Josef Helfenstein über William Kentridge

08.06.2019 – 13.10.2019

Der Südafrikaner William Kentridge (*1955) gehört zu den international bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern. Er ist nicht nur bildender Künstler, sondern auch Filmemacher und Regisseur. Seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten bewegt sich sein umfassendes Schaffen durch unterschiedliche künstlerische Medien wie Animationsfilm, Zeichnung, Druck, Theaterinszenierung und Skulptur.
Ein Interview zur Ausstellung im Kunstmuseum Basel mit Direktor Josef Helfenstein

Josef Helfenstein, was fasziniert Sie an William Kentridge?

Ich bin seit Jahrzehnten an William Kentridge und seiner Kunst interessiert. Die Intensität und Qualität seines Werkes ist aussergewöhnlich. Und im Gegensatz zu anderen Künstlern, die seit langer Zeit im Rampenlicht stehen, lässt seine Qualität nicht nach. Das ist bemerkenswert. Dazu kommt die Vielschichtigkeit seines Werkes – er arbeitet nicht nur als Zeichner und Maler, sondern benutzt alle Medien. Er ist auch Performer, arbeitet mit Theater und Film, schafft Druckgrafiken. Und er hat das Kulturzentrum «Centre for the Less Good Idea» in Johannesburg gegründet. In seinem Land ist er ein Katalysator für die Kunstszene. Kentridge hat zudem nie für den Elfenbeinturm gearbeitet. Seine Medien sind extrem ephemer, seine Zeichnungen werden verwischt. Was übrig bleibt, ist das bewegte Bild – und das ist per definitionem nicht fassbar. 

Warum finden Sie diese Ausstellung wichtig?

Weil diese Kunst uns heute viel zu sagen hat. Kentridges Blickwinkel kommt vom Rand her. Er arbeitet nicht in einem Zentrum wie New York, Berlin oder London, auch nicht in Tokio oder Hongkong, sondern in Südafrika. Die Marginalisierung von Kulturen und von Sichtweisen ist zentral in seinem Werk, sie bedeutet eine Art Gegenmittel zu unserer eurozentristischen Sicht und ist nicht nur wichtig, sondern erhellend. Die Fragen oder Wunden unserer Zeit – das, was uns beschäftigt und was wir nicht verarbeitet haben – ist in seinem Werk vorhanden .

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Etwa das menschliche Grundthema der Flucht, der Verfolgung und Entwurzelung. Bei ihm geht es auch um die Aufarbeitung des Kolonialismus. Apartheid, Diskriminierung, das sind Themen, die uns immer noch und endlos beschäftigen. Hier hat Kentridge eine neue Sichtweise eingebracht. Aber auch die Zerstörung der Umwelt und andere globale Themen sind in seinem Werk vorhanden. Ohne dass er sie banal oder plakativ präsentiert.

William Kentridge, More Sweetly Play the Dance, 2015
William Kentridge, More Sweetly Play the Dance, 2015

Es gab in letzter Zeit mehrere Ausstellungen in Europa. Was ist im Kunstmuseum Basel anders?

Die Ausstellung wird Material präsentieren, das so noch nie gezeigt worden ist. Wir arbeiten eng mit William Kentridge zusammen. Wir legen einen starken Fokus auf das Frühwerk mit vielen Leihgaben aus südafrikanischen Museen und Privatsammlungen, die selten oder noch nie in Europa gezeigt wurden. Kentridges Frühwerk ist für uns nicht nur wichtig, weil dort die Wurzeln seines Denkens und Schaffens sichtbar werden, sondern weil er sich mit seinem drastischen, figurativen Zeichnungsstil auch auf den Expressionismus und andere Epochen bezieht, die in der Sammlung des Kunstmuseums Basel wichtig sind. George Grosz, Otto Dix, Max Beckmann – Kentridge ist ein Fan und sehr guter Kenner dieser Künstler, und es finden sich stilistische Verbindungen. Dazu kommen wichtige neue Arbeiten. Zum Beispiel wird seine letzte grosse Arbeit The Head & The Load, die 2018 in Form einer Performance in der Turbine Hall der Tate Modern in London aufgeführt wurde, erstmals in einem Museum in einer kondensierten Form gezeigt. Und einige Zeichnungen und grosse Druckgrafiken wurden für diese Ausstellung neu geschaffen.

