Archiv der Kategorie: Kunstmuseum Basel

Kunst. Geld. Museum. Fünfzig Jahre Picasso-Story

Fünfzig Jahre Picasso-Story

10.03.2018  – 12.08.2018

2018 jährt sich die erstmalige gemeinsame Präsentation
aller 1967 erworbenen Picassos im Kunstmuseum Basel
zum 50. Mal. Das Jubiläum bildet den Anlass für eine
erweiterte Sammlungspräsentation.

Eva Reifert ist Kuratorin 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und kuratiert die Ausstellung Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story.
Eva Reifert ist Kuratorin 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und kuratiert die Ausstellung Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story.

Von Eva Reifert

Diese Geschichte kennen in Basel fast alle: 1967 sollten zwei hochbedeutende Picasso-Gemälde, die bis dahin als Leihgaben im Kunstmuseum hingen, auf dem internationalen Markt verkauft werden. Die Bevölkerung aber bewilligte per Referendum die stolze Summe von sechs Millionen Franken aus Steuergeldern und trieb mit einem «Bettlerfest» den noch fehlenden Restbetrag auf, sodass man das Angebot eines Vorkaufsrechts annehmen und Picassos Les deux frères (1906) und Arlequin assis (1923) für die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwerben konnte. Der Künstler, der die Ereignisse aus dem französischen Mougins verfolgt hatte, lud den Direktor des Kunstmuseums, Franz Meyer, zu sich ein und schenkte Basel bei dieser Gelegenheit vier weitere seiner Werke. Als siebter Picasso des Jahres 1967 gelangte das kubistische Gemälde Le poète (1912) als eine durch das Engagement der Bevölkerung inspirierte Schenkung der Mäzenin Maja Sacher in die Sammlung.

Pablo Picasso, Les deux frères, 1906 (Gósol), Kunstmuseum Basel- Depositum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel- 1967
Pablo Picasso, Les deux frères, 1906 (Gósol), Kunstmuseum Basel- Depositum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel- 1967

50 Jahre nach diesen Ereignissen zeigt sich, dass die Akteure rund um die Sammlung des Kunstmuseums noch dieselben sind – Bevölkerung, Künstler, der Direktor, die Kunstkommission und Mäzene. Auch die Auseinandersetzung mit der Frage «Welche Kunst kommt ins Kunstmuseum?», die die Diskussionen im Zuge der Picasso-Ankäufe bestimmte, führen wir heute noch im selben Spannungsfeld von künstlerischen Kriterien, finanziellen Mitteln und Belangen des Museums. Was den für ein Museum zentralen Vorgang der «Verinstitutionalisierung» von Kunst angeht, richtet die Ausstellung

Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story in den Erdgeschossräumen des Kunstmuseums Basel den Blick auch auf die Rolle des Direktors, der Kunstkommission und der Mäzene. Wie aktuell die Fragestellungen von 1967/68 sind, sieht man daran, dass sich viele der damaligen Statements, die in der Ausstellung durch Zeitungsausschnitte und anderes Archivmaterial zugänglich sind, wie Debattenbeiträge aus unseren Tagen lesen. Die Ausstellung nimmt die Diskussion im Gespräch mit den Besuchern und Künstlern der Stadt wieder auf und geht den Implikationen in Bezug auf Identifikation und Zusammengehörigkeit, Kunst und Kommerz nach.

Einerseits können so die Ereignisse von vor 50 Jahren mit all ihrem legendären Potenzial vergegenwärtigt werden, etwa auch durch grossformatige Fotografien von Kurt Wyss, andererseits bildet die «Picasso-Story» mit Programmpunkten wie Tischgesprächen den Ausgangspunkt für heutige Fragestellungen rund um Kunst, Geld und Museum. Somit stehen die sieben Werke Picassos, die 1968 erstmals gemeinsam präsentiert wurden, im Kontext von Meinungsstreit und museumspolitischen Entscheiden, zeigen sich aber gerade darin in ihrer zeitlosen Präsenz.

