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Edward Hopper in der Fondation Beyeler

In ihrer Frühjahrsausstellung 2020 zeigt die Fondation Beyeler Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen von Edward Hopper (1882–1967), einem der bedeutendsten amerikanischen Maler des 20. Jahrhunderts. Erstmals ist Hoppers einzigartiger Zugang zum Thema Landschaft Schwerpunkt einer Ausstellung.

26.01.2020 – 17.02.2020

Die Autorin dieses Textes, Katharina Rüppell, arbeitet seit 2018 in der Fondation Beyeler. Sie hat als kuratorische Assistentin an der Ausstellung Edward Hopper mitgewirkt.
Die Autorin dieses Textes, Katharina Rüppell, arbeitet seit 2018 in der Fondation Beyeler. Sie hat als kuratorische Assistentin an der Ausstellung Edward Hopper mitgewirkt.

Edward Hoppers weltberühmte Gemälde sind Manifestationen eines unverwechselbaren Blicks auf das moderne Leben. Mit seinen eindrucksvollen Sujets, seiner markanten Bildsprache und seinem virtuosen Farbenspiel prägt der Maler bis heute das Bild Amerikas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Autos, Eisenbahnen, leere Strassen, abgelegene Leuchttürme und Häuser in unendlich weiten Landstrichen, aber auch die neuen Landschaften der modernen Grossstadt – diese Motive kennzeichnen Hoppers Werk. Der Maler brachte den Dingen der alltäglichen Lebenswelt eine hohe Aufmerksamkeit entgegen und verlieh ihnen eine bemerkenswerte bildliche Präsenz. Hoppers Gemälde sind keine naturalistischen Abbildungen, sondern stets Ausdruck seiner persönlichen Wahrnehmung der Welt. Am Beginn des Hopper’schen Malprozesses stand immer die Auswahl charakteristischer Motive. Er filterte das Gesehene und übertrug dessen Essenz  auf die Leinwand. Vor allem dieser Subjektivität der Darstellung verdanken die Bilder ihre unnachahmliche Faszination.

So gab Hopper zum Beispiel in Stairway, einem kleinen Ölgemälde aus dem Jahr 1949, den gewöhnlichen Eingangsbereich eines Hauses scheinbar realitätsgetreu wieder. Die Szene ist inspiriert von seinem Elternhaus in Nyack. Indem er einen ungewöhnlichen, erhöhten Standpunkt auf einer Treppe wählte und in seiner Komposition durch die diagonale Ausrichtung des Treppenhandlaufs den Blick durch die offene Tür auf einen bedrohlichen, dunklen Wald lenkt, wird deutlich, dass es sich dabei um die Abbildung seiner persönlichen Wahrnehmung handelt. Die «richtigen» Motive zu finden, war für Edward Hopper nicht leicht, der Malprozess langwierig. Insgesamt umfasst das Werkverzeichnis nur 366 Ölgemälde.

Edward Hopper, Secon Story Sunlight, 1960
Edward Hopper, Secon Story Sunlight, 1960

Landschaft: Zivilisation und Natur

Die Natur verändert sich ständig. Sie ist, folgt man kunsttheoretischen Überlegungen, in ihrem unablässigen Wandel nicht bildlich zu fixieren. Landschaftsgemälde zeigen stets ein ausgewogenes, statisches Bild der Natur. Vor diesem Hintergrund wird der explizit moderne Ansatz von Hoppers Werken fassbar, der in dieser Ausstellung zum ersten Mal überhaupt hervorgehoben wird: Der Maler deutet die Möglichkeit eines Ausgreifens der Landschaft über den Bildrand an und bezieht dadurch die Idee der bewegten Natur in seine Kompositionen ein. 

Eines der faszinierendsten Landschaftsgemälde, Cape Ann Granite (1928), ehemals Teil der renommierten Sammlung von David Rockefeller, ist der Fondation Beyeler als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt worden. Das grossartige Werk stand am Anfang des Vorhabens, Edward Hopper eine Ausstellung zu widmen und seine besondere Behandlung von Landschaft in den Mittelpunkt zu rücken. Das Bild zeigt ein abschüssiges, mit massiven Felsbrocken übersätes Gelände. Mit der Darstellung von Licht und Schatten auf Felsen griff Hopper ein Motiv wieder auf, mit dem er sich bereits zwischen 1912 und 1923 während diverser Sommeraufenthalte an den Küsten von Maine und Massachusetts intensiv befasst hatte. Eine Auswahl dieser selten ausgestellten Studien wird in der Fondation Beyeler zu sehen sein. Die Schatten verleihen der Landschaft in Cape Ann Granite eine dramatische, dynamische Anmutung. Aber auch die Aufmerksamkeit des Betrachters wird in Bewegung versetzt. Die Schatten und die Neigung des Geländes lenken den Blick nach rechts. Knapp vor dem rechten Bildrand entfaltet sich jedoch ein Tiefensog: Hinter dem Abhang und einigen Sträuchern öffnet sich der Bildraum und gibt die Sicht auf eine grenzenlose blaue Weite frei, in der Himmel und Meer nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. 

Meist thematisieren Hoppers Landschaften Eingriffe des Menschen in die Natur. Motive wie Züge und Autos stehen exemplarisch für die zivilisatorische Erschliessung des ausgedehnten Landes. Auch Hoppers eigene Erfahrung als Reisender hat sich in den Landschaftsbildern niedergeschlagen, indem er mit Strichen, Unschärfen oder anderen kompositorischen Mitteln die Bewegung des Wahrnehmenden und das Vorbeiziehen der Landschaft vor dem Zug- oder Autofenster erfasst hat. Es sind aber oftmals auch leere Strassen oder, wie im ikonischen Ölgemälde Railroad Sunset (1929), unbefahrene Eisenbahnschienen, die den Eindruck von der unermesslichen Weite der Landschaft in Hoppers Bildern bestimmen. Allen Landschaftsdarstellungen hat Hopper einen geometrischen Bildaufbau zugrunde gelegt. Besondere Bedeutung kommt dabei der Betonung der Horizontalen zu: Bildparallel verlaufende Strukturen wie Eisenbahnschienen, Strassen, aber auch die wogenden Hügelketten und der scheinbar grenzenlose Himmel weisen auf die Ausdehnung der Landschaft über den Bildrand hinaus hin. 

Die Andeutung eines weiten Raumes ausserhalb der Bildgrenzen ist ein charakteristisches Merkmal von Hoppers Landschaftsmalerei und trägt oftmals massgeblich zu deren melancholischer, unheimlicher und bedrohlicher Grundstimmung bei. Die verlassene Landstrasse in Gas (1940), einem seiner bekanntesten Bilder, wird links von einem dunklen Wald gesäumt, rechts befindet sich eine Tankstelle, an der ein Tankwart an einer der Zapfsäulen hantiert. Die diagonale Staffelung der leuchtend roten Benzinsäulen entfaltet einen perspektivischen Sog in die Tiefe des Bildes. Er bündelt sich dort, wo die Strasse, auf eine ungewisse Zukunft anspielend, im undurchdringlichen Wald verschwindet. Tankstelle und Tankwart scheinen wie von der Zivilisation abgeschnitten. Seine Spannung bezieht das Bild nicht zuletzt aus dem Gegensatz zwischen dem natürlichen Licht der Abenddämmerung und der künstlichen Beleuchtung der Tankstelle. Die Situation erinnert an eine Filmszene, in der gerade etwas Gefährliches geschehen ist oder gleich geschehen wird. Viele Filmschaffende wie Alfred Hitchcock, Wes Anderson oder Wim Wenders haben sich von diesem spannungsgeladenen Moment in Hoppers Gemälden, der Darstellung eines Zustands in der Schwebe zwischen zwei Ereignissen, inspirieren lassen.

