Archiv der Kategorie: Museum Tinguely, Basel

Lois Weinberger – Debris Field

Museum Tinguely
17.04.2019 – 01.09.2019

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung Lois Weinberger – Debris Field. In dieser Ausstellungsreihe treten unterschiedliche Künstler*innen in Dialog mit Jean Tinguelys Mengele Totentanz.
Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung Lois Weinberger – Debris Field. In dieser Ausstellungsreihe treten unterschiedliche Künstler*innen in Dialog mit Jean Tinguelys Mengele Totentanz.

Von Roland Wetzel
Lois Weinberger (geb. 1947 in Stams, Tirol) ist ein Pionier der künstlerischen Feldforschung. Bekannt wurde er mit einer Arbeit zur Documenta X von 1997, als er ein stillgelegtes Bahngleis am Bahnhof Kassel mit Neophyten bepflanzte, und damit eine Metapher schuf für die Migrationsprozesse unserer Zeit. Sein Interesse richtet sich auf die Schönheit des Unbeachteten, des Versteckten, der Rückseiten und Brachen. Mit einer Vielfalt an Ausdrucksformen und einem Hang zum Experimentellen versteht er es, seine Forschungen als vielschichtige Prozesse vorzustellen, die die stete Veränderung, das Werden und Vergehen zeigen. In ihrer Offenheit und Unbestimmtheit laden sie den Betrachter als Komplizen ein, sich selber auf Reisen zu begeben. Lois Weinberger – Debris Field weiterlesen

Diesen Beitrag teilen:

Cyprien Gaillard – Roots Canal

Zerstörung, Bewahrung, Wiederaufbau: Das Schaffen des Künstlers Cyprien Gaillard (*1980, Paris) beleuchtet unser zwiespältiges Verhältnis gegenüber Zerfallsprozessen und Ruinen. Als Reisender durchstreift er die Welt, sammelt unterwegs Fundstücke und erzählt mithilfe dieser Artefakte von der unabwendbaren und unaufhörlichen Transformation der urbanen Landschaft und damit auch von Natur und Menschen.

Museum Tinguely
16.02.2019 – 05.05.2019

Séverine Fromaigeat, Autorin dieses Textes und Kunsthistorikerin aus Genf, ist Kuratorin am Museum Tinguely und hat die Ausstellung Cyprien Gaillard. Roots Canal kuratiert.
Séverine Fromaigeat, Autorin dieses Textes
und Kunsthistorikerin aus Genf, ist Kuratorin am Museum Tinguely und hat die Ausstellung Cyprien Gaillard. Roots Canal kuratiert.

Im Zentrum der Präsentation Cyprien Gaillard. Roots Canal im Museum Tinguely steht eine Installation von Baggerschaufeln. Die für Grossbaustellen so charakteristischen, schweren Geräte stehen sich in zwei Reihen gegenüber, wie ein Spalier von Soldaten. Ausser Betrieb und in einem musealen Kontext verwandeln sich die stillen Riesen in mächtige Statuen. Mit der Patina, die sie im Lauf ihres mechanischen Lebens angesetzt haben, den verblichenen Farben und den Rostflecken, die sie überziehen, erwecken die zu Standbildern gewordenen Maschinen den Anschein von archäologischen, aus den Tiefen der Erde gehobenen Funden. Trotz ihres archaischen Aussehens sind die metallenen Ungetüme – hervorgegangen aus der industriellen Revolution – jedoch alles andere als Relikte der Vergangenheit. Ihr Einfluss auf die Welt von heute und morgen ist ungebrochen, verkörpern sie doch das Versprechen des Wandels, der architektonischen Erneuerung und einer sich ständig neu erfindenden Urbanität. Die Diggers von Cyprien Gaillard nehmen uns mit auf eine Reise in ein Hin und Her zwischen Vorgeschichte und Gegenwart. Zusätzlich reflektiert wird dieser Zeitsprung durch die an den Schaufeln angebrachten Stangen aus Onyx und Kalkspat: Zwischen den lichtdurchlässigen und äusserst zerbrechlichen Mineralien und dem wuchtigen Gerät, das sie zutage fördert, liegen nicht nur bis zu fünf Tonnen Gewicht, sondern auch einige Millionen Jahre.

