Cyprien Gaillard – Roots Canal

Zerstörung, Bewahrung, Wiederaufbau: Das Schaffen des Künstlers Cyprien Gaillard (*1980, Paris) beleuchtet unser zwiespältiges Verhältnis gegenüber Zerfallsprozessen und Ruinen. Als Reisender durchstreift er die Welt, sammelt unterwegs Fundstücke und erzählt mithilfe dieser Artefakte von der unabwendbaren und unaufhörlichen Transformation der urbanen Landschaft und damit auch von Natur und Menschen.

Museum Tinguely
16.02.2019 – 05.05.2019

Séverine Fromaigeat, Autorin dieses Textes und Kunsthistorikerin aus Genf, ist Kuratorin am Museum Tinguely und hat die Ausstellung Cyprien Gaillard. Roots Canal kuratiert.
Séverine Fromaigeat, Autorin dieses Textes
und Kunsthistorikerin aus Genf, ist Kuratorin am Museum Tinguely und hat die Ausstellung Cyprien Gaillard. Roots Canal kuratiert.

Im Zentrum der Präsentation Cyprien Gaillard. Roots Canal im Museum Tinguely steht eine Installation von Baggerschaufeln. Die für Grossbaustellen so charakteristischen, schweren Geräte stehen sich in zwei Reihen gegenüber, wie ein Spalier von Soldaten. Ausser Betrieb und in einem musealen Kontext verwandeln sich die stillen Riesen in mächtige Statuen. Mit der Patina, die sie im Lauf ihres mechanischen Lebens angesetzt haben, den verblichenen Farben und den Rostflecken, die sie überziehen, erwecken die zu Standbildern gewordenen Maschinen den Anschein von archäologischen, aus den Tiefen der Erde gehobenen Funden. Trotz ihres archaischen Aussehens sind die metallenen Ungetüme – hervorgegangen aus der industriellen Revolution – jedoch alles andere als Relikte der Vergangenheit. Ihr Einfluss auf die Welt von heute und morgen ist ungebrochen, verkörpern sie doch das Versprechen des Wandels, der architektonischen Erneuerung und einer sich ständig neu erfindenden Urbanität. Die Diggers von Cyprien Gaillard nehmen uns mit auf eine Reise in ein Hin und Her zwischen Vorgeschichte und Gegenwart. Zusätzlich reflektiert wird dieser Zeitsprung durch die an den Schaufeln angebrachten Stangen aus Onyx und Kalkspat: Zwischen den lichtdurchlässigen und äusserst zerbrechlichen Mineralien und dem wuchtigen Gerät, das sie zutage fördert, liegen nicht nur bis zu fünf Tonnen Gewicht, sondern auch einige Millionen Jahre.

Cyprien Gaillard, Greater Koa Moorhen, 2013
Cyprien Gaillard, Greater Koa Moorhen, 2013

Wie in seinem gesamten Schaffen betont Gaillard auch mit dieser Installation, dass Aufbau und Zerstörung keine widersprüchlichen Konzepte sind. Stattdessen sind beide Teil des selben Prozesses und zeitlich eng miteinander verbunden. Um neue Gebäude errichten zu können, muss das Verschwinden von Bestehendem in Kauf genommen werden, sei es eine Landschaft, ein anderes Bauwerk oder ein Niemandsland. Der Aufbau von Neuem bedingt zwingend die Zerstörung des Vorherigen. Aufgenommen und fortgesetzt wird dieser Gedankengang durch die ebenfalls im selben Raum gezeigte Bilderreihe Sober City (2015–2018): Als visueller Kontrapunkt zu den Baggerschaufeln hängen an den Wänden in unregelmässigen Abständen Polaroidfotos in der für sie typischen bescheidenen Grösse, die einen städtischen Hintergrund bilden. Die Fotografien sind doppelt belichtet: Ansichten von New York überlagern, Aufnahmen eines Amethystfragments aus dem New Yorker Naturkundemuseum. Durch die Verschmelzung der beiden Motive und die doppelte Belichtung wirken die Bilder so, als seien sie durch ein Prisma aufgenommen. Ein Gebäude, ein Bus, eine Skulptur oder ein Baum – die urbanen Komponenten sind kaum noch erkennbar. Beim Betrachten scheinen sie nach und nach zu kristallisieren, ähnlich wie im Science-Fiction-Roman The Crystal World (1966) von J. G. Ballard, in dem ein mysteriöses Phänomen dazu führt, dass sich Menschen, Tiere und Pflanzen allmählich in kristalline Strukturen verwandeln. Durch die Aufnahme auf Polaroidpapier, einem fragilen, vergänglichen und mit der Zeit verblassenden Trägermedium, und die Auswahl der Motive spiegeln die Sober Cities die kontinuierliche Metamorphose der Stadt wider; einer Stadt – und hier kommen wieder die Bagger ins Spiel – im ewigen Spannungsfeld zwischen dem Bewahren des architektonischen Erbes und dem Errichten neuer Bauten und damit der Entropie, dieser Unordnung der Materie im Zuge unvermeidlicher Verfallsprozesse. Mit seinen Werken beleuchtet Gaillard diesen langsamen Übergang von einem Zustand zum anderen und die auftretenden Spannungen – physischer, ästhetischer, gesellschaftlicher oder politischer Art – zwischen Erneuerung und Vernichtung.