Edward Hopper, Lighthouse Hill, 1927
Edward Hopper, Lighthouse Hill, 1927

In Cape Cod Morning (1950) wird die unheilvolle Spannung durch ein weiteres, für Hoppers Gemälde typisches Bildmittel erzeugt: Eine in einem Erker eines Hauses stehende Frau ist – wie  viele Figuren in Hoppers Bildern – auf etwas fokussiert, das für die Betrachtenden nicht sichtbar ist. Sie wird durch die Architektur des Hauses physisch völlig von der sie umgebenden Natur abgeschirmt. Ihren aufmerksamen Blick richtet die Frau auf einen Punkt oder ein Geschehen ausserhalb des Bildraums. Ihre Körperhaltung lässt eine nahende Bedrohung erahnen.

Die Edward Hopper-Ausstellung der Fondation Beyeler präsentiert zahlreiche bedeutende Meisterwerke, die für gewöhnlich nur in namhaften Museen und Privatsammlungen in den USA zu bewundern sind. Unter den mehr als 60 Ölgemälden, Aquarellen und Zeichnungen zum Thema Landschaft sind sowohl weltberühmte Bilder als auch grossartige Neuentdeckungen vertreten. Die Ausstellung umfasst Werke aus sechs Jahrzehnten und gewährt damit einen umfänglichen und spannenden Einblick in den Facettenreichtum der Hopper’schen Malerei. Organisiert wird die Ausstellung von der Fondation Beyeler in Kooperation mit dem Whitney Museum of American Art, New York, in dessen Beständen sich die weltweit grösste Hopper-Sammlung befindet. 

Als weiteres Highlight wird in einem Ausstellungsraum der 3D-Kurzfilm Two or Three Things I Know about Edward Hopper des renommierten Regisseurs und Fotografen Wim Wenders gezeigt. Für diesen Kurzfilm liess Wenders sich von der Bildästhetik des von ihm hochgeschätzten Hopper inspirieren, wobei er auf poetische Weise anschaulich macht, wie viel das Kino dem grossen amerikanischen Maler verdankt, wie sehr aber auch Hopper vom Kino beeinflusst wurde.

Picasso, Chagall, Jawlensky: Die Sammlung Im Obersteg

22.02.2020 – 24.05.2020

In der Sammlung Im Obersteg befinden sich Meisterwerke von Pablo Picasso, die weltberühmten Judenbildnisse Marc Chagalls von 1914, Alexej von Jawlenskys umfangreiche Werkgruppe sowie sieben eindringliche Gemälde Chaïm Soutines und Werke vieler anderer Künstler. Seit 2004 ist die Sammlung im Kunstmuseum Basel als Dauerleihgabe beheimatet. Die Ausstellung Picasso, Chagall, Jawlensky präsentiert die Basler Privatsammlung im Dialog mit ausgesuchten Werken der Öffentlichen Kunstsammlung. 

Ausgewählte internationale Leihgaben akzentuieren die zentralen Themen der Ausstellung. Dabei handelt es sich meist um Werke, die vormals Teil der Sammlung Im Obersteg waren oder in einem wichtigen Bezug zu ihr stehen. Picassos monumentales Bildnis von Jean Cocteau im Harlekinkostüm, der Arlequin assis (1923), war viele Jahre das Hauptwerk der Sammlung, bis es nach dem Tod Karl Im Oberstegs im Jahr 1969 verkauft wurde. Erstmals seit 50 Jahren macht es die Ausstellung möglich, dieses Meisterwerk aus Privatbesitz erneut im Kontext der Sammlung Im Obersteg zu sehen, begleitet von seinem Geschwisterbild, dem Basler Arlequin assis aus demselben Enstehungsjahr.

Pablo Picasso, Arlequin assis, 1923
Pablo Picasso, Arlequin assis, 1923

Bei einer weiteren Leihgabe handelt es sich um eine Replik von Marc Chagalls Der Jude in Schwarz-Weiss, die der Künstler um 1923 in Paris nach der in der Sammlung Im Obersteg befindlichen Erstfassung gemalt hatte und die sich heute im Palazzo Ca’Pesaro in Venedig befindet. Diese Zusammenführung wird ergänzt und kontextualisiert durch eine Korrespondenz zwischen Karl Im Obersteg, Marc Chagall und dem Sammler Alexandre Kagan-Chabchay, die die Problematik und Bedeutung der Repliken in der Kunst Chagalls thematisiert. 