Cyprien Gaillard, Greater Koa Moorhen, 2013
Cyprien Gaillard, Greater Koa Moorhen, 2013

Wie in seinem gesamten Schaffen betont Gaillard auch mit dieser Installation, dass Aufbau und Zerstörung keine widersprüchlichen Konzepte sind. Stattdessen sind beide Teil des selben Prozesses und zeitlich eng miteinander verbunden. Um neue Gebäude errichten zu können, muss das Verschwinden von Bestehendem in Kauf genommen werden, sei es eine Landschaft, ein anderes Bauwerk oder ein Niemandsland. Der Aufbau von Neuem bedingt zwingend die Zerstörung des Vorherigen. Aufgenommen und fortgesetzt wird dieser Gedankengang durch die ebenfalls im selben Raum gezeigte Bilderreihe Sober City (2015–2018): Als visueller Kontrapunkt zu den Baggerschaufeln hängen an den Wänden in unregelmässigen Abständen Polaroidfotos in der für sie typischen bescheidenen Grösse, die einen städtischen Hintergrund bilden. Die Fotografien sind doppelt belichtet: Ansichten von New York überlagern, Aufnahmen eines Amethystfragments aus dem New Yorker Naturkundemuseum. Durch die Verschmelzung der beiden Motive und die doppelte Belichtung wirken die Bilder so, als seien sie durch ein Prisma aufgenommen. Ein Gebäude, ein Bus, eine Skulptur oder ein Baum – die urbanen Komponenten sind kaum noch erkennbar. Beim Betrachten scheinen sie nach und nach zu kristallisieren, ähnlich wie im Science-Fiction-Roman The Crystal World (1966) von J. G. Ballard, in dem ein mysteriöses Phänomen dazu führt, dass sich Menschen, Tiere und Pflanzen allmählich in kristalline Strukturen verwandeln. Durch die Aufnahme auf Polaroidpapier, einem fragilen, vergänglichen und mit der Zeit verblassenden Trägermedium, und die Auswahl der Motive spiegeln die Sober Cities die kontinuierliche Metamorphose der Stadt wider; einer Stadt – und hier kommen wieder die Bagger ins Spiel – im ewigen Spannungsfeld zwischen dem Bewahren des architektonischen Erbes und dem Errichten neuer Bauten und damit der Entropie, dieser Unordnung der Materie im Zuge unvermeidlicher Verfallsprozesse. Mit seinen Werken beleuchtet Gaillard diesen langsamen Übergang von einem Zustand zum anderen und die auftretenden Spannungen – physischer, ästhetischer, gesellschaftlicher oder politischer Art – zwischen Erneuerung und Vernichtung.

Cyprien Gaillard, KOE, 2015 (Filmstill)
Cyprien Gaillard, KOE, 2015 (Filmstill)

Im nächsten Raum der Ausstellung schliesst mit KOE (2015) eine grossformatige, wandfüllende Projektion einer Videoaufnahme eines Schwarms exotischer Vögel über den Einkaufsstrassen von Düsseldorf an. Die geflügelten Besucher, ursprünglich in Afrika und Asien beheimatete Halsbandsittiche, fliegen vorbei an edlen Geschäften und zwischen moderner Architektur hindurch, unter sich die permanente Baustelle, als die sich das Stadtzentrum präsentiert. Das Grün ihres Gefieders zeichnet die anachronistischen Linien nach, die eine hyperästhetisierte, innerstädtische Welt von morgen kennzeichnen, geprägt von Luxusmarken, ätherischen Gebäuden und omnipräsentem Konsum. Der Halsbandsittich kam einst als Käfigvogel in unsere Breitengrade und hat mittlerweile in mehreren europäischen Städten neue Lebensräume für sich entdeckt. Sein attraktives Äusseres lässt leicht vergessen, dass es sich dabei um eine invasive Art handelt, die einheimische Ökosysteme gefährdet. 

Cyprien Gaillard, Captain Blood's Moorhen, 2013
Cyprien Gaillard, Captain Blood’s Moorhen, 2013

