Lois Weinberger, Ohne Titel, 2014, Katzenmumie, 18. Jahrhundert

Lois Weinberger – Debris Field

Museum Tinguely
17.04.2019 – 01.09.2019

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung Lois Weinberger – Debris Field. In dieser Ausstellungsreihe treten unterschiedliche Künstler*innen in Dialog mit Jean Tinguelys Mengele Totentanz.
Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung Lois Weinberger – Debris Field. In dieser Ausstellungsreihe treten unterschiedliche Künstler*innen in Dialog mit Jean Tinguelys Mengele Totentanz.

Von Roland Wetzel
Lois Weinberger (geb. 1947 in Stams, Tirol) ist ein Pionier der künstlerischen Feldforschung. Bekannt wurde er mit einer Arbeit zur Documenta X von 1997, als er ein stillgelegtes Bahngleis am Bahnhof Kassel mit Neophyten bepflanzte, und damit eine Metapher schuf für die Migrationsprozesse unserer Zeit. Sein Interesse richtet sich auf die Schönheit des Unbeachteten, des Versteckten, der Rückseiten und Brachen. Mit einer Vielfalt an Ausdrucksformen und einem Hang zum Experimentellen versteht er es, seine Forschungen als vielschichtige Prozesse vorzustellen, die die stete Veränderung, das Werden und Vergehen zeigen. In ihrer Offenheit und Unbestimmtheit laden sie den Betrachter als Komplizen ein, sich selber auf Reisen zu begeben.

Die Arbeit Debris Field, die das Museum Tinguely vom 17. April bis 1. September 2019 zeigt, ist eine poetisch-archäologische Forschungsarbeit, die auf faszinierende Weise Relikte aus der über fünf Jahrhunderte zurückreichenden Geschichte des Bauernhofes der Eltern von Weinberger erforscht und vorstellt – einem Hof, der zum Kloster Stams gehört. Debris Field ist eine Bestandsaufnahme, eine ‚Ausgrabung‘, die in Dach- und Zwischenböden stattfindet. Weinberger betrachtet das Haus als Archiv des Lebens und die Relikte als Marginalien, die das Eigentliche des Archivs, seine Lücken (Georges Didi-Huberman) umrahmen. Diesen essenziellen Lücken und ihren Erinnerungsräumen verleiht er mit poetischem Überschuss Ausdruck und bildet den Alltags-Surrealismus mit einer wunderkammerähnlichen Inszenierung in Assemblagen, Akkumulationen und Spekulationen ab. Vielen Dingen, die überdauert haben, wird apotropäisches (unheilabwendendes) Potenzial zuerkannt, so einer Katzenmumie (im Bild) oder im Zwischenboden aufbewahrten Einzelschuhen von Verstorbenen. Aber auch archäologisch Unbedeutendes findet Weinbergers Aufmerksamkeit, so von Mäusen für den Nestbau zerkleinerte Zeitungsschnipsel, die wiederum von Wanzen rund um die Druckerschwärze der Buchstaben angefressen sind.

Debris Field ist die dritte Ausstellung in einer Reihe, die den Dialog mit Jean Tinguelys Mengele-Totentanz (1986) sucht und die Vielschichtigkeit dieses späten Hauptwerkes hervorheben will. Zur Eröffnung des neu eingebauten Ausstellungsraumes richtete die erste Ausstellung mit Jérôme Zonder 2017 ihre Aufmerksamkeit auf den Aspekt der Totalitarismus-Kritik, die zweite mit Gauri Gill 2018 auf die Totentanz-Thematik. Die dritte mit Weinberger eröffnet einen Dialog rund um die unterschiedlichen Bauernhof-Biografien, die für die zwei Werke grundlegend sind.

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