Le Corbusier – The Art of Architecture

Le Corbusier – The Art of Architecture
29.09.2007 – 10.02.2008 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

Das Schaffen des Schweizer Architekten in den verschiedensten Disziplinen

2007-03-05FfDas architektonische Werk von Le Corbusier (1887-1965) erstreckt sich über eine Periode von 60 Jahren – von seinen ersten Bauten in seiner Schweizer Heimatstadt La Chaux-de-Fonds über die «weissen Villen» der Zwanziger Jahre, wie etwa die Villa Savoye (1928-31), bis hin zum Spätwerk, zu dessen Höhepunkten etwa die Bauten im indischen Chandigarh (1952-64) gehören. Doch nicht nur als Architekt, sondern auch als Designer, Urbanist, Maler, Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller gilt Le Corbusier als eine der bedeutendsten Figuren im kulturellen Leben des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung «Le Corbusier – The Art of Architecture» gibt einerseits einen Überblick über das Schaffen Le Corbusiers in den verschiedensten Disziplinen. Seine zentralen Architekturprojekte werden dabei ebenso gezeigt wie Originalgemälde, Publikationen oder persönliche Objekte. Andererseits greift sie, gegliedert in die Bereiche «Contexts», «Privacy and Publicity» sowie «Built Art», jene Leitthemen heraus, die für das Verständnis von Le Corbusiers Werk wichtige Ansätze liefern. Dazu zählen sein Interesse am Mediterranen und dem Orient, seine Hinwendung zu organischen Formen in den Dreissiger Jahren, aber auch sein Interesse an neuen Technologien und Medien. So ermöglicht die Ausstellung das ganzheitliche Verständnis eines Oeuvres, dessen Schlüsselidee die «Synthese der Künste» war, welche sich in dem typisch corbusianischen Zusammenspiel von Architektur, Städtebau, Malerei, Design, Film und anderen Disziplinen manifestiert.

Villa Savoye, Poissy, 1928-31 © Pro Litteris
Villa Savoye, Poissy, 1928-31 © Pro Litteris
Den Kern der Ausstellung bildet eine Vielzahl von Exponaten aus der Fondation Le Corbusier in Paris wie Originalgemälde, -möbel, -zeichnungen, -pläne und Skulpturen sowie über 70 Kleinobjekte aus der privaten Sammlung des Architekten, die ihm als Inspiration, Vorlage und Demonstrationsobjekte dienten. Le Corbusiers wichtigste Bauten werden sowohl mit Original- als auch mit eigens neu gefertigten Architekturmodellen und Rauminstallationen veranschaulicht. Zu den beeindruckendsten Exponaten zählen ein monumentales Wandbild aus Le Corbusiers eigenem Büro in der Pariser Rue de Sèvres (1948), ein Grossmodell des Philips-Pavillons (1958), von Le Corbusier selbst gedrehtes Filmmaterial sowie die Rekonstruktion des historischen Modells des «Plan Voisin» (1925), Le Corbusiers utopischen Masterplan für Paris. Dass Le Corbusier stets in engem Dialog mit künstlerischen Zeitgenossen arbeitete, zeigen ergänzende Exponate wie Originalmöbel von Charlotte Perriand und Jean Prouvé sowie Gemälde von Fernand Léger und André Bauchant. Von besonderem Reiz ist die Ausstellung in Frank Gehrys Museumsgebäude in Weil am Rhein aber auch deshalb, weil das Museum nur unweit von Le Corbusiers Bauten in Ronchamp (1950-55) und Kembs-Nifer (1960-62) entfernt liegt. Auf den Dialog zwischen zwei Grossmeistern der Architektur – Le Corbusier und Frank Gehry – darf man gespannt sein.

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Max Ernst – Im Garten der Nymphe Ancolie

Max Ernst – Im Garten der Nymphe Ancolie
12.09.2007 – 27.01.2008 | Museum Tinguely Basel

Von Guido Magnaguagno*

Das Schlafzimmer des Meisters ist ein mirakulöses kleines Aquarell des jungen Künstlers. Auf Holzdielen in waghalsiger Perspektive und extrem vergrösserten Raumverhältnissen tummeln sich die Fabelwesen seiner Träume. Als es mir kürzlich vergönnt war, das Geburtshaus Max Ernsts in Brühl bei Köln zu besichtigen und im Dachstock die engen Kinderzimmer des vielköpfigen Nachwuchses, fiel mir auch jene Zeichnung ein, welche Max Ernst 1934 dem jungen Andres Giedion auf einem Besuch im Zürcher Doldertal widmete. Auf demselben Dachboden entschlüpft darauf der Vogelobre Hornebom einem Riesenei, die Schnäbel sind ihm mit dem Brieföffner von Mutter Carola Giedion-Welcker in Frottage-Technik geschliffen.

Max Ernst, Der Vogelobre Hornebomm, ca. 1934
Max Ernst, Der Vogelobre Hornebomm, ca. 1934
Auf den Namen «Hornebom» hörte dabei ein rosa Kakadu, Max’ «bester Freund», der im Elternhaus Anfang 1906 in jener Nacht starb, als seine Schwester Loni auf die Welt kam. Von da an wurden Vögel Max Ernsts Inkarnationen. Dass «Hornebom» dabei zum vorderhand «obersten» der Vögel avancierte, hatte Max Ernst einem Huldigungsgedicht seines Kölner Dada-Mitstreiters Johannes Theodor Baargeld zu verdanken. Ende der Zwanzigerjahre löste ihn indessen «Loplop» in verschiedenster Vogelgestalt ab, und 1931/32 schuf der Künstler eine wegweisende Serie von Collagen unter der Affiche: Loplop présente … Darunter befindet sich auch ein Blatt, das als Bild im Bild auf der Staffelei des Künstlers einen Blütenzweig präsentiert, hinter dem sich unschwer erkennbar ein feminines Wesen versteckt hält. Von ihm sind als lineare Gebilde zwei Stöckelschuhfüsse und zwei Hände sichtbar, wobei die eine Hand eine Art Schote hält (oder streichelt?).
Max Ernst, Loplop présente ..., 1932
Max Ernst, Loplop présente …, 1932
Als nun der Künstler auf Vermittlung von Siegfried Giedion im Jahr 1934 den Auftrag für ein grosses Wandbild im neu umgebauten Zürcher Dancing «Corso» erhielt, griff er – im Jahr seiner Liaison mit Meret Oppenheim – wohl nicht ganz absichtslos auf diese Collage zurück. In riesig auf 4.15 x 5.31 m vergrösserten und ins Breitformat gezogenen Massstab fügte nun der bereits berühmte und umschwärmte Maler dem fleischigen Blüten- und Blätterwerk eines australischen Tropenbaums an Arp gemahnende oder seine eigene Bemalung von Maloja-Steinen aufnehmende Formen hinzu. Gleichfalls verlängerte er die Blätter zu Flügeln, um so ein insgesamtes «Gefieder» zu evozieren. Die Stöckelschuhe abgestreift, vergnügt sich nun die Nymphe Ancolie, welcher der Dada-Wort-Akrobat das «Mel» abgezwickt hat, im Blätterwerk mit dem von oben einfallenden Loplop. Noch verweist der Name der «Nymphomanin» auf die Akelei, die Blume der Melancholie, indessen knistert und zwitschert es im Blätterwerk sexuell, wie einiges organisches Zubehör in der oberen Bildzone andeutet. Diese Lesart eines lange als blosse Dekoration missverstandenen Wandbildes drängt sich umso mehr auf, als die Restaurierung des Werks nicht allein eine viel hellere, schwebende Farbigkeit freilegt, sondern auch die versteckten Inhalte. Vor Ort können die Ausstellungsbesucher die Verwandlung des Bildes von einer Bildtafel zur nächsten verfolgen und somit die Geburt und Entdeckung eines verborgenen Meisterwerks. Die Metamorphosen des Pflanzlichen ins Menschliche und die Evokation von Paradiesen und Liebesgärten gehören zu den zentralen Themen und Wunschbildern eines Künstlers, der wie wohl kein anderer im 20. Jahrhundert das Unbewusste erforschte. Seine Bildtechniken, wie vor allem das Prinzip Collage, seine Bildromane, die Frottage und Décalcomanies bescheren der Kunst eine Fülle von Bildfantasien, einen unerhörten Assoziationsreichtum, der das Reich der Sinne parallel zu den Erkundungen Sigmund Freuds oder André Bretons auslotet. Zwischen Ödipus und Gradiva, dem Sumpfengel und der Nymphe Echo, Apoll und Daphne.
Der wechselhaften Biografie des deutsch-französischen Künstlers (1891–1976) und seinen beiden Kriegserfahrungen und Exilen entsprechend, vergnügt er sich aber nicht nur in erotischen Gefilden, sondern registriert die Gewaltausbrüche der Zeitgeschichte seit den politischen Kölner Dada-Jahren ebenso. Immer wieder bevölkern Chimären und Barbaren seine Bilderwelt, und schon kurz nach den Aufenthalten in den Gärten der Ancolie und Hesperiden locken die «Flugzeugfallen«, überwuchern Urwälder ganze Städte und verschlingen Fabelwesen. Das Böse und der Tod lauern fast permanent hinter der Schönheit.
So werden in seinem Werk nicht allein seine persönlichsten Wunschträume sichtbar, sondern ebenso die Unwägbarkeiten und Verdunkelungen der Zeitgeschichte. Und als dritte Ebene entwickelt er seit seiner «Histoire Naturelle» die Bildwelt einer Erdgeschichte, in der er die vegetabile Natur als ewige und bestimmende Lebenskraft feiert.
Unsere thematische Ausstellung mit dem Glücksfall der Wiederentdeckung und Restaurierung von Pétales et jardin de la nymphe Ancolie aus dem Jahr 1934 lässt zu, das Werk des Künstlers aus einem innersten Kern aufzufächern. Sie zeigt chronologisch die Genese eines Bildthemas auf, seine Hochblüte und seine Verästelungen: Metamorphosen der Lust und der Gewalt. Wir verdanken diese seit 1963 (!) erste Schweizer Werkschau einer Vielzahl seltenst ausgestellter privater Leihgaben und berühmter Museumsstücke, der inspirierten Ägide des führenden Max-Ernst-Kenners Werner Spies, unserer Konservatorin Annja Müller-Alsbach und einem beflügelnden inneren Ansporn, von dem auch Sie sich leiten lassen mögen. Lassen Sie sich vom Meister in sein Schlafzimmer entführen und erlaben Sie sich unbekümmert wie Loplop am Nektar im Garten der Nymphe Ancolie.