Cyprien Gaillard, KOE, 2015 (Filmstill)
Cyprien Gaillard, KOE, 2015 (Filmstill)

Im nächsten Raum der Ausstellung schliesst mit KOE (2015) eine grossformatige, wandfüllende Projektion einer Videoaufnahme eines Schwarms exotischer Vögel über den Einkaufsstrassen von Düsseldorf an. Die geflügelten Besucher, ursprünglich in Afrika und Asien beheimatete Halsbandsittiche, fliegen vorbei an edlen Geschäften und zwischen moderner Architektur hindurch, unter sich die permanente Baustelle, als die sich das Stadtzentrum präsentiert. Das Grün ihres Gefieders zeichnet die anachronistischen Linien nach, die eine hyperästhetisierte, innerstädtische Welt von morgen kennzeichnen, geprägt von Luxusmarken, ätherischen Gebäuden und omnipräsentem Konsum. Der Halsbandsittich kam einst als Käfigvogel in unsere Breitengrade und hat mittlerweile in mehreren europäischen Städten neue Lebensräume für sich entdeckt. Sein attraktives Äusseres lässt leicht vergessen, dass es sich dabei um eine invasive Art handelt, die einheimische Ökosysteme gefährdet. 

Cyprien Gaillard, Captain Blood's Moorhen, 2013
Cyprien Gaillard, Captain Blood’s Moorhen, 2013

Zum Eintauchen in eine hypnotische, tranceartige Atmosphäre lädt Nightlife (2015) ein. Der Film, ein Mosaik von Szenen ohne offensichtlichen Zusammenhang, versetzt die Betrachtenden in eine farbenprächtige, urbane Nacht. Die Aufnahmen führen von Auguste Rodins Skulptur Der Denker vor dem Kunstmuseum von Cleveland über ein halluzinatives Ballett von Wacholderbäumen in Los Angeles – auch dies eine invasive Art – und ein spektakuläres Feuerwerk über dem Berliner Olympiastadion zurück nach Cleveland zu einer Eiche, deren Setzling der mehrfache Olympiasieger Jesse Owens 1936 von den Nationalsozialisten erhalten hatte. Die besonders plastisch als 3D-Projektion gezeigten Bilder ermöglichen das ebenso verwirrende wie betörende Erlebnis einer übersteigerten Wahrnehmung. Zusätzlich verstärkt wird die visuelle und sensorische Immersion durch die Tonspur des Werks, ein vom Künstler produzierter Mix von Samples der Refrains zweier Stücke des Rocksteady-Musikers Alton Ellis. Wie in den anderen Werken der Ausstellung ersinnt Cyprien Gaillard auch hier aus ungleichen, sogar gegensätzlichen Fragmenten ein neue Erzählung. In dieser vermischen sich Anekdote mit Geschichte und Stadt, Natur und Mensch koexistieren in einem gemeinsamen nicht linearen Raum-Zeit-Gefüge.

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„Joan Miró – Alles ist Poesie“ im Forum Würth

In der seit rund fünf Jahrzehnten zusammengetragenen Sammlung Würth gehören die Werke Mirós von Anbeginn zu den prägenden Positionen. Die monografische Schau im Forum Würth Arlesheim bietet nun die Gelegenheit, sich in einem intimeren Ausstellungsrahmen tiefer gehend mit dieser prominenten Sammlungsposition auseinanderzusetzen. Die Arbeiten des Spaniers – von Drucken und Zeichnungen über mehrteilige Buchillustrationen bis hin zur Skulptur – veranschaulichen die künstlerische und technische Vielfalt des Künstlers, der sich selbst als «peintre-poète» (Maler-Dichter) verstand.