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Basel Short Stories: Frick und Frack

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Frick und Frack: «Slapstick on Ice»  von Gundeldingen nach Hollywood

Robert Gober, Untitled, 1997-1998, Privatsammlung, Gabriel Moulin Studios, San Francisco
Robert Gober, Untitled, 1997-1998, Privatsammlung, Gabriel Moulin Studios, San Francisco

Werner Groebli (1915–2008) und Hansruedi Mauch (1919–1979) wachsen im Basler Gundeldinger-Quartier auf, wo sie jeweils die Winterwochen nutzen, um auf improvisierten Eisflächen Schlittschuh zu laufen. Bei einem Varieté auf der neu erbauten Kunsteisbahn Margarethen bietet sich den beiden 1936 die Gelegenheit, ihre besondere Kreation aus Akrobatik und Komödie einem Publikum zu präsentieren – mit grosser Wirkkraft: Die parodistische Einlage auf Italiens Interventionen in Äthiopien bringen den italienischen Konsul dazu, die Vorführung aus Protest vorzeitig zu verlassen. Es folgen Aufführungen in Davos und London, wo die beiden «entdeckt» werden. 1939 wagen sie den Sprung in die USA, wo sie sich nun «Frick and Frack» nennen.

Der Erfolg führt Frick und Frack bis nach Hollywood, wo sie in zwei Filmen auftreten: «Silver Skates» (1943) und «Lady, Let’s Dance» (1944). Nachdem Mauch wegen Krankheit 1953 zurücktreten muss, führt Groebli alias «Frick» die Vorstellungen solo fort. Als er mit 66 Jahren in Rente geht, verzeichnet er rund fünfzehntausend Performances. Während die Basler Eiskunstkomödianten in der Schweiz in Vergessenheit geraten, hat sie ihre Berühmtheit in den USA sogar in den Sprachschatz katapultiert: Die Wendung «You are like Frick and Frack» bezeichnet entweder zwei Leute, die sich unverwechselbar ähneln, oder – abwertend – zwei Dummköpfe.

Paule Vézelay, Lines in Space No 16, 1951, Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968
Paule Vézelay, Lines in Space No 16, 1951, Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968

Die Werke dieser Story nehmen mit Max Beckmann oder Ernst Ludwig Kirchner einerseits die Thematik des Schlittschuhlaufens und der Akrobatik auf und andererseits mit Walter Kurt Wiemken oder Paul Klee das Clowneske. Darüber hinaus nähern sie sich in Reliefs von Walter Bodmer und Paule Vézelay assoziativ Themen der Ähnlichkeit und der Konstruktion beziehungsweise der Mobilität der Linie. Durch Werke von Andy Warhol und Danh Vo wird Nordamerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten evoziert.

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Editorial

Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel
Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel

Von Josef Helfenstein

Wissen Sie, wie viele Kunstwerke sich in den Museen der Stadt Basel befinden? Die Frage ist nicht ganz fair, ist es doch kaum möglich, die genaue Anzahl festzustellen; die Bestände sind aber beträchtlich, allein schon in den staatlichen Museen sind es weit über eine Million Objekte.
Warum ist das von Bedeutung? Vielleicht, weil die Breite und der Reichtum von Sammlungen, ähnlich wie bei Bibliotheken, ein wichtiger Hinweis sind für die Bedeutung der Institution als solcher. Wichtiger aber als ihr Umfang ist die Tatsache, dass Sammlungen von Kunstwerken schlafende Schätze sind, Quellen von Information, von überraschenden Einsichten und Entdeckungen, «Bildungsmaterial» für alle möglichen Arten von Unterricht oder Interessen breitester Art. Sammlungen von Kunst sind der Spiegel unserer wechselvollen Geschichte, von Haupt- oder Nebensächlichem, Ereignissen persönlichster oder auch weltgeschichtlich einschneidender Art, von Alltäglichem oder von Utopien, Vorahnungen, Katastrophen. Bedeutende Kunstsammlungen sind wie ein Gedächtnis der Menschheit, wobei wir zum Verständnis der Objekte manchmal das Wissen von Fachleuten oder vermittelnde Information benötigen.
Gerade Sammlungen, die über viele Jahrhunderte entstehen, sind schon immer eine Quelle der Inspiration gewesen. Eigentlich sind ihre Objekte der Grund, warum wir in Institutionen mit grossen Sammlungen arbeiten wollen. Dabei kommen sie aber häufig zu kurz, weil die Museen ebenfalls Opfer jener Atemlosigkeit geworden sind, die Merkmal unserer Zeit ist, die uns antreibt und in der wir, digital gejagt, in unserer «Informationsgesellschaft» von Ereignis zu Ereignis, von Event zu Event hetzen.
Der neue Blick auf diese in unterkühlten Depots ruhenden Schätze kann eine Offenbarung sein. Ich verstehe diese Auseinandersetzung mit den Schatztruhen keineswegs als einen Kompromiss, der in Zeiten knapper Ressourcen als Ausweg dienen soll. Sammlungen beinhalten oder verkörpern Erinnerungen, verdrängte Energien, Albträume oder Glücksmomente, die in unserem Unbewussten ruhen, sei dies nun individueller oder gesellschaftlich-kollektiver Art. Sie auszugraben und dem Licht neuer Betrachtung auszusetzen, kann Überraschungen bewirken, zu neuen Erkenntnissen über unsere Geschichte, uns als Gesellschaft und als Sammlung von Individuen führen.
Ein solcher Versuch, Unbekanntes und Bekanntes neu zu sehen, ist unsere Ausstellung Basel Short Stories. Objekte können Geschichten erzählen, die Texte niemals vermögen. Sie eröffnen einen weiten Horizont von Assoziationen. Ziel ist es, das ausserordentliche Potenzial der Öffentlichen Kunstsammlung Basel durch eine freie, Gegenüberstellung von vergessenen oder selten gezeigten Werken mit Ikonen unserer Sammlung auf neue Weise in unser Bewusstsein zu bringen. Derart beleuchtet werden berühmte wie auch weniger bekannte Personen und Vorkommnisse aus der Geschichte Basels ebenso wie naturwissenschaftliche Entdeckungen oder Ereignisse aus der Sport- und Unterhaltungsgeschichte.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Besuch der Ausstellungen in und um Basel

Josef Helfenstein, Direktor Kunstmuseum Basel

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Gefährliche „Weibsbilder“ im Kunstmuseum Basel

Weibsbilder
07.10.2017 – 07.01.2018
Kunstmuseum Basel

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider
Das männliche Geschlecht sah sich um 1500 einer zunehmenden Bedrohung durch die Frauen ausgesetzt. Verführt von deren Liebreiz und Schönheit, blind und taub für alle Warnungen, wurde der Mann im besten Falle lächerlich gemacht, wie Aristoteles, der von Phyllis, der Geliebten Alexander des Großen, erst mit einem Liebeszauber belegt und dann als Reittier missbraucht wurde, zu sehen in dem Holzschnitt Aristoteles und Phyllis (1513) von Hans Baldung Grien. Nicht selten stürzten sich verliebte Männer in Unkosten, um von ihrer Angebeteten erhört zu werden und wurden dann um Hab und Gut, sowie die Liebe betrogen.  Im schlimmsten Fall bezahlten sie ihre Schwäche für das weibliche Geschlecht gar mit dem eigenen Leben.

Hans Baldung gen. Grien; Aristoteles und Phyllis; 1513
Hans Baldung gen. Grien; Aristoteles und Phyllis; 1513

Mit all diesen von Moralaposteln geschürten Männerängsten und, mitunter bis heute, tief verwurzelten Geschlechterklischees beschäftigt sich die Ausstellung Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 im Basler Kunstmuseum. Die von Ariane Mensger kuratierte Schau versammelt vor allem Zeichnungen und Druckgrafiken sowie einige Gemälde und eine Kleinplastik aus dem frühen sechszehnten Jahrhundert. Allesamt von männlicher Hand geschaffen, eröffnen die Werke, gegliedert in die vier Themenbereiche Eros, Macht, Moral und Tod, einen facettenreichen Einblick in die männliche Psyche der damaligen Zeit.