* Guido Magnaguagno ist Direktor des Museum Tinguely

Die Restaurierung der Dauerleihgabe des Kunsthaus Zürich an das Museum Tinguely, «Pétales et jardin de la nymphe Ancolie» von Max Ernst, wird unterstützt durch das Museum Tinguely, ein Kulturengagement von Roche, und die Stiftung BNP Paribas Schweiz.

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Chapeau!

Die andere Sammlung– Hommage an Hildy und Ernst Beyeler
19.08.2007 – 06.01.2008 | Fondation Beyeler

Eine Hommage in Bildern oder Der vor dem gezogenen Hut gezogene Hut, gezogene Hut

Von Oliver Wick*

Pablo Picasso, Nature morte au chapeau, Winter 1908/09
Pablo Picasso, Nature morte au chapeau, Winter 1908/09
Die Erfindung der kubistischen Bildsprache geht oftmals mit einem wortwörtlichen Sprachwitz einher. So erweist Pablo Picasso in seinem 1908/09 gemalten vorkubistischen Stilleben Nature morte au chapeau dem bewunderten Paul Cézanne die Ehre. In einer sachlich bereinigten, von Henri Rousseau abgeleiteten Malmanier zieht er den Hut vor Cézannes Hut, einer Melone der englischen Businessmen, die wohl an die vom Vater auferzwungene Ausbildung Cézannes zum Bankier erinnern soll, bevor er seiner inneren Berufung zum Maler folgen konnte. Nicht von ungefähr kleidet Picasso dieses malerische Bekenntnis in die Form eines Stillebens, das bis hin zum opulenten Stoffmuster dem grossen Meister Reverenz erweist und damit jene Gattung verherrlicht, für die Cézanne unvergänglich in die Geschichte der Malerei eingegangen ist. Dass dies im Stile Rousseaus erfolgt, tut der Sache keinen Abbruch, im Gegenteil, in doppelter Weise wird auch diesem grossen «Naiven» alle Ehre erwiesen. Kein Bild könnte deshalb besser den Auftakt zu dieser Hommage in Bildern markieren, die wir für Ernst und Hildy Beyeler ausrichten, und in einem wahrlich bildlichen Sinne den Hut vor diesem unglaublichen Lebenswerk ziehen. Dies in der gemalten Form eines Picassos zu tun, ist angesichts seiner geradezu dominanten Stellung in beinahe jeder Situation dieses ungewöhnlichen Galeriealltags von unumstösslicher Richtigkeit. Seine Kunst war das Mass aller Dinge, Prüfstein und Ausdruck für höchste Qualität, aber auch – speziell bei dem von den Beyelers hochgehaltenen Spätwerk – Zeichen für ungestüm aufgewühlte Zeitgenossenschaft.
Pierre Bonnard, La grande baignoire (Nu), 1937–39
Pierre Bonnard, La grande baignoire (Nu), 1937–39
An die geschätzte 16 000 Kunstwerke, Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen sind in den vergangenen sechzig Jahren durch die Hände der Beyelers in der Bäumleingasse 9 in Basel gegangen, wo sie von 1947 an das zwei Jahre zuvor von Oskar Schloss übernommene Buchantiquariat in eine anfänglich kleine, noch stark antiquarisch geprägte Galerie umgewandelt haben. Schon der Versuch einer groben Auswahl erscheint unangemessen. Denn bei solch einer Fülle gibt es nicht nur weit mehr als einige wenige erlesene