Gauri Gill, Untitled aus Traces, 1999 – ongoing, Installationsansicht im Museum Tinguely, 2018

Gauri Gill. Traces

Museum Tinguely
bis 01.11.2018

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely
Roland Wetzel, Autor des Textes, ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung «Gauri Gill. Traces».

Von Roland Wetzel
Im Sommer 2016 konnte Jean Tinguelys Mengele-Totentanz (1986) in einem neu im Museum eingebauten, «sakralen» Raum installiert werden. Um die Vielschichtigkeit dieses zentralen Spätwerkes hervorzuheben, zeigt das Museum Tinguely eine Reihe von Ausstellungen, die sich mit besonderen Aspekten des Mengele-Totentanzes verbinden. Jérôme Zonders Dancing Room
bildete 2017 den Auftakt. 

Mit einer Fülle von Zeichnungen, die das Unsagbare menschlicher Abgründe und humanitärer Katastrophen der letzten hundert Jahre verarbeiteten, schloss er an Tinguelys eminent politische Totalitarismus-Kritik an. Tinguelys Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und dem Glauben im Allgemeinen, sein «ludischer Makabrismus», in dem er dem Tod immer auch mit dem Leben entgegnen will, bildet einen Referenzpunkt für die Ausstellung der Fotografien von Gauri Gill, die den Umgang mit dem Tod, der Erinnerung und dem Zirkulären des Lebens in einem anderen Kulturkreis nachgehen. Weitere Ausstellungen sind in Planung zu Themen wie der persönlich-archäologischen Einschreibung von Zeit in Objekte des Gebrauchs, dem surreal-fantastischen Animismus von Tinguelys Bildsprache und der Tradition des Totentanzes selbst, die sein Leben in Basel geprägt habe.

Orte der Erinnerung

Seit 1999 verbrachte die indische Fotografin Gauri Gill viel Zeit bei marginalisierten ländlichen Bevölkerungsgruppen in der Wüs-
te West-Rajasthans. Traces ist eine der Fotoserien, die aus ihrem Fotoarchiv Notes from the Desert entstanden ist. Die porträtierten Grabstätten sind aus Steinen, Tonscherben, handgravierten Grabsteinen oder persönlichen Gegenständen zusammengestellt. In grösster Bescheidenheit wird ein Ort gekennzeichnet, Erinnerung gepflegt. Gebrauchs-
objekte sind einer verstorbenen Person zuerkannt, erzählen vielleicht über deren persönliche Verwendung und bieten sich doch auch wieder einer weiteren Nutzung an, die sie erneut ins Leben einschreibt. Im Bewusstsein, dass jedes Werden auch Vergehen bedeutet, treten diese mit dem Totentanz in Dialog. 

Gill nimmt schon viele Jahre Anteil am Leben von Menschen in Rajasthan. Eine der eindrücklichsten Fotoserien, die daraus entstanden sind, die Birth Series, zeigt mit derselben Sachlichkeit den Gegenpol zum Beerdigungsritual – eine Geburt. Die Freundschaft zur Hebamme Kasumbi Dai ermöglichte ihr, der Entbindung von deren Enkeltochter beizuwohnen. Dais faltenüberzogenes und doch strahlendes Gesicht steht im Gegensatz zum neu geborenen Leben, dessen erster Kontakt mit der Welt die sandige Erde ihrer Behausung ist.

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