Liebesfreud und Liebesleid

Niklaus Manuel gen. Deutsch; Frau Venus; um 1512
Niklaus Manuel gen. Deutsch; Frau Venus; um 1512

Um 1500 wurden in der bildenden Kunst vermehrt Sujets behandelt, mit denen sich einerseits der nackte weibliche Körper in Szene setzen liess, was vorher nur in einem sehr engen, von der religiösen Ikonographie vorgegebenen Rahmen, etwa bei der Darstellung Evas im Paradies, möglich gewesen war, und anhand derer gleichzeitig vor den negativen Folgen der Liebe und des sinnlichen Vergnügens gewarnt werden konnte. Zahlreiche Darstellungen zeigen die nackte Liebesgöttin Venus. Oft zum Zeichen ihrer Flatterhaftigkeit mit Flügeln ausgestattet, balanciert sie unsicher auf einer Kugel und ist mit lassoartigen Seilen bewaffnet, mit denen sie ihre wehrlosen Opfer einfängt. In der Zeichnung  Frau Venus (1512) von Niklaus Manuel Deutsch verschießt ein auf der Göttin Schulter stehender Amor Pfeile mit Narrenkappen, die sich der Getroffene dann überstreifen wird.

Urs Graf; Die Liebesqualen; um 1516
Urs Graf; Die Liebesqualen; um 151

Mitunter lassen sich die Narren auch einfach vom Baum schütteln. In unterschiedlichen Entwicklungsstadien, mal nur als Kappe tragender Kopf oder gleich als fertig ausstaffierter Narr, purzeln sie aus der Krone des Narrenbaums (um 1525), an welchem ein attraktives Frauenzimmer vehement rüttelt um möglichst viele Liebesnarren zu ernten. Aber nicht nur die Männer leiden an den Folgen der Liebe auch die Frauen selbst fallen ihrem wollüstigem Treiben zum Opfer. In der Zeichnung Die Liebesqualen (um 1516) von Urs Graf wird das Herz einer schönen Dame auf alle erdenklichen Arten gemartert, so dass ihr als einziger Ausweg der Selbstmord bleibt. Liebe ist unheilbar warnt schon Frau Venus in Sebastian Brants Narrenschiff (1494): „Und wer einmal von mir wird wund, / den macht kein kräftig Kraut gesund.“

Liebeszauber und dunkle Magie

Frauen haben Macht über Männer, nicht nur wenn sie den Kampf um die Hose (um 1495, Kupferstich von Israhel van Meckenem) gewonnen haben. Allein die Aussicht in den Genuss ihrer verführerischen Reize zu kommen, ließ die Männer unvorsichtig werden und so dienten antike und biblische Herren, denen von Frauen übel mitgespielt worden ist, als Mahnmal für den Mann der Renaissance: von Samson, dem im Schlaf von Delila das Haar und damit auch die Kräfte geraubt wurden, über Vergil, der in einem Korb an der Palastmauer unter dem Fenster der von ihm angebeteten Kaisertochter bloßgestellt wurde, bis zu Sisera, der von seiner Geliebten Jael im Schlaf ermordet wurde.

Und das sind längst nicht alle Gefahren denen man(n) ausgesetzt war: allerorten lauerten Hexen, die zahlreiche Arten von Schadenszaubern betrieben und mit Dämonen verkehrten. Die 1486 vom Inquisitor Heinrich Kramer publizierte Schrift Hexenhammer verknüpft in der Argumentation unter anderem die weibliche Sexualität mit dem Teufel. Er betont, dass Frauen aufgrund ihrer Glaubensschwäche anfälliger seien für Hexerei und unterstellt ihnen zudem Machtstreben, Rachsucht und Habgier. Der Künstler Hans Baldung Grien hat sich eingehend mit der Hexenthematik beschäftigt. In seinen Zeichnungen und Holzschnitten erscheinen die Hexen einerseits als junge Schönheiten, die verkehrt herum auf einem Ziegenbock durch die Lüfte reiten oder sich mit Fabelwesen verlustieren – Hexe und fischgestaltiger Drache (1515) – und andererseits als hässliche Alte, welche aus kuriosen Zutaten ihre Zauberelixiere zusammenbrauen.

Sexualisierung biblischer und antiker Themen

Um 1500 setzte ebenfalls eine Sexualisierung schon etablierter ikonografischer Themen ein. Der Sündenfall wird immer häufiger als erotischer Akt inszeniert bei dem sich Adam und Eva umarmen oder gar küssen. Auch die Ölverschwendung der törichten Jungfrauen im biblischen Gleichnis wird neu als Verlust der Jungfräulichkeit interpretiert und Urs Graf zeichnet eine „Kluge“ Jungfrau (1513), deren Lampe zwar noch brennt, die aber offensichtlich hochschwanger ist. Und die antike Tugendheldin Lucretia, die sich nach der Vergewaltigung durch Sextus Tarquinius selbst entleibt um die Ehre ihrer Familie wieder herzustellen, wird von Lucas Cranach d. Ä. im Moment der Selbsttötung in erotisch lasziver Pose, nackt, nur von einem durchsichtigen Schleier umspielt, welcher ihr Geschlecht mehr betont als verhüllt, dargestellt. Hier ist die ikonographische Vorlage lediglich ein Alibi für die Zurschaustellung eines schönen weiblichen Körpers.

Die Ausstellung Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 zeigt vor allem die Symptome männlicher Ängste vor weiblicher Dominanz. Sie sind Zeichen unterdrückter, nicht auslebbarer Begierden, denn im bürgerlichen Tugendregiment der Zeit war die Ausübung von Sexualität nur in der Ehe gestattet, welche aber viele aus materiellen oder gesellschaftlichen Gründen nicht eingehen konnten. Das Frauenbild in der christlichen Welt war von Anfang an negativ geprägt und um 1500 setzte nochmals eine Abwertung ein. Gründe hierfür sieht Ariane Mensger zum einen in einer zunehmenden Konkurrenz auf dem städtischen Arbeitsmarkt, welche in der Folge den Frauen den Zugang zur Berufstätigkeit erschwerte, und zum anderen im von der Reformation propagierten Ideal der bürgerlichen Hausfrau und Mutter. Durch einen verschärften Sittenkodex wurde zudem die Prostitution stärker kontrolliert, eingeschränkt und mancherorts sogar ganz verboten. Dies alles mögen Gründe für das gespannte Verhältnis zwischen Mann und Frau gewesen sein.

Nun sind freilich nicht alle im Kunstmuseum Basel ausgestellten Sujets so grimmig ernst zu nehmen, wie das die Kommentierung gelegentlich suggeriert. Vieles ist überzeichnet, an der Grenze zur Karikatur und manchmal, aus dem Blickwinkel des männlichen Künstlers, erfrischend selbstironisch. Diese Ironie hätte das Basler Ausstellungskonzept vielleicht mehr betonen können. Dennoch: vielfach amüsant und lehrreich präsentiert sich der Reigen der „Weibsbilder“ im Kunstmuseum Basel, wo sie noch bis zum 7. Januar 2018 die Betrachter in ihren Bann ziehen.

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Chagall im Kunstmuseum – Die Kunst des Fabulierens

Chagall
Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919
16.09.2017–21.01.2018
Kunstmuseum Basel

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von angetrunkenen Dichtern und fliegenden Kutschen, verliebten Paaren in Blau und biegsamen Mondmalern, aber auch vom alltäglichen Leben der jüdischen Bevölkerung in den russischen Schtetl, von den Schrecken und Wirren des ersten Weltkrieges sowie der Russischen Revolution erzählt das Frühwerk Marc Chagalls (1887 – 1985), welchem das Kunstmuseum Basel seine reichhaltige und vielschichtige Ausstellung Chagall. Die Jahre des Durchbruchs 1911 – 1919 gewidmet hat.