In einem dieser Werke, seiner Drawing Lesson Number 50, bezieht Kentridge sich explizit auf die Sammlung des Kunstmuseums. Was hat ihn dazu inspiriert?

Der Film heisst A Praise Of Folly, auf Deutsch Das Lob der Torheit, was sich natürlich auf die bekannte Schrift von Erasmus von Rotterdam bezieht, die dieser Anfang des 16. Jahrhunderts in Basel verfasst hat. Sie passt sehr gut zu Kentridges ironischer und manchmal melancholischer Art, Geschichte zu interpretieren. Torheit hat ja auch eine melancholische Komponente, denn oft ist es eben nicht die Vernunft, die siegt. Dieses Denken und die Erfahrung sind bei Kentridge tief verwurzelt. Er hat einen jüdischen Hintergrund, kommt aus einer Familie, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor den Pogromen in Litauen flüchten musste. Er selber ist aber immer in Johannesburg geblieben, obwohl er problemlos wegkönnte. Doch die Energie, die er aus der Stadt schöpft, ist ein Motor für sein Werk.

William Kentridge, The Head & the Load, 2018
William Kentridge, The Head & the Load, 2018

Seine Biografie ist wichtig für seine Arbeit?

Ja, auch, aber seine Sicht auf die Welt ist sehr weit und sein Schaffen immer wieder inspiriert von neuen Erfahrungen und gesellschaftlichen, historischen oder politischen Realitäten, die uns immer noch beschäftigen. Wie sein Bezug auf Erasmus hier in Basel. Für die Biennale in Istanbul 2015 thematisierte er, wie Leo Trotzki dort auf seiner Flucht vor Stalin Halt gemacht hatte. Daraus hat er die ganze Pervertierung eines totalitären Regimes abgeleitet – eine grossartige Arbeit. Auch die Kulturrevolution in China hat er thematisiert. Viele solche weltgeschichtliche Themen spielen eine Rolle in seinem Werk, aber nie auf eine illustrative oder banale oder simple Art. Sie haben immer einen Gleichnischarakter. Kentridge will sich mit dem Ort, an dem er arbeitet, befassen, auch physisch und auf alltägliche Art und Weise. Bei einem seiner Besuche in Basel etwa wollte er unbedingt im Rhein schwimmen, als er erfuhr, dass man das hier machen kann. Und das haben wir dann nach einem langen Arbeitstag auch getan.

Worauf haben Sie in der Ausstellung den Akzent gelegt?

Ein wichtiger Akzent liegt sicher auf dem Gleichnis oder der Tragik des Menschen, der nie zur Ruhe kommt. Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte des Nomadisierens, von dauernder Veränderung, von erzwungener Bewegung und Heimatlosigkeit. Migration, Prozession, nicht in einem kirchlichen Sinne, erzwungene Wanderung, das ist das Thema der Ausstellung. Was wir in Kentridges Filmen immer wieder sehen, sind Leute, die ihr ganzes Hab und Gut auf dem Rücken mit sich tragen. Zum Beispiel in The Head & The Load. Es gibt eine Art grosse Klammer in der Ausstellung zwischen dem Untergeschoss im Neubau, wo wir Shadow Procession zeigen, in der Leute ununterbrochen unterwegs sind, und dem obersten Stockwerk des Kunstmuseum Basel | Gegenwart und der riesigen Installation More Sweetly Play The Dance, in der es um Ähnliches geht.

Bei den gerade erwähnten Werken handelt es sich um grosse, komplexe Installationen. Lässt sich das im Kunstmuseum Basel | Gegenwart problemlos einrichten?

Das Einrichten der Ausstellung ist tatsächlich eine hochkomplexe und für unser Team sehr anspruchsvolle Angelegenheit. Technisch ist das etwas vom Aufwendigsten, was wir je gemacht haben. Und auch wegen der Materialfülle: Kentridge liebt Archive und den Überfluss von Material, da ist einiges zusammengekommen.

Die Ausstellung läuft über alle drei Stockwerke. Als Besucher soll man wohl viel Zeit mitbringen?

Ja, aber es lohnt sich. Es ist eine Gesamterfahrung, die sowohl für Herz wie Verstand ist und mit Bild, Wort, Musik und Tanz alle Sinne anspricht und synästhetisch wirkt.

Zur 50. Ausgabe von Artinside

Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel, ist Kunsthistoriker und Kurator der Ausstellung «William Kentridge». Karen Gerig, Verantwortliche Kommunikation am Kunstmuseum Basel und Kunsthistorikerin, hat die Fragen gestellt.
Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel

Mit dem vorliegenden Heft halten Sie die 50. Ausgabe des Artinside in Händen. Seit 16 Jahren informieren die Basler Kunstmuseen Sie auf diesem Weg über Ausstellungen, Vernissagen und andere Programmpunkte. Noch älter ist die Geschichte der Art Basel, die mit inzwischen zahlreichen Nebenmessen und -events das internationale Publikum nach Basel lockt. Die Museen verwöhnen es alljährlich mit einem reichhaltigen Programm und hervorragenden Ausstellungen – auch in diesem Jahr haben sie keinen Aufwand gescheut. Zur 50. Ausgabe von Artinside weiterlesen

Rudolf Stingel in der Fondation Beyeler

26.05.2019 – 06.10.2019

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist die erste grosse Präsentation von Rudolf Stingel in Europa nach derjenigen im Palazzo Grassi in Venedig (2013) und die erste in der Schweiz seit jener in der Kunsthalle Zürich (1995). Die Auswahl sowie die Installation der Werke sind speziell auf die von Renzo Piano entworfenen Räume der Fondation Beyeler abgestimmt worden. Einige Gemälde sind erst in diesem Jahr entstanden und werden im Rahmen der Ausstellung erstmals gezeigt. Zudem werden neue
ortsspezifische Werke aus Teppich und Celotex-Isolationsplatten präsentiert.

Die Autorin dieses Textes, Rahel Schrohe, ist Assistenzkuratorin der Fondation Beyeler. Sie hat die Ausstellung «Rudolf Stingel» mitkuratiert.
Die Autorin dieses Textes, Rahel Schrohe, ist Assistenzkuratorin der Fondation Beyeler. Sie hat die Ausstellung «Rudolf Stingel» mitkuratiert.

Von Rahel Schrohe

Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat Rudolf Stingel den Begriff dessen erweitert, was Malerei sein kann und wodurch sie definiert wird. Seit Anbeginn seiner Karriere in den späten 1980er-Jahren erkundet er ihre Möglichkeiten und medienspezifischen Grenzen im Wechselspiel künstlerischer Verfahren, Materialien und Formen. Neben verschiedenen Serien abstrakter und fotorealistischer Gemälde entstehen grossformatige Werke aus Styropor, aus Metall gegossene Bilder sowie mit Teppichen oder silbernen Isolationsplatten ausgekleidete Räume, die berührt und betreten werden dürfen. Bereits ein Blick in Stingels erstes Künstlerbuch, 1989 unter dem Titel Anleitung erschienen, gibt Aufschluss über seine unkonventionelle Haltung. In sechs Sprachen und begleitet von illustrierenden Schwarz-Weiss-Fotografien beschreibt er darin jeden einzelnen Herstellungsschritt seiner mithilfe von Tüll und Emaille geschaffenen abstrakten Gemälde: Ölfarbe soll demnach mit einem handelsüblichen Rührgerät angemischt und auf die Leinwand aufgetragen werden. Darüber wird eine Schicht Tüll gelegt und mit Silberfarbe besprüht. Entfernt man den Tüll anschliessend, bleibt eine scheinbar dreidimensionale Farbfläche zurück, die an eine von Adern durchzogene Landschaft erinnert. Die Anleitung suggeriert: Befolgt man diese offenbar ganz einfach umzusetzende Handlungsanweisung, so entsteht ein eigener «Stingel».
Doch lässt man sich weiter auf dieses Gedankenspiel ein, so wird schnell deutlich: Selbst wenn alle Handlungsschritte genau beachtet werden, mag vielleicht ein wunderschönes Werk entstehen, doch eigenständig ist es keineswegs – denn man selbst bleibt dabei stets die ausführende Hand des Künstlers und Teil eines von ihm erdachten Konzepts. In einer humorvollen und selbst-
ironischen Weise kommentieren die Anleitungen somit Kunstmarkt und Kunstbetrieb. 

Rudolf Stingel, Untitled, 2012
Rudolf Stingel, Untitled, 2012 (Detail)

Partizipation

In den frühen 1990er-Jahren erweitert Stingel sein Repertoire und schafft neben abstrakten Gemälden erstmals ortsspezifische Werke. In seiner ersten Galerieausstellung, 1991 in der Daniel Newburg Gallery in New York, präsentiert er nur eine einzige Arbeit: Der gesamte Galerieraum ist mit einem leuchtend orangefarbenen Spannteppich ausgelegt, die Wände bleiben komplett frei. Wenig später zeigt er erneut einen einfarbigen Spannteppich, der nun aber an einer Ausstellungswand des ansonsten leeren Raumes angebracht ist. Während die Besucherinnen und Besucher der Galerie unfreiwillig auf dem am Boden ausgelegten Teppich ihre Fussspuren hinterliessen, sind sie nun ausdrücklich eingeladen, mit den Händen, grossen Pinselstrichen gleich, die Teppich-
oberfläche zu glätten oder aufzurauen. Der Teppich wird zu einem Bild, in dem malerische Gesten temporär sichtbar, nach und nach jedoch verwischt und überschrieben werden. 

Rudolf Stingel, Untitled, 2015
Rudolf Stingel, Untitled, 2015

In den späten 1990er-Jahren beginnt Stingel handelsübliche Styroporplatten zu bearbeiten. Als Bilder an der Wand hängend präsentiert, zeigen diese flächendeckend eingeritzte Linien und Muster oder aber die Fussabdrücke des Künstlers. Seit Anfang der 2000er-Jahre lässt Stingel ganze Räume mit reflektierenden, silbernen Isolationsplatten auskleiden, die dazu einladen, in dem weichen Material Botschaften, Initialen und gestische Zeichen zu hinterlassen. Diese Installationen zielen also auf Teilhabe, doch unterliegen sie den gleichen werkimmanenten Einschränkungen wie die gemäss der früheren Anleitung gefertigten Arbeiten: Zwar kann jede Besucherin und jeder Besucher am künstlerischen Prozess der Werkentstehung mitwirken und sich im Werk verewigen, doch geschieht dies immer nur im Sinne eines zufälligen, unkontrollierbaren Moments innerhalb der vom Künstler vorgegebenen Rahmenbedingungen. Auf eine vergleichbare Weise kalkuliert Stingel mit dem Zufall in der Arbeit an einigen Ölgemälden. Fertig gemalte Leinwände breitet er für längere Zeit auf dem Atelierboden aus, sodass sie die Spuren des künstlerischen Alltags und der Arbeit an anderen Werken aufnehmen. Farbspritzer und Fussabdrücke legen sich über abstrakte und fotorealistische Malerei.

Zeit und Zufall

Stets konzentriert sich der Künstler nicht auf das Einzelwerk als solches, vielmehr entsteht um ein bestimmtes Motiv eine ganze Reihe vergleichbarer und miteinander verbundener Werke. Ein Motiv kann zwischen Bildern und Materialien wandern und in ganz verschiedenen Versionen auftauchen. Der vormals in der Daniel Newburg Gallery in New York in der Horizontalen gezeigte leuchtend orangefarbene Spannteppich etwa begegnet uns als neues Werk an einer Wand in der Ausstellung der Fondation Beyler wieder. Die von Stingel in Auftrag gegebene Fotografie einer Hand mit Spritzpistole, die einst seine Anleitung illustrierte, wurde in ein grossformatiges fotorealistisches Gemälde übersetzt. Die Einritzungen, die frühere Installationen aus Celotex-Platten zierten, hat er ausschnitthaft in einem aufwendigen und zeitintensiven Prozess in tonnenschwere Bilder aus Metall übertragen. Muster historischer Tapeten oder Teppiche ebenso wie die Motive vorgefundener Fotografien haben vergrössert und unter Einbeziehung der Spuren, die die Zeit auf ihnen hinterlassen hat – wie Staub und Fingerabdrücke –, als fotorealistische Malerei ihren Weg auf die Leinwand gefunden.

Spuren des Malerischen

Was alle Werke Stingels somit ungeachtet ihrer materiellen Unterschiedlichkeit verbindet, sind die zufälligen oder bewusst gesetzten Spuren des Malerischen. Zeit und Zufall treten auf der Oberfläche in Erscheinung und zeugen von Veränderung, aber auch von Zerstörung. Auf diese Weise formulieren Stingels Arbeiten ganz grundsätzliche Fragen zum Verständnis und zur Wahrnehmung von Kunst, zu Erinnerung und Vergänglichkeit.

Die Auswahl sowie die Installation der Werke sind speziell auf die von Renzo Piano entworfenen Räume der Fondation Beyeler abgestimmt. Von Raum zu Raum konzipiert, folgt die von Gastkurator Udo Kittelmann in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler eingerichtete Ausstellung keiner strengen Chronologie, sondern zielt vielmehr auf ein spezifisches Gegenüber einzelner bildnerischer Werke. Neben wertvollen Leihgaben aus privaten Sammlungen stammt ein Teil der Werke aus dem Besitz des Künstlers. Einige Gemälde sind erst in diesem Jahr entstanden und werden im Rahmen der Ausstellung erstmals gezeigt. Zudem werden neue ortsspezifische Werke aus Teppich und Isolationsplatten präsentiert. So wird etwa das komplette Restaurant der Fondation Beyeler temporär mit silbernen Platten ausgekleidet. Und nicht zuletzt spiegeln sich die ganze Vielfalt dieses Werks und Stingels dezidierte Auseinandersetzung mit der Malerei auch in dem zur Ausstellung erscheinenden Katalog wider: Als Künstlerbuch konzipiert, gewährt dieser mit 475 Abbildungen auf 380 Seiten einen einmaligen, umfassenden Einblick in Rudolf Stingels Schaffen.

Schweizer Medienkunst im HeK

Die Pax Art Awards Preisträger_innen 2018 zeigen ihre Medienkunst

HeK, Haus der elektronischen Künste
21.02.2019 – 21.04.2019

Von Sibylle Meier

Im Juni 2018 wurden erstmals die neu ins Leben gerufenen Pax Art Awards für junge digitale Kunst verliehen. Die drei Preisträger_Innen werden nun bis am 21.02.2019 im Haus der elektronischen Künste – HeK in drei Einzelausstellungen präsentiert. Gezeigt werden Arbeiten der aus Zürich und Berlin agierenden !Mediengruppe Bitnik, der Künstlergruppe Fragmentinaus Lausanne und der Genfer Künstlerin Lauren Huret. Hauskurator des Hek, Boris Magrini, hat sich bewusst für das Konzept von drei unabhängigen Soloshows in einer entschieden. Allen drei Künstler_innen ist jedoch ihre kritische Auseinandersetzung mit den Themen Digitalisierung und Automatisierung und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft gemein. 

Domagoj Smoljo erläutert die Arbeit Postal Machine Decision, 2018
Domagoj Smoljo erläutert die Arbeit Postal Machine Decision, 2018

Die !Mediengruppe Bitnik etwa setzt sich im Werk OSTL HINE ECSION (Postal Machine Decision Part 1, Werkleitz Halle) 2018, PA MAC DI (Postal Machine Decision Part 2, Super Dakota Brussels), 2018 mit den Folgen der Automatisierung von Logistikunternehmen auseinander. Die fehlenden Buchstaben im Titel des Werks, weisen auf die Lücken im Automatisierungsbetrieb hin. Sie verschickte 21 Pakete mit zwei unterschiedlichen Zustelladressen auf jeder Seite des Pakets. Durch den nicht ganz reibungsfreien Automatisierungsprozess landeten die Pakete in den Sortiermaschinen mal auf der einen, mal auf der anderen Seite und wurden deshalb von den automatisierten Poststellen ‚hilflos’ hin- und hergeschickt. Die Künstlergruppe verfolgte die Wege der Pakete mit einem Post-Tracking-System, welche auf einen Bildschirm im Ausstellungsraum übertragen wurden. Anstatt durch Automatisierung die Kontrolle über Prozesse zu gewinnen, kann sie uns auch entgleiten. Auf solche blinde Flecken weist die Künstlergruppe uns hin: „Information fliesst“ so sagt es Domagoj Smoljo, der bei der Pressekonferenz anwesend war „man muss einfach schauen, in welche Richtung fliesst sie und wie fliesst sie“.