Die Verkäufe solch wichtiger Werke könnten unter dem Motto «Prüfe alles, behalte das Gute» stehen. Dies schrieb Karl Im Obersteg 1952 in eines seiner Sammlungsalben, das er seinem Sohn Jürg zum 38. Geburtstag schenkte. Er war bereit, sich von Werken zu trennen, wenn dies das Profil der Sammlung schärfte oder die begrenzten räumlichen Gegebenheiten seines Hauses es erforderten. Prominentestes Beispiel war der Eintausch von Marc Chagalls La noce (1911, heute im Musée national d‘art moderne Centre Pompidou, Paris) gegen den Juden in Grün (1914) im Jahr 1935. Nur ein Jahr später erwies sich dieser Tausch als Segen, als sich die Gelegenheit bot, die zwei Geschwisterbilder Der Jude in Schwarz-Weiss und Der Jude in Rot aus Privatbesitz zu erwerben.

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1911
Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1911

Neben den Hintergründen zur Sammlung will die Ausstellung
Picasso, Chagall, Jawlensky dem Publikum die Lebensgeschichte von Karl und Marianne Im Obersteg-Buess nahebringen. Historische Fotografien der Werke in den verschiedenen Wohnsituationen der Familie Im Obersteg vermitteln ein lebendiges Bild des Lebensumfelds des Sammlerpaares. Die Sammlung als Ausdruck einer individuellen Biografie dokumentiert die Entwicklung einer Begeisterung, einer Leidenschaft und einer ästhetischen Präferenz. Karl Im Obersteg suchte keinen gefällig-schönen Wandschmuck, sondern ihn faszinierte die verändernde Kraft der Kunst, ihr im spontanen Schöpfungsakt auflebender Ausdruck. Seine Strategie war, sich mit Kunst zu umgeben, die ihn begeisterte und herausforderte – ein Ziel, das auch die Ausstellung verfolgt.

Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs

08.02.2020 – 23.08.2020

Unser Zuhause ist Ausdruck unseres Lebensstils, es prägt unseren Alltag und bestimmt unser Wohlbefinden. Mit der Ausstellung Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs initiiert das Vitra Design Museum eine neue Debatte über das private Interieur, seine Geschichte und seine Zukunftsperspektiven. 

Die Ausstellung führt den Besucher auf eine Reise in die Vergangenheit und zeigt, wie sich gesellschaftliche, politische und technische Veränderungen der letzten 100 Jahren in unserem Wohnumfeld widerspiegeln. Im Zentrum stehen die grossen Zäsuren, die das Design und die Nutzung des westlichen Interieurs geprägt haben – von aktuellen Themen wie knapper werdendem Wohnraum und dem Verschwinden der Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben über die Entdeckung der Loftwohnung in den 1970er-Jahren, aber auch dem Siegeszug einer ungezwungeneren Wohnkultur in den 1960ern und dem Einzug moderner Haushaltsgeräte in den 1950ern bis hin zu den ersten offenen Grundrissen der 1920er-Jahre. Diese Umbrüche werden anhand von 20 stilbildenden Interieurs veranschaulicht, darunter Entwürfe von Architekten wie Adolf Loos, Finn Juhl, Lina Bo Bardi oder Assemble, Künstlern wie Andy Warhol oder Cecil Beaton sowie der legendären Innenarchitektin Elsie de Wolfe. Die ausgewählten Interieurs zeigen, in welchem Masse die Gestaltung von Wohnräumen durch einzelne Gestalterpersönlichkeiten, aber stets auch durch Einflüsse aus Kunst, Architektur, Mode oder Set-Design beeinflusst werden. Während viele Interieurs heute eine von Möbelanbietern oder Instagram vorgelebte Monotonie aufweisen, zeigt die Ausstellung mit einer Fülle von Exponaten, was für eine reiche, überraschende Disziplin Interior Design sein kann. Auf eindrückliche Art und Weise wird damit die jüngere Geschichte des privaten Wohnens neu entdeckt. Die Ausstellung Home Stories präsentiert entscheidende Wegmarken dieser Entwicklung und zeigt, dass die Frage «Wie wohnen?» heute noch genauso aktuell ist wie vor 100 Jahren.