Von Petra Schneider

Mit dem Adjektiv „fantastisch“ wird die Kunst Chagalls häufig beschrieben, wogegen sich der Maler allerdings schon 1921 in seinen autobiographischen Aufzeichnungen „Mein Leben“ vehement gewehrt hat: „Nennt mich nicht einen Phantasten. Im Gegenteil, ich bin Realist. Ich liebe die Erde.“ Bei Chagall bestehe immer auch die Gefahr sein Werk auf eine romantisierende und populistische Lesart zu reduzieren, so Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseum Basel und Kurator der Ausstellung. Dies möchten er und seine Assistentin Olga Osadtschy mit ihrem Ausstellungskonzept unbedingt vermeiden und neue, bisher wenig bekannte Einblicke in das Frühwerk eines Künstlers eröffnen, in dem sich politische, soziale und kulturelle Gegensätze vereinen.

Marc Chagalls «Homage à Apollinaire» (1911–12, links) als Leihgabe des Van Abbemuseums in Eindhoven und «Halb vier Uhr (Der Dichter» (1911) als Leihgabe des Philadelphia Museum of Art.
Marc Chagalls «Homage à Apollinaire» (1911–12, links) als Leihgabe des Van Abbemuseums in Eindhoven und «Halb vier Uhr (Der Dichter» (1911) als Leihgabe des Philadelphia Museum of Art.

Ein Russe in Paris
1911 kam der russische Maler Moische Schagalow in Paris an, dem damaligen Zentrum der modernen Kunst, und wurde dort nach eigenen Worten als Marc Chagall wiedergeboren. Er verbrachte viel Zeit im Louvre, in den Galerien und Salons der Stadt, sog die neuen Eindrücke in sich auf und verarbeitete sie in seinen eigenen Bildern. So entstanden Werke wie Das Atelier (1911) und Sabbath (1911), die in ihrer Bildsprache stark an Vincent van Gogh erinnern oder Paris durch das Fenster (1913) und Hommage an Apollinaire (um 1913, Ausstellungsansicht oben, links), welche in der Bildkomposition von Robert Delaunay, mit dem Chagall auch befreundet gewesen ist, beeinflusst scheinen. Eine Kuh in einem Gelben Zimmer (1911) oder ein rotes Pferd, welches in der Wahrnehmung eines Betrunkenen (1911) kopfüber auf einer Weide steht, lassen zudem an die Tierbilder Franz Marcs denken. Trotz oder aufgrund der vielfältig möglichen Assoziationen lässt sich Chagalls Œuvre nicht einer bestimmten Kunstrichtung zuordnen, der Maler kombinierte vielmehr verschiedene ikonographische Systeme und Stilverfahren; so stehen Anklänge an die Bildwelten der russischen Ikonen neben kubistischer Formbehandlung, befreite Farbgebung und rhythmische Farbharmonie à la Fauvismus und Orphismus neben den Themen und der Symbolik der jüdischen Volkskunst.
Dass Chagall in seiner Kunst zu einer ganz eigenen Sprache gefunden hat, ist zuerst den Literaten Blaise Cendrars und Guillaume Apollinaire bewusst geworden. Letztgenannter bezeichnete Chagalls Kunst anerkennend als „übernatürlich“ und machte ihn mit dem deutschen Galeristen Herwarth Walden bekannt, der im Mai 1914 die erste große Einzelausstellung für den Maler in seiner Berliner Galerie „Der Sturm“ ausrichtete, die den Künstler über Nacht berühmt machte. Nach der Ausstellungseröffnung reiste Chagall in seine Heimatstadt Witebsk und wurde dort vom Ausbruch des ersten Weltkrieges überrascht, die geplante Rückkehr nach Paris war in den folgenden acht Jahren nicht möglich.

Im heimatlichen Exil Witebsk
Zurück in der russischen Provinz beschäftigte sich Chagall mit dem Alltagsleben einer Kleinstadt. Er porträtierte seine Familienmitglieder – unter anderem Vater und Großmutter (1914) beim Teetrinken, den Onkel Sussy Beim Friseur (1914), seine Frau und Tochter in Bella und Ida am Tisch (1916) – und immer wieder sich selbst. Neben diesen Gemälden mit privatem Bezug zeigt die Basler Ausstellung eine Reihe von Tuschezeichnungen, die das Kriegsgeschehen dokumentieren: Aufbruch in den Krieg, Der verletzte Soldat, Wehklage (1914). So kennt man Chagall in der Regel nicht, doch auch in schwarz-weiß gelingen ihm eindringliche Charakterstudien.

Marc Chagall; Die Uhr (La Pendule); 1914
Marc Chagall; Die Uhr (La Pendule); 1914

Zugleich entstehen in diesen Jahren symbolistisch rätselhafte Gemälde wie Die Uhr (1914) und Der Spiegel (1915), in denen übergrossen Gegenständen eigentümlich kleingeratene menschliche Figuren an die Seite gesetzt werden. Überhaupt ist es, auch schon in der Pariser Zeit, ein Kennzeichen seiner Bildsprache, dass die Proportionen der Figuren und die Bildarchitekturen nicht aufeinander abgestimmt sind, Oben und Unten nicht eindeutig festlegbar sind und die Welt mitunter auf dem Kopf steht.
Ein ganzer Ausstellungsraum ist Chagalls Judenporträts gewidmet. Zusätzlich zu den drei Gemälden, Der Jude in Grün, Der Jude in Rot und Der Jude in Schwarz-Weiss, die sich alle in der Basler Sammlung Im Obersteg befinden, ist es gelungen das vierte Bild der 1914 entstandenen Serie Der Jude in Hellrot aus dem Staatlich Russischen Museum in Sankt Petersburg auszuleihen. Die vier Gemälde werden in Basel erstmals zusammen ausserhalb Russlands gezeigt und bilden unbestritten einen der Höhepunkte der Ausstellung.

Vielschichtige Erzähltechnik
Eine weitere Stärke der Basler Schau ist die Vielfältigkeit ihrer Exponate. So werden den Gemälden und Zeichnungen Skizzen und Studien zur Seite gestellt, die vor Augen führen, dass Chagall  seine Werke minutiös plante und nicht etwa aus dem Unterbewussten auf die Leinwand fliessen lies. Zeitgenössische Fotografien von Solomon Judowin und Roman Vishniac zeigen das Alltagsleben in den russischen Schtetl, und ermöglichen Einblicke in das soziale Umfeld, in welchem der Maler aufgewachsen und in dem er ab 1914 auf Zeit festgehalten war. Weiterhin lädt ein Salon zum Verweilen ein und wird Filmmaterial aus der Zeit der Russischen Revolution gezeigt; in Vitrinen ausgestellten Judaika ergänzen die Bilder, im letzten Raum werden Fotographien, welche die revolutionären Umbrüche der Jahre 1917–1920 in Sankt Petersburg dokumentieren, projiziert. Das medial reichhaltige Ausstellungsensemble wird bemerkenswert unaufdringlich präsentiert. Die solcherart sich herausbildenden Erzählstränge unterstreichen dabei das zentrale Charakteristikum des Chagallschen Frühwerks: seine facettenreiche Fabulierlust. So ist dem Kunstmuseum Basel mit Chagall. Die Jahre des Durchbruchs 1911 – 1919 eine durch und durch „chagalleske“ Ausstellung gelungen, in der man sich noch bis zum 21. Januar 2018 aufs Erfreulichste den Kopf verdrehen lassen kann.

 

 

 

 

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