Bilder, die zum Vorzeigen geeignet wären, auch wäre es ebenso verfehlt, nur das herausragendste und somit wohl auch in einem merkantilen Sinne teuerste Gemälde auszuwählen, würde doch damit das Intime und Persönliche wie vielleicht auch das Unerwartete und Entlegene keine Berücksichtigung finden. Doch gerade darin manifestiert sich der Charakter, der diese erfolgreiche Kunsthandelstätigkeit auszeichnet und über die Jahre hinweg die ästhetische Vorauswahl, die für die Kunden getroffen wurde, entscheidend geformt und geprägt hat. Das hier im Dialog mit der eigenen Sammlung gezeigte Werkensemble, eben diese Andere Sammlung, ist somit selbst Frucht einer persönlichen Wahl und Autorschaft. Die vorgenommenen Setzungen, die Einzelwerke und Bildgruppen, aber auch die Auslassungen sind alle als Versuch zu werten, eine ebenso repräsentative wie in sich konsistente Würdigung in Form von Bildern zu realisieren. So war es weniger die Suche nach dem absoluten Meisterwerk – dem Chef d’Œuvre inconnu – oder die Anhäufung von Highlights möglichst vieler Künstler, die je gehandelt wurden, die dieses ausstellerische Unterfangen leiteten, sondern das Bestreben, die Kunstwerke in schlichter Selbstverständlichkeit in diese herrlichen Museumsräume von Renzo Piano hineinwachsen zu lassen. So fügen sich die Bilder von Monet, Gauguin, van Gogh, Cézanne, Bonnard, Rousseau, Picasso, Braque, Gris, Kandinsky, Mondrian, Miró, Léger, Matisse, Arp, Calder, Giacometti, Klee, Ernst, Dubuffet, Bacon, Pollock, Newman, Lichtenstein, Rauschenberg, Warhol und Kelly, alles in allem 140 Leihgaben und 80 Sammlungswerke, in überwältigender Schönheit zu einem veritablen Musée imaginaire und erinnern nicht nur an die vielen Ausstellungen der Galerie Beyeler, sondern lassen auch einige der Ausstellungsprojekte anklingen, die in den letzten zehn Jahren in der Fondation Beyeler realisiert werden konnten. Freilich, mit diesem Musée imaginaire wären noch viele Museen zu füllen, wie auch viele Bilder Eingang in die Museen dieser Welt gefunden haben. Die Dimensionen des Beyelerschen Kunsthandels haben das Legendäre längst überschritten und das Globale sowieso, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht in irgendeinem Verkaufskatalog Kunst mit der Provenienz Galerie Beyeler begegnet, und dem wird auch noch lange so sein.
So schliessen wir und rufen Ihnen beiden, Herr und Frau Beyeler, nochmals herzlichst zu: Chapeau! Und danke für diesen wunderbaren Ort lebendiger Begegnung mit Kunst, diesen grossartigen Arbeitsplatz und die prägende Herausforderung im Umgang mit Bildern von höchster Qualität.

* Oliver Wick ist Gastkurator der Ausstellung

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Die andere Sammlung

Die andere Sammlung – Hommage an Hildy und Ernst Beyeler
19.08.2007 – 06.01.2008 | Fondation Beyeler

Das Wirken und Schaffen der Galeristen und Museumsgründer Hildy und Ernst Beyeler

Von Christoph Vitali*

Vincent van Gogh, L’Arlésienne, 1890 © Pro Litteris
Vincent van Gogh, L’Arlésienne, 1890 © Pro Litteris
Es bedarf einiger Fantasie, um sich vorzustellen, dass die weltberühmte Sammlung der Fondation Beyeler mit ihren zahlreichen Glanzlichtern der Kunst des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts nur das Nebenprodukt eines Galeriebetriebs sein soll. Tatsächlich war und ist Ernst Beyeler aber an erster Stelle Galerist, zu dem überzeugten und engagierten Sammler musste er hingegen erst im Laufe der vergangenen sechs Jahrzehnte werden. Viele der Werke, die heute den Kernbestand der Sammlung bilden, haben den Weg dorthin nur deshalb gefunden, weil sie schlicht und ergreifend zum Zeitpunkt des Erwerbs unverkäuflich waren. In solchen Fällen legte Ernst Beyeler das Werk beiseite und hoffte auf bessere Zeiten. Dies war beispielsweise bei den späten Werken von Paul Klee aus den letzten Schweizer Jahren von 1933 bis zum Tod des Künstlers im Jahre 1940 so, bei den zahlreichen Gemälden von Piet Mondrian, aber auch bei den Spätwerken von Claude Monet. Dessen grossartiger Seerosenteich (1917–1920) war einer der Auslöser dafür, dass sich Ernst Beyeler mehr und mehr mit dem Gedanken an ein eigenes Museum befasste. Denn obwohl er das monumentale Triptychon jahrelang in der Galerie ausstellte, fand sich unverständlicherweise kein Käufer – heute wird die Fondation Beyeler von der gesamten Kunstwelt um dieses einzigartige Gemälde beneidet. Gleiches gilt für Kandinskys schon 1950 von Ernst Beyeler erworbene Improvisation 10 (1910), die den Beginn der abstrakten Malerei markiert. Wie kein anderes steht dieses Werk für die Sammelleidenschaft Ernst Beyelers, konnte er es doch erst nach langen Jahren zähen Ringens wirklich sein Eigen nennen.
Joan Miró, Métamorphose, 1936 © Pro Litteris
Joan Miró, Métamorphose, 1936 © Pro Litteris
Die Ausstellung «Die andere Sammlung», die am 18. August eröffnet wird, ist dem Wirken und Schaffen der Galeristen und Museumsgründer Hildy und Ernst Beyeler gewidmet. In der Ausstellung wird die Sammlung der Fondation, die den Besuchern längst ans Herz gewachsen ist, rund hundert der bedeutendsten Werke gegenübergestellt, die Hildy und Ernst Beyeler an zahlreiche grosse Museen und wichtige private Sammler in der ganzen Welt verkauft haben. Dass diese Auswahl nur ein Schlaglicht auf die kunsthändlerische Tätigkeit der Galerie zu werfen vermag, versteht sich von selbst: Schliesslich sind im Laufe seines langen Berufslebens mehr als zehntausend Kunstwerke durch die Hände Ernst Beyelers gegangen.
Ein wahrlich inspirierender Rundgang durch die Kunstgeschichte erwartet den an der modernen Kunst Interessierten in der Ausstellung. Werke von epochemachenden Künstlern, die zum grossen Teil bereits aus der Sammlung vertraut sind, fordern zum erhellenden Vergleich heraus. Von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Vincent van Gogh, den Spätimpressionisten über wiederum Wassily Kandinsky, Fernand Léger, Paul Klee bis hin zu Joan Miró, Henri Matisse und Piet Mon-drian ist alles vertreten, was in der klassischen Moderne Rang und Namen hat. Auch bei den Protagonisten der 1960er- und 1970er-Jahre liest sich die Exponateliste wie das Who’s Who der internationalen Kunstszene dieser Zeit: Werke von Willem de Kooning, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Jean Dubuffet und Roy Lichtenstein werden zu sehen sein, um nur einige zu nennen. Ein Name darf auch in der «anderen Sammlung» selbstverständlich nicht fehlen: Pablo Picasso, der grösste Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt. Ernst Beyeler ist ihm noch mehrmals persönlich begegnet und durfte sich der besonderen Wertschätzung des Künstlers erfreuen. Immerhin öffnete der Jahrhundertkünstler dem Galeristen einmal sein Bilderlager und liess ihm mit den Worten «Choissisez!» freie Hand bei der Auswahl der Werke. Kein Wunder also, dass Picasso mit allein 30 bedeutenden Werken einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet, darunter auch solche der blauen und der rosa Periode. Das Spätwerk Picassos ist repräsentativ vertreten: Während es von der Kunstszene lange Zeit geschmäht wurde, hatte Ernst Beyeler bereits sehr früh dessen Bedeutung erkannt und sich als Sammler wie auch als Kunsthändler darum verdient gemacht.
Pablo Picasso, Femme à la couronne de fleurs, 1939 © Pro Litteris
Pablo Picasso, Femme à la couronne de fleurs, 1939 © Pro Litteris
Es wird besonders spannend sein, zu beobachten, auf welches Interesse die Ausstellung stossen wird. Bei unseren Schweizer Besuchern, die die ausserordentliche Karriere eines der wichtigsten Kunsthändler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, fernab von den grossen Kunstzentren Paris, London und New York, aus der Nähe verfolgt haben, dürfen wir sicher sein, dass sie auch die Ausstellung mit grosser Spannung miterleben werden. Allein die Kraft der Werke und ihre magnetische Ausstrahlung werden fraglos, so hoffen wir es zumindest, auch zu reger Anteilnahme unserer Besucher aus Deutschland und Frankreich führen. Auf jeden Fall sind wir hinsichtlich des Besuchs der «anderen Sammlung» sehr zuversichtlich und freuen uns auf Ihren Besuch.
*Christoph Vitali ist Direktor der Fondation Beyeler