Im Rahmen der Ausstellung wird auch die begehbare Rekonstruktion der Visiona 2 des dänischen Designers Verner Panton im Feuerwehrhaus zugänglich sein. Die organisch geformte Wohnlandschaft in Rot- und Blautönen, inspiriert von Popkultur und Science-Fiction, gilt als eines der ungewöhnlichsten Wohninterieurs des 20. Jahrhunderts.

Amuse-bouche – Der Geschmack der Kunst

19.02.2020 – 17.05.2020

Die Autorin, Annja Müller-Alsbach, ist Kuratorin der Ausstellung "Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst".
Die Autorin, Annja Müller-Alsbach, ist Kuratorin der Ausstellung „Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst“.

Schmeckt Kunst süss, sauer, bitter, salzig oder gar umami? Welche Rolle spielt unser Geschmackssinn als künstlerisches Material und im sozialen Miteinander? Das Museum Tinguely setzt die Reihe zu den menschlichen Sinnen in den Künsten fort. Nach den Themenausstellungen Belle Haleine – Der Duft der Kunst (2015) und Prière de Toucher – Der Tastsinn der Kunst (2016) präsentiert die Gruppenausstellung Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst vom 19. Februar bis zum 17. Mai 2020 Kunstwerke von rund 45 internationalen Künstler*innen aus dem 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die unseren faszinierenden, gustatorischen Sinn als eine Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung aufgreifen. Die Schau bricht mit der üblichen musealen Praktik, vornehmlich den Sehsinn der Besucher anzusprechen, und bietet ihnen eine Vielfalt von kunsthistorischen, phänomenologischen sowie empirischen Begegnungen mit unserem Geschmackssinn. Einige der Arbeiten können im Rahmen spezieller Führungen durch die Ausstellung und Performances auch geschmacklich erfahren werden.

In der traditionellen Sinneslehre ist der Geschmackssinn durch die direkte physische Berührung bestimmt. Unmittelbar und körperbezogen, über unser Geschmackserleben mit dem Mund und der Zunge, nehmen wir die uns umgebende mannigfaltige Welt wahr. Die Ausstellung im Museum Tinguely stellt verschiedene Fragen rund um die zahlreichen Wirkungsfelder unserer geschmacklichen Erfahrungen: Wie nehmen wir Kunst aus Nahrungsmitteln und deren spezifische Geschmacksnuancen wahr? Was geschieht, wenn unser Mund, beziehungsweise unsere Zunge, plötzlich die Hauptrolle beim Erleben von Kunst spielt? Können Kunstwerke auch ohne direkten physischen Kontakt zum Betrachter dessen gustatorischen Sinn ansprechen? Lassen sich diese Erfahrungen beschreiben und in Bilder übersetzen? Können Aromen als Medium künstlerischen Ausdrucks und Kreativität dienen?

Meret Oppenheim, Bon appétit, Marcel ! (Die weisse Königin), 1966–1978
Meret Oppenheim, Bon appétit, Marcel ! (Die weisse Königin), 1966–1978

In der Ausstellung können u.a. Werke folgender Künstler*-innen entdeckt werden: Farah Al Qasimi, Janine Antoni, Marisa Benjamim, Joseph Beuys, George Brecht, Marcel Duchamp, Karl Gerstner, Damien Hirst, Sarah Lucas, Filippo Tommaso Marinetti, Alexandra Meyer, Miralda-Selz, Nicolas Momein, Anca Munteanu Rimnic, Otobong Nkanga, Emeka Ogboh, Dennis Oppenheim, Torbjørn Rødland, Dieter Roth, Slavs and Tatars, Cindy Sherman, Shimabuku, Daniel Spoerri, Mladen Stilinovic, Sam Taylor-Johnson, Claudia Vogel, Andy Warhol, Tom Wesselmann, Elizabeth Willing, Erwin Wurm, Rémy Zaugg.

In Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst sind allegorische Darstellungen des Geschmackssinns aus dem Barock zu sehen, Positionen von Avantgardekünstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts sowie Exponate aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Der Hauptfokus liegt auf einer repräsentativen Auswahl von Bildern, Fotografien, Plastiken, Videoarbeiten und installativen Arbeiten aus den letzten dreissig Jahren, mit denen die Inkorporation und Geschmackswahrnehmung von Nahrungsmitteln durch den Mund beziehungsweise durch die Zunge auf unterschiedliche Weise thematisiert werden. Präsentiert werden Werke, bei denen Künstler*innen Nahrungsmittel und natürliche Materialien als Aromaträger in unterschiedlicher Form einsetzen.

Sam Taylor-Johnson, Still Life, 1991

Einige der Arbeiten können im Rahmen von speziellen Ausstellungsführungen und Künstlerperformances gekostet werden. Probieren kann man an bestimmten Terminen essbare Pflanzen im Hortus Deliciarum, einem installativ-performativen Projekt der Portugiesin Marisa Benjamim oder die aus Schokolade und Pfeffernüssen bestehenden monumentalen, partizipativen Werke der australischen Künstlerin Elizabeth Willing. Sauerkrautsaft mit dem Label Brine and Punishment ist Teil der Rauminstallation von Slavs and Tatars, einem in Berlin tätigen Künstlerkollektiv. Der säuerliche Powerdrink dient als sinnlich erlebbarer Part in einer intellektuell-philosophischen Auseinandersetzung der Künstler auf Basis von Sprache und der vielschichtigen Wortbedeutung und Interpretation von Fermentation und «sauer werden». Um virulente gesellschaftlich-politische Themen geht es auch dem in Berlin lebenden nigerianischen Künstler Emeka Ogboh mit seinem fortlaufenden Projekt Sufferhead Original. Ausgehend von seiner immer wieder anders schmeckenden Stout-Biermarke, stellt Ogboh auch in seiner neuen Basler Edition die provokative Frage in den Raum «Wer hat Angst vor schwarz?». Darüber hinaus sind Kunstwerke in unterschiedlichen Medien zu entdecken, in denen Geschmackserlebnisse lediglich in der Imagination der Betrachter heraufbeschworen werden.

In der bildenden Kunst sind Lebensmittel und der Akt des Essens schon seit der Antike ein bekanntes Motiv. Vor allem im Barock wird vielen dieser Sujets symbolische Bedeutung zugemessen. Nahrungsmittel und ihre unterschiedlichen Geschmacksnoten sind in Bildern vor allem in Stillleben zentral abgebildet. Dabei geht es sehr oft um tiefere, ikonografische und symbolische Bedeutungsschichten. Allegorische Darstellungen des «niedrigen» Geschmackssinns stehen für Überfluss, Völlerei und Enthemmtheit. Motivisch verweisen Liebespaare oder biblische Szenen wie beispielsweise der Sündenfall in diesen Bildern auf die enge Verknüpfung des Gustatorischen mit dem erotisch-sexuellen Lustempfinden. Mit diesem «Geschmack der Begierde» beginnt die Ausstellung Amuse-bouche und führt zu weiteren Themenkomplexen. Diese sind nicht chronologisch geordnet, sondern orientieren sich weitgehend an den gängigen Grundnoten, die wir mit unseren Geschmacksrezeptoren wahrnehmen können: süss, sauer, salzig, bitter und umami – eine 1908 vom japanischen Wissenschaftler Kikunae Ikeda geprägte Bezeichnung – was im Deutschen am ehesten mit «herzhaft-würzig» und «schmackhaft» umschrieben werden kann.

Einige der präsentierten Kunstwerke sind «ohne Geschmack» und täuschen somit unsere Sinneswahrnehmung. Oder sie kreisen um vielschichtige Hintergründe und Bedeutungsebenen vom «Geschmack des Fremden» und sprechen damit nicht zuletzt brisant-politische Fragen unserer globalisierten Welt an. Geschmackserlebnisse evozieren subjektiv und kulturell stark unterschiedlich geprägte Emotionen, Erinnerungen und Assoziationen, die auch geschichtlichen Wandlungen unterliegen. Ein bestimmtes Aroma kann zuckersüss sein und mundet uns sehr, oder es stösst uns ab und ruft bitter-ernste Bilder des Ekels und Zerfalls hervor. Im alltäglichen Sprachgebrauch umfasst «schmecken» ein weites Feld an unterschiedlichen Bedeutungscodes. Es gibt interessante Verbindungen zwischen der Sinneswahrnehmung bestimmter Geschmacksnuancen und sprachlich-metaphorischen Bildern, die auch beim Erleben von Kunst zum Tragen kommen. Der Einsatz von gustatorischen stimuli in der Kunst geschieht oft subversiv und bricht mit vielen Tabus. Diesen Umstand machen sich Künstler*innen zu- nutze und setzen sich dabei mit den grossen Fragen unserer heutigen Zeit und Gesellschaft auseinander. Das eigene körperliche Selbst und die Möglichkeiten einer multisensorisch-gustatorischen sowie aktionsbasierten Kunst beschäftigten vor allem seit den 1960er-Jahren zahlreiche Künstler*innen. Bei der Kunstproduktion der letzten dreissig Jahre interessieren Crossover und multimediale Erweiterungen von Experimenten rund um das Geschmackserleben. Einige der gezeigten Werke rücken nicht zuletzt die Fragen der multikulturellen Gesellschaft, der Suche nach neuen Ernährungsformen sowie die grosse Diskrepanz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit in den Vordergrund und zeigen, dass eine sensiblere Wahrnehmung der Umwelt und deren fragilen Ressourcen mittels des Geschmackssinns im 21. Jahrhundert aktueller ist denn je.

Making FASHION Sense

16.01.2020 – 08.03.2020

Making FASHION Sense thematisiert die Transformation
der kreativen Prozesse im Modebereich durch Technologie
und Nachhaltigkeit.

Zum Jahresbeginn befasst sich die Ausstellung Making FASHION Sense mit der radikalen Verwandlung von Mode durch Technologie. Roboterarme und Mixed Reality, Hologramme und Drohnen sind auf den internationalen Laufstegen längst in Erscheinung getreten. 

Die Ausstellung erkundet Technologie als transformatives Instrument für Künstler*innen und Designer*innen als auch für die Träger*innen von Kleidung; es geht um die Neuerfindung des Modemachens an sich. Hyperfunktionelle Materialien, welche unsere biometrischen Daten überwachen, gehören ja – insbesondere im Bereich Sport – schon zum Alltag. Kleidung kann ermutigen, trösten, oder körperliches Unbehagen auslösen. Die Ausstellung präsentiert experimentelle «Augmented Fashion»-Objekte, die zu einer neuen Wahrnehmung unseres Umfelds, zu menschlicher Interaktion, und zum Nachdenken anregen.

Clara Dagun, Aura Inside, 2018
Clara Dagun, Aura Inside, 2018

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Reflexion von Modeprozessen an sich. Gezeigt wird Kleidung, die mit nachhaltigen Produktionsmethoden oder mit neuen Materialien hergestellt wurde; nachhaltige Kleidung als Kredo gegen die «Fast Fashion» einer globalisierten Modeindustrie. Kleidungsstücke können uniformierte Monotonie verstärken oder künstlerische Fantasie anregen. Wie bringen programmierbare Kleidungsstücke unsere Körper zum Ausdruck? Verändert Modetechnologie nicht nur unsere Bewegungen, unser Wohlbefinden und unsere Wahrnehmung unserer Mitmenschen, sondern auch unsere kreativen Perspektiven? Kann uns Modetechnologie vor und in einer dystopischen Zukunft schützen – oder verzerrt sie unsere Weltempfindung? 

Künstler*innen und Designer*innen der Ausstellung zeigen Mode, welche durch Technologie nicht nur Silhouetten verändert, sondern auch Produktionssysteme. Basierend auf einer nachhaltigen Produktionsethik entwickeln sie eine neue, sinnvollere Mode-Semantik. Einige Arbeiten sind neu für den Kontext der Ausstellung entstanden, so die neuen Werke von Freya Probst, BioBabes und TheKnitGeekResearch.