Ausstellungsansicht «Otto Freundlich»

Ein Blick zurück in die Zukunft

Otto Freundlich und sein Kosmischer Kommunismus
10.06.2017 – 10.09.2017
Kunstmuseum Basel | Neubau

Von Petra Schneider

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Der Maler, Bildhauer, Mosaik- und Glaskünstler Otto Freundlich (1878–1943) war radikaler Avantgardist und überzeugter Kommunist. Letzteres ist seinen Werken, die von allen Klischees eines Sozialistischen Realismus denkbar weit entfernt sind, nicht anzusehen; rote Fahnen schwingende Arbeiter sowie Hammer und Sichel sucht man hier vergebens.

Otto Freundlich; Komposition; um 1932
Otto Freundlich; Komposition; um 1932

Neben den drei großen Wegbereitern der abstrakten Kunst, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian, wird der Name des von den Nationalsozialisten ermordeten Freundlich in der Regel kaum genannt. Zu Unrecht, meinen Julia Friedrich, Kuratorin der Ausstellung „Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismus“ vom Museum Ludwig Köln, und Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseum Basel, wo die Retrospektive auf ihrer zweiten Station nun bis zum 10. September 2017 gezeigt wird.

Freundlich malte bereits 1911 sein erstes gegenstandsloses Bild, eine Komposition, in der er mit langen geschwungenen Farbbahnen in Braun-, Grün- und Ockertönen die zwei auf zwei Meter große Leinwand füllte. Dies nur ein Jahr nachdem Kandinsky, eigenen Angaben zufolge, das erste gegenstandsloses Bild überhaupt geschaffen hatte. Dennoch blieb Freundlich, der mit vielen der führenden Künstler der unterschiedlichen Avantgardeströmungen bekannt, oft auch befreundet gewesen ist, stets im Schatten. Er verfolgte einen ganz eigenen künstlerischen Weg, den die Ausstellung mit rund fünfzig Werken in chronologischer Abfolge nachzeichnet.

Jugendstil und Symbolismus als künstlerischer Ausgangspunkt

Kuratorin Julia Friedrich erläutert Otto Freundlichs "Großer Kopf, 1912"
Kuratorin Julia Friedrich erläutert Otto Freundlichs „Grosser Kopf, 1912“

Das Frühwerk ist nur fragmentarisch überliefert. Bei seiner endgültigen Übersiedlung nach Frankreich 1924 musste der Künstler seine Werke in Berlin zurücklassen, ihr genaues Schicksal ist ungeklärt; der größte Teil gilt heute als verschollen oder zerstört. Im Bewusstsein, dass seine frühen Arbeiten vielleicht unwiderruflich verloren waren, verfasste Freundlich um 1941 ein handschriftliches Verzeichnis dieser Werke, in welchem er neben einer kleinen Skizze auch die Masse, Farben und jeweiligen Besitzer, soweit er sich erinnern konnte, festhielt. Zudem malte er mindestens drei Bilder aus dem Gedächtnis nach. Die Ausstellung zeigt, neben diesem Werkverzeichnis en miniature, auch eine Komposition mit drei Figuren, mit welcher der Künstler das ehemals vier Quadratmeter messende Ölgemälde als Gouache auf nur einem Sechzehntel der ursprünglichen Fläche reproduziert hat. Ergänzt werden die Lücken im Frühwerk durch Fotografien der heute nicht mehr greifbaren Werke. Darunter ein originalgroßer Abzug der Plastik Grosser Kopf (1912), die von 1937 an in der Propagandaausstellung Entartete Kunst zur Verhöhnung der künstlerischen Moderne von den Nationalsozialisten missbraucht und schließlich zerstört worden ist.

Kaleidoskop der Farben
1914 bezog Freundlich für fünf Monate ein Atelier im Nordturm der Kathedrale von Chartres, wo er sich an Restaurierungsarbeiten beteiligte und die mittelalterlichen Glasfenster studierte. Er sei „ganz der Welt in Chartres verfallen“ gewesen und für sein „ganzes Leben gezeichnet daraus hervorgegangen“ schrieb er rückblickend. Besonders die Reinheit und das Leuchten der Farben haben ihn tief beeindruckt. Immer wieder kreierte er in seinem Werk Bildkompositionen, wie La Rosace II von 1941, die unmittelbar an die Glasrosetten in gotischen Kathedralen erinnern.

In Chartres entstanden die ersten Entwürfe für eigene Glasfenster, von denen er zeitlebens freilich nur wenige ausführen konnte. Ein einziges Fenster allein, Liegende Frau von 1924, hat sich erhalten. Nicht häufiger in Glas arbeiten zu können, hat Freundlich stets bedauert, aber das Medium war, wie die Mosaikkunst auch, zu kostspielig für den mittellosen Künstler.

Otto Freundlich; Liegende Frau; 1924
Otto Freundlich; Liegende Frau; 1924

Gleichsam als Ersatz beschäftigte er sich in den zwanziger Jahren verstärkt mit der Pastelltechnik, da hier die Pigmente weitgehend ungebunden aufgetragen werden und stark leuchten. Mit Titeln wie Kosmisches Auge (1921/22), Lichtkreise (1922) oder Sphärischer Körper (1925) verweisen die Pastelle auf die, vom Künstler 1919 erstmals formulierte, Theorie des Kosmischen Kommunismus.

Otto Freundlich; Kosmisches Auge; 1921/22
Otto Freundlich; Kosmisches Auge; 1921/22

Kosmischer Kommunismus
Freundlichs Theorie kombiniert ein soziologisch-politisches Programm mit einer ganzheitlichen Weltordnung. Seine Kunst ist kommunistisch, aber sie will die Menschen nicht zum Kommunismus bekehren, sondern ihn mit künstlerischen Mitteln vorleben. Dazu werden die Konturen aufgelöst und die Farben ohne trennende Linien nebeneinander gesetzt. Sie sind miteinander im Austausch, keine soll eine andere dominieren. „Die freien Farbflächen vertragen sich auf der Leinwand außerordentlich gut. Über ihnen steht kein kategorischer Imperativ. Ihr Leben beruht zunächst darin, dass sie eine offene Gemeinschaft bilden“, so Freundlich 1934 in einem Essay über „Die Wege der abstrakten Kunst“. Die Idee der offenen Gemeinschaft manifestiert sich auch in der Arbeitsweise des Künstlers. Die Bildoberfläche ist nicht abgeschlossen, immer ist der Pinselduktus klar erkennbar und tritt die Farbe mitunter reliefartig hervor, wie auch die Oberflächen seiner Plastiken nie glatt poliert sind, sondern rau und uneben bleiben.

Freundlich beschäftigte sich zudem mit der Beziehung des Menschen zum Kosmos, mit der Struktur und dem Aufbau der Materie. Dabei war er weniger anthroposophisch oder mystisch ausgerichtet, sondern orientierte sich an den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit, über die er durch seinen Vetter und engen Mitarbeiter Albert Einsteins, den Physiker Erwin Finlay Freundlich, aus nächster Nähe informiert war.

Otto Freundlich, Mon ciel est rouge, 1933
Otto Freundlich, Mon ciel est rouge, 1933

Der rote Himmel
Freundlich wollte vor allem von jenen verstanden werden, für die er kämpfte, also vom revolutionären Proletariat. Er betrachtete seine Kunst als Symbol einer kosmischen, universell waltenden Ethik, mit deren Hilfe das dualistische Weltbild, die Trennung von Subjekt und Objekt, überwunden werden sollte. Konkrete Hinweise auf seine politischen und philosophischen Ansichten hat der Künstler in seinem bildnerischen Œuvre allerdings kaum gegeben. In dieser Retrospektive bildet einzig das Ölgemälde Mon ciel est rouge aus dem Jahr 1933 eine Ausnahme. Schon der Titel suggeriert eine Nähe zur kommunistischen Ikonographie; durch eine erhaltene Skizze wird deutlich, dass die obere rote trapezförmige Zone im Bild, die Abstraktion einer roten Fahne ist, eine Assoziation, die durch den Untertitel der Skizze („Die proletarische Revolution marschiert“) noch verstärkt wird.

Freundlich zufolge ist der Künstler ein „Barometer der Transformationen. Er drückt sie in seinen Werken und Gedanken aus noch bevor sie sich in der Welt realisieren.“ Jedoch scheint die Menschheit heute noch weiter von einer utopischen Weltordnung in seinem Sinne entfernt, als damals. Ob sich das Barometer Freundlich in dieser Hinsicht irrte oder ob seine gesellschaftliche Schönwetterprognose für eine viel fernere Zukunft gilt, wird sich jeder fragen, der sich der Botschaft seiner Kunst stellt. In jedem Fall eröffnet das Eintauchen in die Bild- und Gedankenwelt des Otto Freundlich im Kunstmuseum Basel einen ebenso sinnlichen wie politischen Blick zurück nach vorn.

Diesen Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar