Hausfrau und Mutter. Durch einen verschärften Sittenkodex wurde zudem die Prostitution stärker kontrolliert, eingeschränkt und mancherorts sogar ganz verboten. Dies alles mögen Gründe für das gespannte Verhältnis zwischen Mann und Frau gewesen sein.

Nun sind freilich nicht alle im Kunstmuseum Basel ausgestellten Sujets so grimmig ernst zu nehmen, wie das die Kommentierung gelegentlich suggeriert. Vieles ist überzeichnet, an der Grenze zur Karikatur und manchmal, aus dem Blickwinkel des männlichen Künstlers, erfrischend selbstironisch. Diese Ironie hätte das Basler Ausstellungskonzept vielleicht mehr betonen können. Dennoch: vielfach amüsant und lehrreich präsentiert sich der Reigen der „Weibsbilder“ im Kunstmuseum Basel, wo sie noch bis zum 7. Januar 2018 die Betrachter in ihren Bann ziehen.

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Spielarten der Abstraktion: Fondation Beyeler zeigt Klee

Paul Klee
01.10.2017 – 21.01.2018
Fondation Beyeler

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Paul Klee (1879 – 1940) wird gemeinhin nicht zu den Vertretern der abstrakten Malerei gezählt, vielmehr wird sein umfangreiches Werk eher mit dem Expressionismus, Primitivismus oder Surrealismus in Verbindung gebracht, auch wenn es sich aufgrund seiner Vielfältigkeit keiner der genannten Kunstgattungen eindeutig zuordnen lässt. Dass Klee, neben den großen Wegbereitern der abstrakten Malerei, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian, auch ein Platz in der Entwicklungsgeschichte der Abstraktion gebührt, möchte die von Anna Szech kuratierte Ausstellung der Fondation Beyeler unter dem Titel Paul Klee – Die abstrakte Dimension anhand von 110 in chronologischer Abfolge von 1912 bis 1940 angeordneten Werken des bei Bern geborenen Künstlers zeigen.

Von Petra Schneider

Abstraktion versus Gegenständlichkeit

Wird unter Abstraktion die Vermeidung jeglicher Gegenständlichkeit, die Beschränkung des Gemalten auf reine Farb- und Formklänge und die Erforschung ihrer innerbildlichen Bezüge verstanden, so wird man in dieser Hinsicht bei Klee zunächst in den Werken mit musikalischen Reminiszenzen fündig. In Alter Klang (1925) oder Harmonie E zwei (1926) werden farbige Vierecke nebeneinander gesetzt und ihre Abfolge rhythmisch komponiert, während sich in Polyphone Strömungen (1929) Farbstreifen miteinander verflechten, gleichsam den einzelnen Stimmen eines komplexen Musikstückes. Doch schon in Fuge in Rot (1921) treten vasenartige Gebilde auf, ein Eindruck, der von dem, in puncto verwendeter Farben und Formen, sehr ähnlichen Aquarell Töpferei (1921) bekräftigt wird.

PAUL KLEE, POLYPHONE STRÖMUNGEN, 1929, 238, Kunstsammlung
Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Auch die sogenannten Quadratbilder, welche hauptsächlich in Klees Zeit am Bauhaus (1921 – 1931) entstanden, sind mitunter vollends gegenstandslos und durch reine Farbfeldmalerei gekennzeichnet. Jedoch verweisen sie mit, vom Künstler stets selbst kreierten, Titeln wie Blühender Baum (1925), Der blühende Garten (1930) oder Berg und Luft synthetisch (1930) auf die reale Welt ausserhalb des Bildes und geben vor, extrem abstrahierte Naturdarstellungen zu sein.