Zum Eintauchen in eine hypnotische, tranceartige Atmosphäre lädt Nightlife (2015) ein. Der Film, ein Mosaik von Szenen ohne offensichtlichen Zusammenhang, versetzt die Betrachtenden in eine farbenprächtige, urbane Nacht. Die Aufnahmen führen von Auguste Rodins Skulptur Der Denker vor dem Kunstmuseum von Cleveland über ein halluzinatives Ballett von Wacholderbäumen in Los Angeles – auch dies eine invasive Art – und ein spektakuläres Feuerwerk über dem Berliner Olympiastadion zurück nach Cleveland zu einer Eiche, deren Setzling der mehrfache Olympiasieger Jesse Owens 1936 von den Nationalsozialisten erhalten hatte. Die besonders plastisch als 3D-Projektion gezeigten Bilder ermöglichen das ebenso verwirrende wie betörende Erlebnis einer übersteigerten Wahrnehmung. Zusätzlich verstärkt wird die visuelle und sensorische Immersion durch die Tonspur des Werks, ein vom Künstler produzierter Mix von Samples der Refrains zweier Stücke des Rocksteady-Musikers Alton Ellis. Wie in den anderen Werken der Ausstellung ersinnt Cyprien Gaillard auch hier aus ungleichen, sogar gegensätzlichen Fragmenten ein neue Erzählung. In dieser vermischen sich Anekdote mit Geschichte und Stadt, Natur und Mensch koexistieren in einem gemeinsamen nicht linearen Raum-Zeit-Gefüge.

Diesen Beitrag teilen:

Radiophonic Spaces im Museum Tinguely

21Ein akustischer Parcours durch die Radiokunst begleitet von
14 Themenwochen rund um das Radio. 

Museum Tinguely
24.10.2018 – 27.01.2019

Der Autor dieses Textes, Andres Pardey, ist Vizedirektor des Museum Tinguely
und Kurator der Ausstellung
«Radiophonic Spaces» in Basel. 

In den fast hundert Jahren seit Radio existiert, haben sich
Musiker, Komponisten, Schriftsteller, Philosophen und bildende Künstler (sowie viele, die sich nicht in klassische Kategorien einpassen lassen) mit dem Medium Radio auseinandergesetzt. Sie haben die Produktion von Sendungen befragt, die Art der Aufnahme, der Übertragung und des Empfangs und wie Sendungen gespeichert wurden. Das Rauschen zwischen den Sendern war ebenso ein Thema wie die Stille, wenn nicht gesendet wird. Das Speichermedium (die Schallplatte) und die Produktionsumgebung (das elektronische Studio) standen im Zentrum akustischer Recherchen und machten das Medium präsent und bewusst. Radiophonic Spaces im Museum Tinguely weiterlesen

Diesen Beitrag teilen:

Too early to panic: Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger

Das Schweizer Künstlerduo Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger richtet diesen Sommer  im Museum Tinguely ein dreiteiliges Wunderkammer-Labyrinth ein. Das Publikum hat die einmalige
Gelegenheit, in einen Dschungel aus Werdendem, Wucherndem und Chaotischem einzutauchen und selber darin aktiv zu werden. 

06.06.2018 – 23.09.2018

Séverine Fromaigeat ist Kuratorin am Museum Tinguely. Gemeinsam mit Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger hat sie die grosse Ausstellung entwickelt, wachsen und wuchern lassen.
Séverine Fromaigeat ist Kuratorin am Museum Tinguely. Gemeinsam mit Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger hat sie die grosse Ausstellung entwickelt, wachsen und wuchern lassen.

Von Séverine Fromaigeat
Seit Beginn ihrer Zusammenarbeit im Jahr 1997 erschaffen Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger gemeinsam In-situ-Installationen, üppige und oftmals betörende Universen aus natürlichen Fundstücken und gefertigten Objekten. Wachstum, Transformation und Kristallisation sind Teil ihrer Kunstwerke: Durch chemische Reaktionen erfährt die Installation eine langsame Metamorphose. Der Besucher ist immer wieder eingeladen, in ein fantastisches Universum aus farbenfrohen Landschaften einzutauchen, selbst aktiv zu werden sowie Sinne und Geist anregen zu lassen. Die ebenso zauberhaften wie unheimlichen Installationen des Künstlerduos knüpfen Verbindungen zwischen gegensätzlichen Welten. Sie öffnen den Blick auf das sonderbare Laboratorium des Lebens, auf dessen biologische Vielfalt zwischen Natur und Künstlichkeit und auf die Kräfte von Fruchtbarkeit und Wachstum. 

In Form eines Raum-Zeit-Labyrinths präsentieren Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger einen Überblick ihres 25-jährigen Schaffens. Der Zugang zur Ausstellung erfolgt durch eine von drei Türen – diejenige der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Hinter jeder Tür verbirgt sich ein anderes Kapitel ihres Kosmos, das sich wiederum aufgliedert in eine Vielzahl potenzieller Erfahrungen an verschiedenen Stationen. So kann der Besucher unter anderem durch einen Wald von Zweigen streifen, einen Halt in einem Massagesalon einlegen, eine Runde schaukeln, eine Träne für ästhetisch-wissenschaftliche Zwecke vergiessen, sich mit Schönheitsexperten unterhalten, Übungen auf Fitnessgeräten absolvieren oder Auge in Auge mit einem Meteoriten seine psychische Belastbarkeit prüfen.

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Königliche Regenwürmer, 2017
Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Königliche Regenwürmer, 2017, Installation © 2018 Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger

Wer die Tür der Vergangenheit wählt, begibt sich auf eine Zeitreise zu den frühesten Arbeiten des Duos. Diese sehr geordnete Welt weist viele Merkmale einer klassischen Ausstellung auf, mit Objekten, Videos und zweidimensionalen Werken, deren Präsentation etablierten kuratorischen Grundsätzen folgt. Durch ein mit Gerätschaften aller Art vollgestopftes Gartenhäuschen gelangt man zu verschiedenen von den beiden Künstlern über die Jahre angelegten Sammlungen, insbesondere von Samen (Schlafende Samen, 2002, Samensammlung aus Mali, 2003). Das Samenkorn, Keimzelle aller Dinge, steht gleichermassen für die Fruchtbarkeit – diese primäre Energie, die jeder Form von Leben zugrunde liegt – wie für die Wurzeln, die uns sowohl mit unserer eigenen Vergangenheit als auch der Geschichte der Menschheit verbinden. Im weiteren Verlauf folgt das Video Logic of Beauty (2010), ein Strom hypnotischer Bilder, deren Farben und Muster eine magnetische Wirkung ausüben, als ob die Künstler hier die Essenz der Schönheit eingefangen hätten.

Auf das Thema der Schönheit trifft man auch hinter der Tür der Gegenwart. Jeder Raum präsentiert sich als dreidimensionale
Mini-Fiktion, mit eigenen Kulissen, Darstellern und Requisiten. Die Hauptrolle spielt jedoch der Besucher, der die Szenerie zum Leben erweckt. Station für Station beschert ihm eine interaktive, zugleich wissenschaftliche, vergnügliche und philosophische Erfahrung rund um den Begriff der Schönheit. Hier heisst es, seine Schüchternheit an der Garderobe zu deponieren und sich auf die Akteure – eine/n Sekretär/in, eine/n Tränensammler/in und eine/n Personal Trainer/in – einzulassen. Auf dem Programm stehen das Bestaunen von Augensekreten und ihrer winzigen Strukturen unter dem Mikroskop, das Liegen unter einem schweren hängenden Stein, Konzentrationsübungen oder auch eine stille Pause.

Im letzten Bereich wartet die Zukunft mit ihren Unsicherheiten, ihrem Chaos und ihrer Unfertigkeit. Dominiert werden die Räumlichkeiten von einem majestätisch wuchernden Wald, einem schwebenden, vielfarbigen Labyrinth voll mit Verästelungen aus pflanzlichen und künstlichen Elementen, das auf das Gewimmel alles Lebendigen anspielt und dessen im Raum tanzende Formen zum Träumen und Fantasieren anregen. Zum Ende geht der hängende Wald in einen Fitnessraum über, dessen Geräte von den beiden Künstlern auf schelmische Weise so umgestaltet wurden, dass sie neben dem Körper auch den Geist stimulieren.

Mit Too early to panic laden uns Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger auf eine Reise ein – eine Reise, die uns die Welt um uns herum mit neuen Augen sehen lässt.

Diesen Beitrag teilen:

Gauri Gill. Traces

Museum Tinguely
bis 01.11.2018

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely
Roland Wetzel, Autor des Textes, ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung «Gauri Gill. Traces».

Von Roland Wetzel
Im Sommer 2016 konnte Jean Tinguelys Mengele-Totentanz (1986) in einem neu im Museum eingebauten, «sakralen» Raum installiert werden. Um die Vielschichtigkeit dieses zentralen Spätwerkes hervorzuheben, zeigt das Museum Tinguely eine Reihe von Ausstellungen, die sich mit besonderen Aspekten des Mengele-Totentanzes verbinden. Jérôme Zonders Dancing Room
bildete 2017 den Auftakt. 

Gauri Gill. Traces weiterlesen

Diesen Beitrag teilen: