Liebe Kunstfreunde

Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel
Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel

Von Josef Helfenstein

Wissen Sie, wie viele Kunstwerke sich in den Museen der Stadt Basel befinden? Die Frage ist nicht ganz fair, ist es doch kaum möglich, die genaue Anzahl festzustellen; die Bestände sind aber beträchtlich, allein schon in den staatlichen Museen sind es weit über eine Million Objekte.
Warum ist das von Bedeutung? Vielleicht, weil die Breite und der Reichtum von Sammlungen, ähnlich wie bei Bibliotheken, ein wichtiger Hinweis sind für die Bedeutung der Institution als solcher. Wichtiger aber als ihr Umfang ist die Tatsache, dass Sammlungen von Kunstwerken schlafende Schätze sind, Quellen von Information, von überraschenden Einsichten und Entdeckungen, «Bildungsmaterial» für alle möglichen Arten von Unterricht oder Interessen breitester Art. Sammlungen von Kunst sind der Spiegel unserer wechselvollen Geschichte, von Haupt- oder Nebensächlichem, Ereignissen persönlichster oder auch weltgeschichtlich einschneidender Art, von Alltäglichem oder von Utopien, Vorahnungen, Katastrophen. Bedeutende Kunstsammlungen sind wie ein Gedächtnis der Menschheit, wobei wir zum Verständnis der Objekte manchmal das Wissen von Fachleuten oder vermittelnde Information benötigen.
Gerade Sammlungen, die über viele Jahrhunderte entstehen, sind schon immer eine Quelle der Inspiration gewesen. Eigentlich sind ihre Objekte der Grund, warum wir in Institutionen mit grossen Sammlungen arbeiten wollen. Dabei kommen sie aber häufig zu kurz, weil die Museen ebenfalls Opfer jener Atemlosigkeit geworden sind, die Merkmal unserer Zeit ist, die uns antreibt und in der wir, digital gejagt, in unserer «Informationsgesellschaft» von Ereignis zu Ereignis, von Event zu Event hetzen.
Der neue Blick auf diese in unterkühlten Depots ruhenden Schätze kann eine Offenbarung sein. Ich verstehe diese Auseinandersetzung mit den Schatztruhen keineswegs als einen Kompromiss, der in Zeiten knapper Ressourcen als Ausweg dienen soll. Sammlungen beinhalten oder verkörpern Erinnerungen, verdrängte Energien, Albträume oder Glücksmomente, die in unserem Unbewussten ruhen, sei dies nun individueller oder gesellschaftlich-kollektiver Art. Sie auszugraben und dem Licht neuer Betrachtung auszusetzen, kann Überraschungen bewirken, zu neuen Erkenntnissen über unsere Geschichte, uns als Gesellschaft und als Sammlung von Individuen führen.
Ein solcher Versuch, Unbekanntes und Bekanntes neu zu sehen, ist unsere Ausstellung Basel Short Stories. Objekte können Geschichten erzählen, die Texte niemals vermögen. Sie eröffnen einen weiten Horizont von Assoziationen. Ziel ist es, das ausserordentliche Potenzial der Öffentlichen Kunstsammlung Basel durch eine freie, Gegenüberstellung von vergessenen oder selten gezeigten Werken mit Ikonen unserer Sammlung auf neue Weise in unser Bewusstsein zu bringen. Derart beleuchtet werden berühmte wie auch weniger bekannte Personen und Vorkommnisse aus der Geschichte Basels ebenso wie naturwissenschaftliche Entdeckungen oder Ereignisse aus der Sport- und Unterhaltungsgeschichte.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Besuch der Ausstellungen in und um Basel

Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel

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