Fremd in der Heimat, zu Hause in der Kunst

Chagall
Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919
16.09.2017 – 21.01.2018
Kunstmuseum Basel | Neubau

Ausgehend von einer ausserordentlichen Gruppe von bedeutenden Gemälden aus der eigenen Sammlung zeigt das Kunstmuseum Basel in der kommenden Sonderausstellung das Frühwerk Chagalls. Im Interview mit Artinside spricht Direktor Josef Helfenstein über Chagalls Auseinandersetzung mit der Malerei und ihrem Einfluss auf die Kunstwelt. Die Ausstellung geht weit über die populäre Wirkung von Chagalls Bildern hinaus und fördert ungewöhnliche und bisher unbekannte Sichtweisen auf sein Schaffen zutage.

Marc Chagall wird 1887 in Russland in eine jüdische Familie geboren und wächst in der kleinen Stadt Witebsk auf. Die Juden wurden damals gezwungen, in sogenannten Schtetl zu wohnen, abgetrennt von der übrigen Bevölkerung. Nach einer Grundausbildung im Atelier des Malers Jehuda Pen zieht Chagall nach St. Petersburg, wo er durch den Maler und Lehrer Léon Bakst mit der neueren Malerei in Kontakt kommt. Ohne Kenntnisse der französischen Sprache reist er im Herbst 1911 nach Paris. «Meine Kunst brauchte Paris so nötig wie ein Baum das Wasser», schreibt er später.

Herr Helfenstein, Ihre Chagall-Ausstellung fokussiert auf den Zeitraum 1911 bis 1919, den Sie mit «Jahre des Durchbruchs» umschreiben. Warum sind diese acht Jahre so bedeutend?

Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel
Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel

Josef Helfenstein: Es sind genau diese Jahre, in denen Chagall sein Leben in zwei sehr verschiedenen Welten verbringt: 1911 kommt er aus Russland ohne Sprachkenntnisse in ein Paris, das von der Avantgarde geprägt ist. Er landet in der Künstlerkolonie La Ruche (deutsch: Bienenkorb), ein lebendiger Ort voller Maler, Bildhauer und Dichter. Die Ereignisse überschlagen sich, es sind die produktivsten Jahre der Avantgarde. Paris ist in diesen Jahren ein Hotspot, ein Labor voller neuer Ideen. Diese kosmopolitische Metropole erlebt Chagall als krassen Gegensatz zu seiner kleinbürgerlichen Herkunft aus der Provinz des Zarenreichs. Er ist total geschockt, hat Heimweh und wir wissen, dass er am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren wäre – wenn er das Geld dazu gehabt hätte.

Man sagt, der Louvre habe ihn gerettet – er habe viel Zeit in diesem Museum verbracht …
Das halte ich zum Teil für eine Mythologisierung. Aber es ist unbestritten, dass er in Russland nur wenig Zugang zur Malereitradition hatte. Dass Chagall in einem der grössten Museen Malereigeschichte studieren konnte, führte zu diesen grossartigen Resultaten. Er saugt die ganze konzentrierte Malereitradition und Geschichte in sich auf und lässt sie in seine Werke einfliessen. Dreieinhalb Jahre war Chagall damals in Paris – eine kurze, aber unglaublich produktive Zeit.

Dank der Vermittlung des französischen Dichters Guillaume Apollinaire lernt Chagall 1913 in Paris den Berliner Schriftsteller, Kunsthändler und Galeristen Herwarth Walden kennen. Dieser gilt als einer der wichtigsten Förderer der deutschen Avantgarde, der er mit seiner Zeitschrift «Der Sturm» zu Sichtbarkeit verhilft. Als Galerist ermöglicht er zeitgenössischen Künstlern, ihre Werke zu zeigen und zu verkaufen.

Wieso ist die Figur Herwarth Walden so wichtig für Chagall?
Walden ist ein schlauer Geschäftsmann: Schon als er Chagall zum ersten Mal in Paris trifft, spürt Walden sofort, dass Chagall sehr eigenständig ist – ein unverbrauchter Künstler. Walden ist sicher, dass Chagalls Werk auf der einen Seite den Künstlern gefallen wird – und dass es sich verkaufen lässt. Darum widmet er dem jungen Künstler im Juni 1914 in Berlin die erste Einzelausstellung. In der Weltstadt Berlin, die von westlichen und östlichen Einflüssen geprägt ist, begeistert das Werk des jungen Russen die Künstlerkollegen. Chagall wird auf einen Schlag berühmt – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland: Die russischen Sammler beginnen nicht zuletzt wegen dieser Ausstellung, Chagall zu kaufen. 1918 ist er einer der wichtigsten avantgardistischen Künstler in Russland.

Am Tag nach der Vernissage reist Chagall weiter Richtung Osten mit dem Ziel, seine Verlobte Bella Rosenfeld zu heiraten und gemeinsam nach Paris zurückzukehren…
… ja, das war sein Plan. Aber kaum ist er in Witebsk angekommen, bricht der Erste Weltkrieg aus, und er kann Russland nicht mehr verlassen. Er kommt in seine Heimat und merkt, dass er ein Fremder geworden ist. Seine Familie kann nicht nachvollziehen, was er in Paris erlebt hat. Nur gerade seine Frau versteht ihn ein wenig. In Paris wird er sozusagen auf das offene Tableau der Weltgeschichte katapultiert – jetzt in Witebsk zieht er sich total zurück, beobachtet die Welt aus seinem Fenster und malt sie: Es ist die lokalste der lokalen Welten, die man sich vorstellen kann.

Sein jüdischer Glaube prägt das Werk Chagalls. Wie wichtig war ihm die Religion?
Chagall hatte zwar religiöse Eltern, aber sie waren nicht orthodox. Seine Ausbildung macht er bei jüdischen Lehrern, denn es gab damals für Juden keinen anderen Zugang zu Bildung. Chagall geht jedoch sehr undogmatisch mit seiner Religion um. Das verstärkt sich in Paris noch, weil die progressiven Künstler ein atheistisches Weltbild vertraten. Wichtig für ihn waren aber auch liberale Juden, die gegenüber politischen, gesellschaftlichen und religiösen Fragen offen waren – viele von ihnen haben Chagall unterstützt, indem sie seine Bilder kauften.

Sie beschreiben Chagall als einen sehr eigenständigen Maler, der sich nicht einfach einer Kategorie zuordnen lässt. Was macht Chagall so einzigartig?
Gerade dass man ihn nicht einfach in eine Schublade stecken kann, macht Marc Chagall zu einem grossen Künstler. Er vereint politische, sozio-ökonomische und kulturelle Gegensätze und schafft daraus Werke mit einer unglaublichen Popularität. Ein breites Publikum  aus verschiedenen Kulturkreisen versteht und liebt sein Werk.

Marc Chagall; Selbstbildnis; 1914
Marc Chagall, Selbstbildnis, (Portrait de l‘artiste), 1914, © Stiftung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel

Darum birgt eine Chagall-Ausstellung auch immer die Gefahr, dass sein Werk auf eine romantisierende, populistische, verharmlosende Version reduziert wird. Das will ich um jeden Preis vermeiden. Um Chagalls tiefere Auseinandersetzung herauszuschälen, haben wir uns auf wenige Jahre konzentriert und beleuchten seine Werke aus einer anderen Perspektive, indem wir neues, unbekanntes Material zeigen.
Der fotografische Teil spielt dabei eine wichtige Rolle. Erstmals zeigen wir Fotografien von Solomon Borissowitsch Judowin, der Witebsk im frühen 20. Jahrhundert fotografiert hat. Dies sind wichtige Zeitdokumente, die die Welt, in der Chagall aufgewachsen ist, auf einzigartige Weise erlebbar machen. Die Bilder sind späte oder gar letzte Zeugnisse der Schtetl-Tradition, eine Welt, die durch Pogrome und Krieg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren gegangen ist. Es ist ein Glücksfall, dass ich bei eikones an der Universität Basel Olga Osadtschy getroffen habe, die ihre Doktorarbeit über die Fotografien von Judowin schreibt – wir konnten das Thema aufgreifen und in die Ausstellung einbauen.

Dass Marc Chagall in der Sammlung des Kunstmuseums Basel prominent vertreten ist, ist vor allem Georg Schmidt zu verdanken, der 1939 die Leitung der Öffentlichen Kunstsammlung übernahm. Er hatte sich mit grossem Engagement für den Ankauf von Werken «Entarteter Kunst» eingesetzt, welche anlässlich einer Auktion im Juni 1939 in Luzern zum Verkauf angeboten wurden.

Chagall ist in der Öffentlichen Kunstsammlung sehr gut vertreten – was war die besondere Leistung von Georg Schmidt?
Schon als Bibliothekar des Basler Gewerbemuseums war Georg Schmidt ein grosser Verehrer von Chagalls Werk. Wenige Monate nach seiner Wahl zum Direktor des Kunstmuseums Basel kaufte er an der Auktion in Luzern insgesamt 21 Werke der «Entarteten Kunst», darunter Die Prise von Chagall, welches in der Ausstellung zu sehen sein wird und sich heute im Centre Pompidou befindet. Später gelang es Schmidt, mithilfe von Donatoren weitere Hauptwerke Chagalls anzukaufen. Er konnte auch Politiker überzeugen, dass es wichtig ist, in den Ankauf von Kunstwerken zu investieren. Eine wichtige Rolle spielte aber auch Karl Im Obersteg, der mit Georg Schmidt eng befreundet war. Im Obersteg kaufte seinen ersten Chagall bereits 1927. Die Sammlung ist heute im Besitz von sechs Werken Chagalls. Vier von ihnen – die drei Juden sowie das Selbstbildnis – sind zentrale Positionen unserer Ausstellung.