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Radiophonic Spaces im Museum Tinguely

21Ein akustischer Parcours durch die Radiokunst begleitet von
14 Themenwochen rund um das Radio. 

Museum Tinguely
24.10.2018 – 27.01.2019

Der Autor dieses Textes, Andres Pardey, ist Vizedirektor des Museum Tinguely
und Kurator der Ausstellung
«Radiophonic Spaces» in Basel. 

In den fast hundert Jahren seit Radio existiert, haben sich
Musiker, Komponisten, Schriftsteller, Philosophen und bildende Künstler (sowie viele, die sich nicht in klassische Kategorien einpassen lassen) mit dem Medium Radio auseinandergesetzt. Sie haben die Produktion von Sendungen befragt, die Art der Aufnahme, der Übertragung und des Empfangs und wie Sendungen gespeichert wurden. Das Rauschen zwischen den Sendern war ebenso ein Thema wie die Stille, wenn nicht gesendet wird. Das Speichermedium (die Schallplatte) und die Produktionsumgebung (das elektronische Studio) standen im Zentrum akustischer Recherchen und machten das Medium präsent und bewusst. Radiophonic Spaces im Museum Tinguely weiterlesen

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Füssli. Drama, Theater und ein Shakesbeer

Kunstmuseum Basel
20.10.2018 – 10.02.2019

Von Sibylle Meier

Wer mit Malerei grosse Geschichten erzählen will, steht vor der Herausforderung, dem Betrachter oder der Betrachterin auf einen Blick klar zu machen, wovon hier die Rede ist. Die Möglichkeit, mit Worten eine Situation zu beschreiben, fällt weg, und was an Mitteln übrig bleibt sind Körperhaltung, Gesten oder Blicke – oft übertrieben und überspitzt – denn es bleibt nur wenig Raum für emotionalen Ausdruck: Weit aufgerissene Augen, ein hilflos-ohnmächtig drapierter Körper oder ein dramatisch ausgestreckter Zeigefinger. In der Kunstgeschichte heissen solche Gesten Pathosformeln – jeder kennt sie irgendwie – denn sie stehen für die typisierte Darstellung eines Gefühls und nicht für dessen individuelle Interpretation.

Johann Heinrich Füssli, Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783
Johann Heinrich Füssli, Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783

Keiner kennt sich besser aus mit der Verbildlichung von dramatischen und extrem spannungsgeladenen Emotionen wie der Schweizer Maler und Theologe Johann Heinrich Füssli (1741–1825). Die aktuelle Herbstausstellung im Kunstmuseum Basel trägt den Titel Füssli. Drama und Theater, denn die Ausstellung legt den Fokus auf die theatralen, dramaturgischen Stilmittel, mit denen es Füssli gelingt, literarische Stoffe in emotional stark aufgeladene Bilder umzuwandeln: präzise Lichtführung, die Konzentration auf einen dramatischen Aspekt, grosse Gesten und ganz wichtig: die Wiederholung. Denn Wiederholung erzeugt Dramatik, und das ist sein erklärtes Ziel: Füssli will das Publikum mit seinen Bildern umhauen.

„The Wild Swiss“ als malender Geschichtenerzähler
Inspiration zu seinen Bildmotiven findet der nach England ausgewanderte Schweizer in griechischer und mittelalterlicher Mythologie, aber vor allem in den Dramen von Shakespeare und John Milton. Dichtung und Malerei sind für Füssli zwei gleichwertige Künste, und er hat deshalb sein ganzes Leben der Illustration von grossen literarische Stoffen gewidmet. Es ist also die Liebe zu grossen Geschichten, die den „Wild Swiss“, wie er von den Engländern genannt wurde, dazu motivieren, heilig erhabene Gefühle oder deren Gegenteil, den tiefen Abgrund menschlicher Regungen, auf die Leinwand zu bannen. An der Epochenschwelle zur Romantik interessiert sich der leidenschaftliche Literat und Theaterbesucher für Geister, Helden, Feen und Satan; für die Abgründe der Seele und deren dunkle Geheimnisse.  Er entwickelt sich zum malenden Geschichtenerzähler, denn es gelingt ihm wie kaum einem anderen, Literatur so dramatisch zu verdichten und auf einen Höhepunkt hin zuzuspitzen. Füssli – der „Shakespeare der Leinwand“.

Vielen ist Füssli durch die Darstellung seines Skandalgemäldes „der Nachtmahr“ bekannt. Das Kunstmuseum Basel zeigt nur eine der drei bekannten Versionen, jene aus der Privatsammlung von Ulla Dreyfus-Best. Die Schau konzentriert sich in fast siebzig Werken vor allem auf die Umsetzung literarischer Quellen und ist – Füssli-gerecht – auf den maximalen Effekt hin aufgebaut. Eva Reifert, die Kuratorin der Ausstellung, beginnt den Parcours mit Motiven aus der Antike und führt uns über das Mittelalter hin zu den grossen Stoffen von Shakespeare und Milton. Ein sehr gut gemachtes Saalblatt steuert dabei das Publikum sicher durch die unzähligen literarischen Quellen, die den Gemälden zugrunde liegen.

Johann Heinrich Füssli, Oberon träufelt Blumensaft in die Augen der schlafenden Titania, 1793 (links), Inszenierung von Thom Luz, Jonas Alsleben, Video, 2018
Johann Heinrich Füssli, Oberon träufelt Blumensaft in die Augen der schlafenden Titania, 1793 (links), Inszenierung von Thom Luz, Jonas Alsleben, Video, 2018

Thom Luz führt Füssli ins 21. Jahrhundert
In der Hälfte der Ausstellung erwartet die Besuchenden eine Überraschung: eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit den Pathosformeln, die Füsslis Werk prägen. Das Kunstmuseum Basel konnte den Hausregisseur des Basler Theater Thom Luz gewinnen, ein Werk zum Thema Drama und Theater zu entwickeln, worauf eine faszinierende Videoarbeit entstanden ist (Videokünstler: Jonas Alsleben). Zusammen mit 15 Schauspielern aus dem Ensemble des Theater Basel hat Luz dreissig typische Figurenposen aus Füsslis Oeuvre ausgesucht und in geisterhaften Projektionen – als bewegte Tableaus – auf die Wand geworfen. Es ist das Unheimliche, das Luz an Füsslis Werk fasziniert. Die aufgehängten Fotografien der leeren Museumsräume erfahren eine interessante Kontextverschiebung und werden zur Theaterbühne. Die Tableaus sind auf Augenhöhe angebracht und versetzen das Museumspublikum in die Rolle des Theaterbesuchers. Auf dieser Fotobühne entspinnen sich nun geisterhafte Szenen, die manchmal heilig erhaben, aber auch durchaus humorvoll die grossen Gesten Füsslis nachspielen. Es ist ein grosser Spass, die typischen Gesten auszumachen und den Bildern Füsslis zuzuordnen.

Ueli Shakesbeer 2018 – im Shop und im Bistro des Kunstmuseum Basel erhältlich
Ueli Shakesbeer 2018 – im Shop und im Bistro des Kunstmuseum Basel erhältlich

Eine seiner Lieblingsszenen, verrät Thom Luz, ist das Bild Oberon träufelt Blumensaft in die Augen der schlafenden Titania von 1793 aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare. Es ist ein Liebessaft, den Titania beim Aufwachen dazu veranlassen wird sich in den Esel Zettel zu verlieben. Und schon sind wir wieder mittendrin in der Welt Füsslis, der fliessend griechisch und lateinisch sprechen konnte und sämtliche literarischen Klassiker im Original gelesen hatte.

Aber wer jetzt erst einmal all die grossen Dramen der Welt verdauen muss, der setzt sich am besten ins Bistro des Kunstmuseums Basel und gönnt sich beim gepflegten, hauseigenen Ueli Shakesbeer eine wohlverdiente Pause.

 

 

 

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Kunstmuseum Basel: Füssli – Drama und Theater

Kunstmuseum Basel
20.10.2018 – 10.02.2019

Johann Heinrich Füssli (1741–1825) interessierte sich zeitlebens für die Literatur und das Theater und formulierte unzählige Vorlagen von Milton bis Shakespeare für seine Gemälde um. Füssli. Drama und Theater rückt diese literarischen Quellen anhand von rund 70 Gemälden in mehreren Ausstellungskapiteln in den Fokus und widmet sich darin ebenso den dramatischen Stilmitteln des Malers.  Kunstmuseum Basel: Füssli – Drama und Theater weiterlesen

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