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Tadeusz Kantor: Où sont les neiges d’antan


Museum Tinguely
09.10.2019 – 05.01.2020

Das Museum Tinguely präsentiert – in Kooperation mit Culturescapes – einen der wichtigsten Theaterschaffenden und bildenden Künstler Polens des 20. Jahrhunderts mit einem seiner grossen Bühnenwerke. Mit kritischem Blick auf die verdrängte Geschichte Polens widmet sich Tadeusz Kantors unabhängiges Untergrundtheater der Alltagsrealität. 

Die Ausstellung Tadeusz Kantor: Où sont les neiges d’antan im Museum Tinguely präsentiert einen der wichtigsten Theaterschaffenden und bildenden Künstler Polens des 20. Jahrhunderts mit einem seiner grossen Bühnenwerke. Mit kritischem Blick auf die verdrängte Geschichte Polens widmet sich Tadeusz Kantors (1915–1990) unabhängiges Untergrundtheater der Alltagsrealität und prägt bis heute eine junge Generation in der Welt des Theaters. Sein Werk gilt als Modell für radikale, disziplinübergreifende Theaterexperimente und für die Aufhebung der Differenz zwischen Bühnen- und Zuschauerraum. Als Regisseur, der sich auf der Bühne unter seine Schauspieler*innen mischte, Anweisungen gab, eingriff und so zum Fremdkörper im Ensemble wurde, durchbrach Kantor vor allem mit seiner eigenen Anwesenheit die Grenzen des klassischen Theaters. Zu seiner künstlerischen Praxis gehörte die Wiederverwendung von Objekten. Alte und beschädigte Dinge waren sein «natürliches» Medium und das Motiv des Todes ist ein zentrales Thema in seinem Werk. 

Im Museum Tinguely werden Objekte und Kostüme aus Où sont les neiges d’antan gezeigt. Begleitet werden sie von der Filmvorführung einer Probe, die 1984 am Vorabend der polnischen Premiere im Studentenclub Stodoła in Warschau von Andrzej Sapija aufgenommen wurde. Zeichnungen und Skizzen von Tadeusz Kantor werden der fotografischen Dokumentation gegenübergestellt.

Im Museum Tinguely wird die Schau durch eine Virtual Reality-Animation begleitet, der Cricoterie (2019) von Auriea Harvey & Michaël Samyn. Die Besucher*innen sind vom 9. bis 20. Oktober eingeladen, eine virtuelle Bühne zu bespielen, die inspiriert von Kantors Werk mit ungewöhnlichen Charakteren und Requisiten ausgestattet ist, während das Publikum zusehen kann, wie die Dinge ausser Kontrolle geraten.

Jean Tinguely und Tadeusz Kantor lernten sich um 1960 durch den schwedischen Sammler Theodor Ahrenberg kennen, der sich in Chexbres in der Schweiz niedergelassen hatte. Beide Künstler vermischen in ihren Werken ihre persönlichen Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Erinnerungskultur. Ihr gemeinsames Interesse an prozessualer Kunst und hybriden Medien animierte sie dazu, die Grenzen zwischen Kunst und Realität aufzubrechen. 

Die von der Cricoteka in Krakau gastkuratierte Schau läuft bis zum 5. Januar 2020 und ist Kantors erste Einzelausstellung in der Schweiz seit über zehn Jahren. Das Projekt entstand in Kooperation mit Culturescapes Polen in Basel, ein Kulturfestival, in dem die Kulturlandschaft eines anderen Landes oder einer Region vorgestellt wird.

Gastkurator*innen: Małgorzata Paluch-Cybulska, Bogdan, Renczyński, Natalia Zarzecka / Das Zentrum zur Dokumentation der Kunst von Tadeusz Kantor Cricoteka in Krakau

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Gold & Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit

11.10.2019 – 19.01.2020
Eine Ausstellung des Historischen Museums Basel im Kunstmuseum Basel 

Die grosse Ausstellung präsentiert die glanzvolle Zeit des letzten ottonischen Kaisers Heinrichs II. (reg. 1002–1024). Anlässlich des 1000-Jahr- Jubiläums der Weihe des Basler Münsters vereint sie hochkarätige Leihgaben aus Europa und den USA. Kostbare Goldschmiedearbeiten, Textilien, Buchmalereien und Elfenbeinschnitzereien bilden ein einzigartiges Panorama mittelalterlicher Kultur. Seltene Handschriften, Münzen und archäologische Schätze bieten facettenreiche Einblicke in die Lebenswelten um das Jahr 1000. 

Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes, um 1430/40
Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes, um 1430/40

Goldene Altartafel

Den Höhepunkt bildet die Goldene Altartafel, die als kaiserliches Geschenk 1019 nach Basel kam. Im 19. Jahrhundert ins Ausland verkauft, kehrt sie nach vielen Jahrzehnten von Paris nach Basel zurück. Leihgaben aus Cleveland, München, Köln, Berlin, Rom und New York kontextualisieren erstmals die Schenkung von Heinrich II. und gewähren mit weiteren hochkarätigen Exponaten einen Einblick in die Stiftertätigkeit der ottonischen Herrscher. Diese liessen Handschriften mit prachtvollen Einbänden ausstatten und sicherten mit Schenkungen ihren bleibenden Ruhm. Die goldenen Gaben von Heinrich II. und seiner Gattin Kunigunde führten zu einer Verehrung des Kaiserpaars und hinterliessen auch zahlreiche Spuren in Basel.

Zur Ausstellung erscheint der wissenschaftliche, reich bebilderte Katalog Gold & Ruhm – Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II. im Hirmer Verlag, München.

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Surrealismus und Design 1924 – heute

Vitra Design Museum
28.09.2019 – 19.01.2020

Der Surrealismus zählt zu den einflussreichsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. In seinen traumhaften Bildwelten hatten Alltagsobjekte eine zentrale Bedeutung, sie wurden verfremdet, ironisiert oder zu seltsamen Zwitterwesen zusammengesetzt. So entstanden einige Schlüsselwerke moderner Kunst, darunter Marcel Duchamps Fahrrad-Rad (1913) oder Salvador Dalís Hummertelefon (1936). Doch der Surrealismus gab umgekehrt auch dem Design wichtige Impulse. Das Vitra Design Museum präsentiert eine grosse Ausstellung, die den Dialog zwischen Surrealismus und Design umfassend untersucht. Zum ersten Mal wird gezeigt, wie stark der Surrealismus das Design der letzten 100 Jahre beeinflusst hat – von Möbeln und Interieurs bis hin zu Grafik, Mode, Film und Fotografie. 

Die Ausstellung umfasst unter anderem Werke von Gae Aulenti, BLESS, Achille Castiglioni, Giorgio de Chirico, Le Corbusier,
Salvador Dalí, Dunne & Raby, Marcel Duchamp, Max Ernst, Ray Eames, Front, Friedrich Kiesler, Shiro Kuramata, René Magritte, Carlo Mollino, Isamu Noguchi, Meret Oppenheim, Man Ray, Iris van Herpen und vielen anderen.

Der Surrealismus wurde 1924 von André Breton mit dem ersten surrealistischen Manifest begründet und entwickelte sich schnell zu einer internationalen Bewegung, der zahlreiche Schriftsteller, Künstler und Filmemacher angehörten. Das Unterbewusstsein, Träume, Obsessionen, der Zufall und das Irrationale waren nur einige der Quellen, aus denen die Surrealisten eine neue künstlerische Realität erschufen. Ab den 1930er-Jahren begannen ihre Ideen auch das Design zu beeinflussen, und ab den 1940er-Jahren wurde der Surrealismus zu einem wahren Trend, der Mode, Möbel und Fotografie prägte und es bis auf die Zeitschriftencover von «Harper’s Bazaar» und «Vogue» schaffte. Bis heute liefert der Surrealismus Designern mannigfaltige Anregungen, sei es mit den Motiven seiner fantastischen Bildwelt, seiner subversiven Herangehensweise oder seinem Interesse an der menschlichen Psyche.

Salvador Dalí, Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge, 1944/45
Salvador Dalí, Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge, 1944/45

Die Ausstellung Objekte der Begierde stellt Kunstwerke des Surrealismus und Designobjekte einander so gegenüber, dass die faszinierenden Parallelen und Querbezüge deutlich werden. Unter den hochkarätigen Leihgaben aus dem Bereich der bildenden Kunst sind unter anderem die Gemälde Das rote Modell (1947 oder 1948) von René Magritte, Salvador Dalís Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge (1944/45) sowie Wald, Vögel und Sonne (1927) von Max Ernst, aber auch Readymades wie Marcel Duchamps Flaschentrockner (1914) oder Geschenk (1921) von Man Ray. Die Arbeiten aus dem Design reichen von Werken aus den 1930er-Jahren – etwa Meret Oppenheims Tisch Traccia (1939) – bis hin zu heutigen Beispielen, darunter Modeentwürfe von Iris van Herpen, Objekte von Front, Konstantin Grcic oder Odd Matter sowie Projekte des Critical Design, die neue Technologien oder Geschlechterrollen auf subversive Weise hinterfragen. Sie alle zeigen, dass es im Design der letzten 100 Jahre nicht nur um Funktion und Technik geht, sondern auch um die versteckte Realität hinter den Dingen, um verborgene Träume, Mythen und Obsessionen – eben um das Sur-Reale.

Pedro Friedeberg, Hand Chair, ca. 1965
Pedro Friedeberg, Hand Chair, ca. 1965

Den Auftakt der Ausstellung bildet eine Bestandsaufnahme des Surrealismus von den 1920er- bis zu den 1950er-Jahren, bei der die Bedeutung, die das Design für die Entwicklung der Bewegung spielte, deutlich wird. Das zweite Kapitel der Ausstellung untersucht, wie die Surrealisten den Archetypen von Alltagsobjekten auf den Grund gingen und die Bedeutungscodes unserer vermeintlich vertrauten Welt untergruben. In ihrem dritten Teil widmet sich die Ausstellung den Themen Liebe, Erotik und Sexualität, die im Surrealismus eine zentrale Rolle spielten. Der letzte Abschnitt der Ausstellung befasst sich mit dem, was der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss als «das wilde Denken» bezeichnete: das Interesse am Archaischen, am Zufall und am Irrationalen, das sich in der Begeisterung der Surrealisten für sogenannte «primitive Kunst» ebenso zeigte wie an ihren Experimenten mit Materialien und Techniken, etwa der «automatischen Malerei».

Die Beispiele in der Ausstellung zeigen, wie aktuell der Dialog zwischen Surrealismus und Design bis heute ist. Der Surrealismus hat Designer dazu ermutigt, nach der Realität hinter dem Sichtbaren zu fragen und Dinge zu gestalten, die Widerstand leisten, mit Gewohnheiten brechen und aus dem Alltag ausscheren. Er hat das Design der Nachkriegszeit aus dem Korsett des Funktionalismus befreit und unseren Blick von der Form der Dinge auf ihre oft versteckten Botschaften gelenkt. Die Ausstellung Objekte der Begierde untersucht dieses Phänomen zum ersten Mal – und zeigt damit einen der folgenreichsten Dialoge zwischen Kunst und Design der letzten 100 Jahre.

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Len Lye – motion composer

23.10.2019 – 26.01.2020

Museum Tinguely

In der Ausstellung im Museum Tinguely wird das Werk von Lye in seiner ganzen Breite gezeigt, mit einem besonderen Augenmerk auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Medien.

Len Lye (1901–1980), geboren in Christchurch NZ, ist einer der wichtigsten Experimentalfilmer der 1930er-bis 1950er-Jahre. Er schuf zunächst in Neuseeland und Australien, ab 1926 in London und ab 1944 in New York City ein faszinierendes, nicht nur den Film, sondern vielmehr alle künstlerischen Disziplinen umfassendes Werk, das in weiten Teilen – so auch seine kinetischen Skulpturen – noch zu entdecken ist. 

Len Lye, Rainbow Dance, 1936 (Filmstill)
Len Lye, Rainbow Dance, 1936 (Filmstill)

Len Lye wurde 1901 in eine sehr bescheiden lebende Familie hineingeboren und wohnte nach dem frühen Tod seines Vaters mit seiner Mutter und dem Bruder beim Stiefvater Ford Powell in Cape Campbell, wo dieser als Leuchtturmwärter fungierte. Er berichtet aus dieser Zeit über erste Eindrücke von Licht und Bewegung; Motive, die ihn sein Leben lang beschäftigen werden. Er beschreibt den Moment, in dem er das Motiv seiner Kunst fand, folgendermassen: Er dachte über John Constables Wolkenstudie nach und darüber, dass der Maler Bewegung imitiert und vermittelt. Und: 

«Ganz plötzlich wurde mir klar – warum nicht einfach Bewegung, wenn es so was gab wie das Komponieren von Musik, dann könnte es auch so etwas geben wie das Komponieren von Bewegung. Schliesslich gibt es Melodiefiguren. Warum dann nicht auch Bewegungsfiguren?»

(«All of a sudden it hit me – if there was such a thing as composing music, there could be such a thing as composing motion. After all, there are melodic figures, why can’t there be figures of motion?»)

Er begann Bewegungen zu zeichnen, in kleinen Notaten, in spontanen Zeichnungen, oder ‚Doodles‘, wie er sie nannte. Zu Beginn der 1920er-Jahre verbrachte Lye einige Monate auf Samoa, wo er mit der reichen Kultur der dort indigenen Menschen in Kontakt kam. Während seiner Jahre in Sydney 1922–1926 entstand das Totem-und-Tabu-Skizzenbuch, in das er Sigmund Freuds Text Totem und Tabu transkribierte. Auf die jeweils linke Seite setzte er Zeichnungen von Gegenständen aus verschiedenen Kulturen – von den Maori seiner Heimat Neuseeland, den australischen Aborigines, aus Samoa, aus Afrika – und Werke russischer Konstruktivisten, die ihm ästhetisch wie auch inhaltlich verwandt schienen. Mit diesem von Eurozentrismus unverbauten Blick schuf er ein Werk, das in dieser Zeit unvergleichlich ist, das Objekte und Kulturen in gleichberechtigte Beziehungen setzt.

1926 kam Lye in London an, und bald entstand – neben Gemälden, in denen er oft sein Unterbewusstsein erforschte, und Batikbildern, die mit der Formwelt fremder Kulturen spielten – sein erstes filmisches Werk, das den Grundstein für seinen Ruhm als Experimentalfilmer legen sollte: 1929 wurde Tusalava erstmals gezeigt, ein Zeichentrickfilm, in dem abstrahierte Figuren und Formen miteinander in Beziehung treten, sich umschlingen und vereinen. In der vom Surrealismus geprägten Kunstszene, in der sich Lye bewegte, machte dieser zehn- minütige Film, der von einer (leider verlorenen) Live-Musik von Jack Ellitt begleitet wurde, grossen Eindruck. In der Mitte der 1930er-Jahre folgten die ‹Direct Films›, Filme, bei denen der Künstler direkt auf den Filmstreifen malte und schrieb und so die Technik des kameralosen Filmes entscheidend mitprägte. A Colour Box (1935) war ein farbenreicher Film, der – von kubanischer Tanzmusik begleitet – für die Britische Post Werbung machte. Andere Filme folgten und erreichten durch ihren Einsatz als Werbefilme für verschiedene Firmen im Kino ein sehr weitläufiges, populäres Publikum. Die Kombination von abstraktem Farbfilm und moderner Musik war revolutionär und brachte Lye zu Recht den Ruf als Erfinder des Musikvideos ein.

Free Radicals, 1958
Len Lye, Free Radicals, 1958

Nach dem Zweiten Weltkrieg, während dessen sich Lye in den Dienst der britischen Propaganda gestellt und viel beachtete Filme wie Kill or Be Killed (1942) produziert hatte, lebte er ab 1944 in New York City, um zunächst seine Karriere als Experimentalfilmer weiterzuverfolgen – und wo er 1947 eine Serie von Fotogrammen realisierte: Porträts, in denen er die Idee des kameralosen Filmes auf die Fotografie anwandte. Einer der radikalsten Filme seiner Zeit in New York ist Rhythm (1957), in dem er die Abläufe einer amerikanischen Autofabrik rhythmisierte und mit afrikanischer Trommelmusik unterlegt als eigentlichen Tanz der Technik inszenierte. Bereits in Rhythm, noch stärker aber in Free Radicals (1958/1979) setzte er die Technik des Kratzens in den schwarzen Vorspannfilm ein, was den Filmen eine raue, urtümliche Stimmung verlieh.

Ende der 1950er-Jahre wandte sich Lye der kinetischen Skulptur zu und entwarf in kurzer Zeit die Konzepte für etwa 20 Tangibles, wie er sie nannte. Skulpturen, die, durch Elektromotoren angetrieben, programmierte Bewegungsabfolgen vollziehen, die auf einfachen Prinzipien wie der Drehung eines Strauchs von Stahlstangen beruhen oder der Schwingung eines massiven Stahlblechs. Mit diesen Skulpturen traf Lye den Nerv seiner Zeit, mit ihrem Verlangen nach neuer Kunst, nach Maschinen und Bewegung. Bereits 1961 konnte der Neu-Kinetiker seine Maschinen im Museum of Modern Art in New York zeigen, anlässlich einer Lecture-Performance, in der er seine Ideen der programmierten Maschinenskulptur erläuterte und vorführte.

Seine Skulpturen empfand Lye immer auch als Modelle, die er grösser ausführen wollte. Weil ihm sowohl die technischen Kenntnisse wie auch die finanziellen Möglichkeiten dazu fehlten, blieben die meisten im Projektstadium stehen, doch der Wille zur Grösse zeigte sich in den Zeichnungen für Sun, Land and Sea (1965), die erst Jahre nach seinem Tod 1980 langsam in die Nähe der Verwirklichung kommen. Lyes Bedeutung für die kinetische Kunst der 1960er-Jahre kann trotzdem nicht unterschätzt werden. Seine Vision, mit programmierter Maschinenskulptur eine komplett neue Kunst zu schaffen, öffnete den Weg für vieles, was uns heute selbstverständlich und vertraut ist – im Bereich der kinetischen Kunst, vor allem aber in Bereichen der Land Art oder Installation, in denen Lye ganz selbstverständlich vorausgegangen war.

Len Lye starb 1980. Er hatte im Bewusstsein, unheilbar erkrankt zu sein, für sein Werk eine Stiftung gegründet, und somit dafür gesorgt, dass sein Nachlass zurück in die alte Heimat, nach Neuseeland, kam, wo dieser bis heute in New Plymouth, in der Govett-Brewster Art Gallery aufbewahrt und erforscht wird. Die Len Lye Foundation pflegt sein Werk und darf im Einklang mit dem Willen des Künstlers Rekonstruktionen seiner kinetischen Werke herstellen, um so auch heute die programmierte Maschinenskulptur einem jungen Publikum erlebbar zu machen.

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Resonating Spaces

06.10.2019 – 26.1.2020

Fondation Beyeler

Leonor Antunes, Silvia Bächli, Toba Khedoori, Susan Philipsz, Rachel Whiteread

Marlene Bürgi ist seit 2018 kuratorische Assistentin der Fondation Beyeler und hat u.a. an der Ausstellung zu Louise Bourgeois’ Insomnia Drawings mitgewirkt.

Von Marlene Bürgi

Die Herbstausstellung der Fondation Beyeler ist fünf zeitgenössischen Künstlerinnen gewidmet: Leonor Antunes, Silvia Bächli, Toba Khedoori, Susan Philipsz und Rachel Whiteread. Zum ersten Mal stellen die international renommierten Künstlerinnen gemeinsam aus. Anders als bei einer umfassenden Gruppenschau liegt der Fokus auf exemplarischen Werken, die in sehr unterschiedlicher Form eine eigene Qualität von Räumlichkeit entfalten – als Skulptur, Zeichnung oder Soundinstallation. Die Werke evozieren Räume, die zwischen dem Erkennbaren und Flüchtigen oszillieren. Sie schaffen Orte und Ruhepausen, in denen die Fähigkeit des Erinnerns ausgelöst und Bilder lebendig werden.

Raum war lange kein Thema in der Kunst. Seit den 1960er-Jahren haben neue Ausdrucksformen wie Performance, Installation und Film Eingang in die Kunst gefunden, was Räume zu einem wichtigen Aspekt und Erlebnis des modernen und zeitgenössischen Kunstschaffens gemacht hat. Der Titel der Ausstellung lehnt sich an die Bedeutungen der beiden englischen Begriffe resonating und resonance an, die offener sind als die deutsche Bezeichnung des Resonanzraums. In der Ausstellung geht es jedoch nicht um einen thematischen Zugang zum Raum. Vielmehr zielt sie darauf, anhand von fünf Positionen Inhalten oder Gegebenheiten Anschaulichkeit zu verleihen, die zwar in den Arbeiten der Künstlerinnen eine konkrete Präsenz haben, gewöhnlich aber nicht wahrnehmbar sind. 

Klänge: Susan Philipsz

Die schottische Künstlerin Susan Philipsz (*1965) erkundet die plastischen Eigenschaften von Klängen – meist unter Einbeziehung des Raums oder der konkreten Umgebung. Als Ausgangspunkte ihrer Soundinstallationen dienen ihr sowohl vokale als auch instrumentale Tonaufnahmen. Dazu greift Philipsz auf bereits existierende Musikstücke, etwa Popsongs, Volkslieder und neuzeitliche Choräle, zurück, die sie mit ihrer unausgebildeten Stimme und ohne Begleitung intoniert. Seit einigen Jahren sind auch Instrumentalwerke ein wichtiger Teil ihres künstlerischen Werks, wobei unter anderem Funksignale, singende Gläser oder im Krieg beschädigte Blasinstrumente Verwendung finden. Ausgehend von intensiven Recherchearbeiten, eröffnet die Künstlerin Bezüge zu bestimmten historischen oder literarischen Gegebenheiten des jeweiligen Ortes. Dank der überraschenden, auf die Örtlichkeit abgestimmten Klänge wird die Aufmerksamkeit auf die unmittelbare Umgebung gerichtet, sodass diese in neuer Weise erfahren wird.

Spuren: Toba Khedoori

Toba Khedoori (*1964) fertigt grossformatige Zeichnungen und seit einigen Jahren auch kleinere Formate sowie Werke auf Leinen an. Seit Mitte der 1990er-Jahre zeichnet die australische Künstlerin, die heute in Los Angeles lebt und arbeitet, architektonische Gebilde, die sie als Einzelobjekte oder in serieller Reihenfolge ohne vorgegebenen Kontext minutiös ins Bild setzt. Dabei tritt das grosse Format der wachsüberzogenen Papierbahnen stets in Kontrast zur zeichnerischen Präzision. In jüngster Zeit hat Khedoori ihren Fokus jedoch geändert, indem sie ihre Bildobjekte nicht mehr aus der Ferne, sondern aus unmittelbarer Nähe erfasst. Über die naturbezogenen Motive wie Zweige (Bild oben), Berge oder Wolken hinaus wird das Close-up-Prinzip in einigen Werken so gesteigert, dass die Darstellungen nahezu ins Abstrakte kippen. Was die Arbeiten Khedooris verbindet, sind verschiedene Spuren, die auf eine Realität ausserhalb der Bilder deuten: Staub, Haare und kleine Schmutzpartikel in der Wachsschicht sowie ungewöhnliche Lichtreflexe und Schattenwürfe fungieren als subtile Hinweise auf die Aussenwelt jenseits der von Khedoori gestalteten Assoziationsräume. 

Erinnerungen: Rachel Whiteread

Rachel Whiteread, Untitled (Blue View), 2019
Rachel Whiteread, Untitled (Blue View), 2019

Seit den frühen 1990er-Jahren hat die britische Künstlerin Rachel Whiteread (*1963) ein ausserordentliches plastisches Œuvre hervorgebracht. Ihre Skulpturen entstehen aus Abdrücken und Abgüssen von vertrauten Gegenständen, etwa architektonischen Strukturen oder Hohlkörpern, die in ihrer Materialität reduziert werden und dadurch meist fremd wirken. Whiteread verleiht den Negativräumen von Objekten – zum Beispiel von einer Wärmeflasche, einem Schrank oder einem Büchergestell – Gestalt, sodass eigenständige Skulpturen entstehen. Dabei sind nicht nur Einzelobjekte fester Bestandteil ihres Werks, sondern auch eindrucksvolle Abgüsse ganzer Wohnräume. Stets verweisen ihre Werke auf die Abwesenheit der Ausgangsobjekte und damit auf Innen-, Zwischen- und Umräume, die im Alltag meist unbeachtet bleiben. So wird Whitereads Schaffen gleichermassen Bezugspunkt für eigene Erinnerungen.

Leerstellen: Silvia Bächli

Silvia Bächli, Ohne Titel, 2013
Silvia Bächli, Ohne Titel, 2013

Das Œuvre von Silvia Bächli (*1956) umfasst eine Vielfalt von klein- und grossformatigen Zeichnungen. Charakteristisch für ihre frühen Werke, die zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden, sind figurative ebenso wie abstrakte Darstellungen im Kleinformat. Seit etwas mehr als zehn Jahren wendet sich die Schweizer Künstlerin auch grösseren Papierarbeiten zu, die sich zusehends von Verweisen auf gegenständliche Motive lösen. Die Konzentration liegt nun auf Liniengefügen und reduzierten Pinselbahnen, deren Wirkkraft im ständigen Austarieren von Papierfläche und Gezeichnetem wurzelt. Von Anbeginn an hat Bächli ihre Werke als wandelbare Gruppen in Form von oft auch wandfüllenden Installationen präsentiert. Das Zusammenspiel von Zeichnung, Bildrand, Papiergrund und den weissen Wänden der Ausstellungsräume ist dabei von entscheidender Bedeutung. Mittels jener Leerstellen entfaltet sich ein Raum, der auch die Betrachterinnen und Betrachter einbezieht.

Wandlungsfähigkeit: Leonor Antunes

Links: Leonor Antunes, a seam, a surface, a hinge or a knot (Detail), offizieller Beitrag für die 58. Biennale di Venezia, 2019
Leonor Antunes, a seam, a surface, a hinge or a knot (Detail), offizieller Beitrag für die 58. Biennale di Venezia, 2019

In ihren raumgreifenden Installationen setzt sich die portugiesische Künstlerin Leonor Antunes (*1972) mit der Wandlungsfähigkeit der Skulptur und der modernen Formensprache auseinander. Seit den späten 1990er-Jahren hat die Künstlerin ortsspezifische Werke geschaffen, deren geometrische Formen und Materialvielfalt, darunter Leder, Nylon und Messing, auch für ihre aktuellen Arbeiten kennzeichnend sind. Parallel zur Erkundung der Materialität und zum Wechselspiel zwischen Skulptur und Architektur erforscht Antunes auch die historischen und sozialen Hintergründe von Persönlichkeiten aus Architektur, Design und Kunst jenseits des gängigen Kanons. Motive und Elemente, die sie unter anderem Möbelstücken, Textilien oder Druckgrafiken entleiht, bildet sie massstabsgetreu nach und löst sie von ihrer ursprünglichen Funktion. Auf diese Weise verarbeitet Antunes diese spezifischen Referenzen und verleiht ihnen eine skulpturale Gestalt. 

Raumempfinden und Raum empfinden

In vielerlei Hinsicht sind die fünf Künstlerinnen äusserst verschieden: Sie leben nicht nur an unterschiedlichen Orten auf der Welt, auch ihre Ausdrucksmittel und künstlerischen Herangehensweisen, ihre Beschäftigung mit bestimmten Themenbereichen und ihre Arbeitskontexte unterscheiden sich voneinander. Doch gemeinsam ist ihren Werken, dass sie exemplarisch für ein Raumempfinden stehen, um das sich die Ausstellung dreht. Die Installationen, Skulpturen und Zeichnungen erscheinen zunächst zurückhaltend und unaufdringlich, doch gerade darin liegt ihre Wirkkraft, die es uns ermöglicht, Raum gleichsam zu empfinden.