Die Arbeit ist nebenbei eine Anspielung auf Ben Vautier. Für sein Werk „The postmans choice“ von 1965  verschickte Flux-Postkarten:  Ansichtskarten mit lediglich zwei Adressen auf jeder Seite. Er überliess es dem Postboten einen der Adressaten auszuwählen.

Fragmentin, Your Phone Needs to Cool Down, 2019
Fragmentin, Your Phone Needs to Cool Down, 2019

Mit einer ähnlichen Thematik beschäftigt sich auch die Künstlergruppe Fragmentin. Sie fragt nach den Auswirkungen von Technologie auf unseren Alltag und untersucht die Interaktionen zwischen Digitalisierung und Ökosystemen. Ihre eigens für die Ausstellung im HeK entworfene Arbeit Displuvium(2019) untersucht die Folgen des sogenannten Cloudseeding, dem Einfluss auf die Wetterentwicklung. Dabei geht es um unseren Wunsch, die vollständige Kontrolle über unsere Umwelt zu erlangen. Auf der im Ausstellungsraum installierten Wasseroberfläche, erscheinen Wassertropfen als ob es regnete. Die digital animierten Tropfen erscheinen mal chaotisch natürlich geformt, aber auch streng geometrisch und weisen so auf ihre Gemachtheit hin. Die Arbeit wird von zwei Bildschirmen begleitet, welche ungewöhnliche historische Regenformationen darstellt, die einerseits durch natürliche Vorkommnisse, andererseits aber auch durch die Beeinflussung von Menschen verursacht worden sind.

Lauren Hurets, Deep Blue Dream IV, 2016
Lauren Hurets, Deep Blue Dream IV, 2016

Lauren Huret untersucht unter anderem unser Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz und fragt nach der emotionalen Beziehung von Mensch und Maschine. In ihrem modernen Selbstportrait Deep Blue Dream IV(2016) zeigt sie ihren Körper gefangen hinter den Glasscheiben mehrerer Flachbildschirme. Die sinnlich-ästhetisch Anmutung dieser „Tänze hinter Glas“ weisen einerseits auf die betörende Anziehungskraft des Bildschirms hin, der uns immer mehr in die digitale Welt hineinzieht, in deren Tiefen wir uns willenlos treiben lassen. Andererseits führen sie uns auf erdrückende Art die Begrenztheit dieser Welt vor Augen, bleibt der Bildschirm doch immer die gläserne Mauer die unsere Wirklichkeit von der digitalen Realität trennt.

Art Foundation Pax – Pax Art Awards

Die Stiftung Art Foundation Pax wurde 2017 von Pax-Marketingleiter Nicolas Bopp gegründet, um die noch junge Gattung der digitalen bildenden Kunst zu fördern. Die 2018 erstmals verliehenen Pax Awardsunterstützen dadurch, in Zusammenarbeit mit dem HeK, Haus der elektronischen Künste Basel, die Etablierung von Medienkunst. Der 1. Preis ist mit 30 000.– dotiert, der 2. und 3. Preis mit je 15 000.–. Die Stiftung Art Foundation Pax ist dabei mit einem Betrag alimentiert, der die Stiftungsaktivitäten für die nächsten zehn Jahre sichert.

Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr? 

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler, Riehen
Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler, Riehen

Von Sam Keller

Die Chancen stehen gut, dass sich die Liste Ihrer Vorhaben erweitert, wenn Sie die Vorschau auf das Ausstellungsprogramm lesen, das im Frühling in den Kunsthäusern der Region Basel präsentiert wird. Zwei der Ausstellungen sind Kooperationen zwischen Kunstmuseen in Basel und Paris, wo sie diesen Winter Furore gemacht haben. 670 000 Menschen standen vor dem Musée d’Orsay stundenlang Schlange, um Pablo Picassos Kunstwerke der Blauen und Rosa Periode zu sehen – ein Publikumsrekord in der Geschichte des weltberühmten Museums. Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr?  weiterlesen

Ausstellungen in der Region Basel