Wann entstand die Idee, mit Chagall eine grosse Ausstellung zu machen?
Als ich begann, mich vertieft mit der Basler Sammlung auseinanderzusetzen, war ich überrascht, dass man Chagall noch nie reflektiert und zum Untersuchungsobjekt gemacht hat, obwohl die Öffentliche Kunstsammlung und die Sammlung Im Obersteg zusammen eine fantastische Werkgruppe besitzen. Das hat mich motiviert, eine reichhaltige und auch intellektuell anspruchsvolle Ausstellung zu konzipieren, die nicht nur Fachleute, sondern auch das breite Publikum interessiert.

Der Jude in Hellrot, (Le juif en rose), 1915, © Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg
Der Jude in Hellrot, (Le juif en rose), 1915, © Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg

Gibt es ein Bild, bei dem Sie ganz besonders stolz sind, dass es in Basel zu sehen ist?
Ja, allerdings. Chagall hat in Witebsk vier Juden gemalt. Die drei 1914 gemalten Werke Der Jude in Grün, Der Jude in Rot und Der Jude in Schwarz-Weiss sind im Besitz der Sammlung Im Obersteg – Der Jude in Hellrot aus dem Jahr 1915 hängt im Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg. In Basel werden die vier Juden zum allerersten Mal ausserhalb von Russland zusammen gezeigt – auf diese Zusammenführung freue ich mich ganz besonders!

Die Frage nach der Herkunft von Bildern ist derzeit ein grosses Thema. Wie wird das Kunstmuseum Basel damit umgehen?
Heutzutage ist das Thema Kulturerbe von zentralem Interesse. Das Kunstmuseum Basel kann und will sich dem nicht entziehen. Wir leben in einer Zeit, die immer geschichtsignoranter wird, ich habe das in den USA hautnah erlebt. Die Folgen sind verheerend, sie führen zu Manipulation oder Vernachlässigung. Eine Demokratie beziehungsweise eine Gesellschaft kann nicht erwachsen sein, wenn sie sich nicht mit ihrer Geschichte befasst. Dass dies beinahe ein Luxus ist, ist mir bewusst, denn – vereinfacht gesagt – geht es vielerorts in erster Linie um Kurzfristigkeit, um Effekt und Profit. Die Museen sind das Gedächtnis einer Gesellschaft. Sie haben die Aufgabe, Geschichte aufzubereiten und zur Diskussion zu stellen. Das ist auch Absicht unseres Chagall-Projekts. Die Provenienz der Bilder ist wichtig, und Basel ist eine Vorbild-Institution in dieser Hinsicht. Es war mutig, an der Auktion für «Entartete Kunst» 1939 diese Bilder zu kaufen. Basel hatte eine Regierung, die dem Rat ihres Museumsdirektors Georg Schmidt gefolgt ist. Ohne diesen Schritt hätte die Basler Sammlung nicht jene Bedeutung, die ihr heute zukommt. Mit sehr bescheidenen Mitteln konnte man eine Weltklasse-Sammlung zusammentragen. Man kann dies gar nicht oft genug betonen.

Es scheint so, als ob Chagalls Rolle in der Kunstgeschichte noch nicht klar definiert ist.
Interessant an Chagall ist, dass man ihn nicht festmachen kann. Er gehört weder zum Kubismus, Futurismus, noch zum Suprematismus oder dem Blauen Reiter. Auch nicht zum Expressionismus. Dank der Einflüsse der Avantgarde von Paris gelang es ihm aber, seine Bildsprache, seine Emotionen und seine Ahnungen zu einer ureigenen Sprache zu verdichten. Es ist spannend, dass gerade jene, die nichts über Chagall wussten, diese Sprache verstanden, nämlich Dichter wie Apolli­naire, Cendrars oder Breton. Sie waren begeistert von seinem Werk, denn Chagall lud seine Bilder psychisch auf. Dies war eigentlich ein Tabu für die Maler der formalistisch orientierten Avantgarde. Chagall gelingt es, eine fast modernistische Poesie zu malen und diese mit einer psychischen Dimension zusammenzubringen. Da dies so schwer zu fassen ist, wurde Chagall von der Kunstgeschichtsschreibung vernachlässigt. Und genau das ist ein Zeichen dafür, dass er immer noch ein interessanter und faszinierender Künstler ist, den es neu zu ent-
decken gilt.
Interview: Sibylle Meier und Matthias Geering

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