Abstraktion als Beschränkung auf das Wesentliche
Seine Schöpferische Konfession, enthalten in der gleichnamigen, 1920 von Kasimir Edschmid herausgegebenen Schriftensammlung, in der achtzehn zeitgenössische Maler, Schriftsteller und Musiker zu Wort kommen, beginnt Klee wie folgt: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. Das Wesen der Graphik verführt leicht und mit Recht zur Abstraktion. Schemen- und Märchenhaftigkeit des imaginären Charakters ist gegeben und äußert sich zugleich mit großer Präzision. Je reiner die graphische Arbeit, das heißt, je mehr Gewicht auf die der graphischen Darstellung zugrunde liegenden Formelemente gelegt ist, desto mangelhafter die Rüstung zur realistischen Darstellung sichtbarer Dinge.“
Die Abkehr von einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung durch Reduktion auf ursprüngliche Formelemente lässt sich gut anhand von Klees Natur- und Architekturdarstellungen beobachten. Kugelbäume, zusammengesetzt aus einem senkrechten Pinselstrich als Stamm und einem Kreis als Krone, bewachsen die kleine rhythmische Landschaft (1920) und das Parkbild b(ei) Regen (1920). In den Architekturlandschaften, etwa Himmelsblüten über dem gelben Haus (1917), werden Häuser auf Quadrate und Dreiecke zurückgeführt, in Burg 1 (1923) leitet sich die Festungsarchitektur lediglich über die mit dreieckige Strukturen angedeuteten Zinnen und die dunkler gefärbten Rechtecke als Schiessscharten ab. Allein aus den verwendeten Farben, Blau bis Blaugrün und Cremeweiss bis Beige, lässt sich schließlich das aus Rechtecken und Streifen zusammengesetzte Aquarell Haus am Wasser (1930) erschließen.

Abstraktion als formales Konzept

PAUL KLEE, LE ROUGE ET LE NOIR, 1938, 319, Kunst- und Museumsverein Wuppertal

Rein abstrakte Bildwelten ohne Bezug, auch nicht im Titel, zur sichtbaren Welt finden sich bei Klee eher selten; allenfalls Kreationen wie Farbwinkel (1917), Verspannte Flächen (1930) oder Le rouge et le noir (1938) lassen sich dieser Kategorie zuordnen. „Aus abstrakten Formelementen wird über ihre Vereinigung zu konkreten Wesen oder zu abstrakten Dingen wie Zahlen und Buchstaben hinaus zum Schluss ein formaler Kosmos geschaffen, der mit der großen Schöpfung eine so große Ähnlichkeit aufweist, dass ein Hauch genügt, den Ausdruck des Religiösen, die Religion zur Tat werden zu lassen“, so Klee schon 1920 in der Schöpferischen Konfession. Schrift und andere Zeichen spielen im Spätwerk des Künstlers eine herausragende Rolle. Complexe Zahl (1937), Zeichen in Gelb (1937) oder Geheime Schriftzeichen (1937) legen hiervon Zeugnis ab. Daneben tauchen gelegentlich stark abstrahierte menschliche Figuren und Gesichter auf – so in ludus Martis (1938) oder Ohne Titel [Gefangen, Diesseits – Jenseits/Figur] (um 1940) – welche die Schwelle zu einer ganz abstrakten, von jeglicher Figuration befreiten Malerei markieren, ohne sie zu überschreiten.

PAUL KLEE, MIT DEM BRAUNEN DREIECK, 1915, 39, Kunstmuseum Bern

Mit dieser Werkgruppe schließt die Retrospektive in der Fondation Beyeler nach der die Geschichte der abstrakten Malerei freilich nicht neu geschrieben werden muss, denn obschon sich Klee in seinem umfangreichen Œuvre immer wieder abstrakter Gestaltungsmittel bedient hat, wird offensichtlich, dass die reine Abstraktion für ihn kein erstrebenswertes Ziel, sondern nur ein künstlerisches Verfahren neben anderen war. Die Gegenständlichkeit bleibt stets, zumindest unterschwellig, präsent und kommentiert mitunter auf ironische Weise den abstrakten Bildanteil; in mit dem braunen Δ (1915) mutiert das titelgebende Trigon mittels hinzugefügtem Kopf und Gliedmaßen zum Dromedar und entlockt dem Betrachter ein leises Schmunzeln.
In jedem Fall lohnt sich, schon aufgrund der selten gezeigten Werke aus privaten Sammlungen, der Besuch der Ausstellung Paul Klee – die abstrakte Dimension, in der sich noch bis zum 21. Januar 2018 das Werk eines faszinierenden Künstlers aus einem etwas anderen, abstrakteren Blickwinkel betrachten lässt.

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