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Jasper Johns – An Allegory of Painting. 1955-1965

Jasper Johns – An Allegory of Painting, 1955-1965
02.06.2007 – 09.09.2007 | Kunstmuseum Basel
Das Kunstmuseum Basel zeigt das Frühwerk des Amerikaners anhand von wichtigen Leihgaben aus des USA und Europa

Jasper Johns, Target with Four Faces, 1955 © Pro Litteris
Jasper Johns, Target with Four Faces, 1955 © Pro Litteris
Exklusiv in Europa wird das wegweisende Frühwerk des 1930 geborenen Amerikaners Jasper Johns gezeigt, der heute in Connecticut lebt und eine langjährige freundschaftliche Beziehung mit dem Kunstmuseum Basel unterhält. Ab Mitte der 50er Jahre malt er mit gestischer Pinselhandschrift alltägliche Motive wie eine Zielscheibe, montiert aber auch auf unmittelbare Weise reale Objekte, vor allem Relikte des Malprozesses, auf die Leinwand und schafft so eine vieldeutige Beziehung zwischen dem fiktiven Raum der Kunst und der materiellen Gebrauchswelt. Johns distanziert sich von der ungegenständlichen Absolutheit des abstrakten Expres­sionismus und entwickelt neue Bildtechniken. Sein Werk ist nicht nur entscheidend für die Entstehung der Pop-Art, sondern auch für manch andere Neuerung in der Malerei. Die Ausstellung konzentriert sich in Form von Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken auf vier exemplarisch ausgewählte, möglichst vollständige Motivbereiche, auf ihre Varia­tion, insbesondere aber auf ihr freies Ineinandergreifen über die Dauer von zehn Jahren.
Dieses vielverzweigte Bezugsfeld entsteht zwischen der signalartigen Zielscheibe, der Präsenz von mechanischen Hilfsmitteln zur Bildherstellung (so einer drehbaren Holzleiste, die zirkelartig kreisrunde Konturen zieht, aber auch zum gleichmässigen Verstreichen von Farbe eingesetzt wird), der Nennung und Verwendung der Grundfarben Rot, Gelb, Blau sowie des eigenen Körperabdrucks oder -abbildes. Auftakt bilden 1955 die konzentrischen Kreise einer Zielscheibe, die sowohl Figuratives als auch Abstraktes ansprechen, aber jede Zuordnung meiden. Dabei reflektiert Johns weniger, wie später die Pop-Art, die endlos reproduzierbare Wirklichkeit der Massenkultur, sondern lotet vielmehr auf bildhafte Weise den Akt und die Bedingungen der Malerei aus, die auch zeichnerisch und druckgrafisch weiterentwickelt werden. Dies thematisiert Johns auf eine neuartige Weise, die grosse Skepsis und intuitives Geschehenlassen vereint. Diese Dualität bildet denn auch ein zentrales Spannungsmoment von Johns’ Schaffen des ersten Jahrzehnts, das bei aller Direktheit doch nichts preisgibt und oft unergründlich bleibt.
Erstmals wird die zentrale Bedeutung des prozesshaften Weiterentwickelns von unterschiedlichen Themenbereichen in der Kunst von Jasper Johns deutlich und auf unmittelbare Weise nachvollziehbar. Die von der National Gallery of Art, Washington organisierte Ausstellung präsentiert rund siebzig zentrale Leihgaben von Museen und Privatsammlungen aus den USA und Europa.

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