Archiv der Kategorie: Kunstmuseum Basel | Neubau

Basel Short Stories: Iris von Roten

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Iris von Roten: Das «Zweite Geschlecht» und die heroische Avantgarde

Mark Rothko, No. 16, (Red, White and Brown), 1957, Kunstmuseum Basel, Schenkung der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft anlässlich ihres 75. Jubiläums (1958), 1959
Mark Rothko, No. 16, (Red, White and Brown), 1957, Kunstmuseum Basel, Schenkung der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft anlässlich ihres 75. Jubiläums (1958), 1959

Iris Meyer wird 1918 in Basel geboren. Während ihres Studiums der Rechtswissenschaften lernt sie Peter von Roten kennen, den sie später heiratet. Als Anwältin und engagierte Feministin schreibt sie für das «Schweizer Frauenblatt». Im Herbst 1958 wird ihr Buch Frauen im Laufgitter veröffentlicht – eine scharfsinnige Polemik gegen die diskriminierende Stellung der (Schweizer) Frau im Berufsleben, in der Ehe und in der Politik. Das Buch ruft überwiegend negative bis gehässige Reaktionen hervor; für viele Fasnachts-Cliquen ist die «Basler Amazone» ein gefundenes Fressen. Aus Angst vor einer Niederlage bei der bevorstehenden Abstimmung über das Frauenstimmrecht distanzieren sich sogar die Frauenverbände von dem Buch. Iris von Roten kann mit der zum Teil vernichtenden Kritik schlecht umgehen; sie wendet sich gänzlich von der Frauenfrage ab, reist in die Türkei und den Nahen Osten, wo sie Reiseberichte schreibt, und konzentriert sich schliesslich auf die Malerei. Blumen- und Landschaftsbilder stehen im Vordergrund ihres malerischen Werks. Sie stirbt 1990, weitgehend vergessen.

Iris von Roten, Iris auf gelbem Grund, 1981, Sammlung Bonacossa, Frankfurt a. M., Foto: Andreas Howald, Zürich
Iris von Roten, Iris auf gelbem Grund, 1981, Sammlung Bonacossa, Frankfurt a. M., Foto: Andreas Howald, Zürich

Zur gleichen Zeit, als Iris von Rotens kontroverses Buch erscheint und anschliessend das Frauenstimmrecht (mit 66 Prozent Nein-Stimmen) an der Urne abgelehnt wird, findet erstmals neue amerikanische Malerei Eingang in die Sammlung des Kunstmuseums. Durch eine Spende der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft und der Vermittlung des Kunsthalle-Leiters Arnold Rüdlinger kommt das Kunstmuseum in den Besitz von vier Werken von Mark Rothko, Barnett Newman, Franz Kline und Clyfford Still. Dieser – europaweit erstmalige – im Hinblick auf die Kanonbildung der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtungsweisende Ankauf von zeitgenössischer amerikanischer Malerei hat eine Schockwirkung bei Besuchern und der Kunstwelt zur Folge. Stimmen, die den Schutz europäischer Kunst vor der amerikanischen fordern, bleiben jedoch wirkungslos. Auch wenn sich Rüdlingers Aktion als vorbildlich herausgestellt hat, wurde damit aus heutiger Perspektive nicht zuletzt die Vorherrschaft (weisser) Männer in der Sammlung des Kunstmuseums zementiert.

Eine Auswahl dieses für die Sammlungsentwicklung des Kunstmuseums sehr bedeutenden Ankaufs wird in dieser Story mit Werken ergänzt und kontrastiert, die in einem inhaltlichen oder zeitlichen Zusammenhang mit Iris von Rotens Forderungen stehen – etwa solche von Katharina Fritsch, Ferdinand Hodler, Maria Lassnig und Martha
Rosler. Die frühen in Basel entstandenen Video-Arbeiten von Pipilotti Rist öffnen einen Hommage-artigen Dialog mit den gesellschaftskritischen Schriften und den noch nie in einem Museum gezeigten Blumenstillleben von Iris von Roten.

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Basel Short Stories: Maria Sibylla Merian

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Maria Sibylla Merian und die Entdeckung
der Natur

 

Maria Sibylla Merian, Ananas mit südamerikanischen Kakerlaken, 1719, kolorierter Kupferstich, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Ankauf 1949
Maria Sibylla Merian, Ananas mit südamerikanischen Kakerlaken, 1719, kolorierter Kupferstich, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Ankauf 1949

 

Die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647–1717) wächst als Tochter des Basler Kupferstechers und Verlegers Matthäus Merian dem Älteren in Frankfurt am Main auf. Von ihrem Stiefvater, einem Stilllebenmaler, erhält sie eine künstlerische Ausbildung. 1699 unternimmt sie mit ihrer Tochter die abenteuerliche Schiffsreise in die holländische Kolonie Surinam, wo sie sich zwei Jahre lang aufhält und Raupen, Schmetterlinge und andere Insekten dokumentiert.
Ihr Hauptwerk Metamorphosis insectorum Surinamensium (1705), mit dem sie berühmt wird, geht aus dieser Reise hervor.

Silvia Bächli, Mantel Nr. 12, 2017, Kunstmuseum Basel
Silvia Bächli, Mantel Nr. 12, 2017, Kunstmuseum Basel

Merian gilt als Begründerin der deutschen Entomologie (Insektenkunde) und als erste ökologisch denkende Naturforscherin. Viele von ihr beschriebene Insektenarten waren damals noch unbekannt. Carl von Linné, der die moderne zoologische und botanische Taxonomie einführte, stützt sich auf Merians Metamorphosis und ihr Raupenbuch und übernimmt unter anderem den von ihr eingeführten Begriff «Vogelspinne». Trotz Merians wissenschaftlichem Beitrag verstand sie sich nie als Gelehrte (die entsprechenden Möglichkeiten standen ihr als Frau gar nicht offen), sondern stets als Künstlerin. Ihr Zugang war ein phänomenologischer: Sie beschrieb und zeichnete, was sich ihr durch Beobachtung eröffnete. Ihre holistischen Darstellungen der Schmetterlingsmetamorphose und Futterpflanze der Raupe können – aus heutiger Sicht – als kritische Alternative zu den naturwissenschaftlichen Klassifikationsschemata gelesen werden und stellen als Bildthema eine kunstgeschichtliche Neuerung dar.

Werke von Maria Sibylla Merian aus der Sammlung des Kunstmuseums stehen im Zentrum dieser Story: Aquarelle mit Blumenporträts und Insekten, kolorierte Drucke und Bücher – darunter die Dokumentation ihrer Surinam-Reise. Gemälde von Adam Willaerts und Frans Post geben eine Idee davon, wie der zeithistorische, von den Expansionsbestrebungen Hollands im 17. Jahrhundert geprägte Moment «ausgesehen» haben könnte.

Die Künstlerin Silvia Bächli hat den Werken von Merian eigene grossformatige Zeichnungen dialogisch gegenübergestellt. Eine Reihe weiterer Werke von Jan van Kessel dem Älteren, Hans Arp, Andreas Slominski und Andy Warhol nähern sich Pflanzen und Insekten aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Absichten.

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Basel Short Stories: Frick und Frack

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Frick und Frack: «Slapstick on Ice»  von Gundeldingen nach Hollywood

Robert Gober, Untitled, 1997-1998, Privatsammlung, Gabriel Moulin Studios, San Francisco
Robert Gober, Untitled, 1997-1998, Privatsammlung, Gabriel Moulin Studios, San Francisco

Werner Groebli (1915–2008) und Hansruedi Mauch (1919–1979) wachsen im Basler Gundeldinger-Quartier auf, wo sie jeweils die Winterwochen nutzen, um auf improvisierten Eisflächen Schlittschuh zu laufen. Bei einem Varieté auf der neu erbauten Kunsteisbahn Margarethen bietet sich den beiden 1936 die Gelegenheit, ihre besondere Kreation aus Akrobatik und Komödie einem Publikum zu präsentieren – mit grosser Wirkkraft: Die parodistische Einlage auf Italiens Interventionen in Äthiopien bringen den italienischen Konsul dazu, die Vorführung aus Protest vorzeitig zu verlassen. Es folgen Aufführungen in Davos und London, wo die beiden «entdeckt» werden. 1939 wagen sie den Sprung in die USA, wo sie sich nun «Frick and Frack» nennen.

Der Erfolg führt Frick und Frack bis nach Hollywood, wo sie in zwei Filmen auftreten: «Silver Skates» (1943) und «Lady, Let’s Dance» (1944). Nachdem Mauch wegen Krankheit 1953 zurücktreten muss, führt Groebli alias «Frick» die Vorstellungen solo fort. Als er mit 66 Jahren in Rente geht, verzeichnet er rund fünfzehntausend Performances. Während die Basler Eiskunstkomödianten in der Schweiz in Vergessenheit geraten, hat sie ihre Berühmtheit in den USA sogar in den Sprachschatz katapultiert: Die Wendung «You are like Frick and Frack» bezeichnet entweder zwei Leute, die sich unverwechselbar ähneln, oder – abwertend – zwei Dummköpfe.

Paule Vézelay, Lines in Space No 16, 1951, Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968
Paule Vézelay, Lines in Space No 16, 1951, Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968

Die Werke dieser Story nehmen mit Max Beckmann oder Ernst Ludwig Kirchner einerseits die Thematik des Schlittschuhlaufens und der Akrobatik auf und andererseits mit Walter Kurt Wiemken oder Paul Klee das Clowneske. Darüber hinaus nähern sie sich in Reliefs von Walter Bodmer und Paule Vézelay assoziativ Themen der Ähnlichkeit und der Konstruktion beziehungsweise der Mobilität der Linie. Durch Werke von Andy Warhol und Danh Vo wird Nordamerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten evoziert.

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Gefährliche „Weibsbilder“ im Kunstmuseum Basel

Weibsbilder
07.10.2017 – 07.01.2018
Kunstmuseum Basel

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider
Das männliche Geschlecht sah sich um 1500 einer zunehmenden Bedrohung durch die Frauen ausgesetzt. Verführt von deren Liebreiz und Schönheit, blind und taub für alle Warnungen, wurde der Mann im besten Falle lächerlich gemacht, wie Aristoteles, der von Phyllis, der Geliebten Alexander des Großen, erst mit einem Liebeszauber belegt und dann als Reittier missbraucht wurde, zu sehen in dem Holzschnitt Aristoteles und Phyllis (1513) von Hans Baldung Grien. Nicht selten stürzten sich verliebte Männer in Unkosten, um von ihrer Angebeteten erhört zu werden und wurden dann um Hab und Gut, sowie die Liebe betrogen.  Im schlimmsten Fall bezahlten sie ihre Schwäche für das weibliche Geschlecht gar mit dem eigenen Leben.

Hans Baldung gen. Grien; Aristoteles und Phyllis; 1513
Hans Baldung gen. Grien; Aristoteles und Phyllis; 1513

Mit all diesen von Moralaposteln geschürten Männerängsten und, mitunter bis heute, tief verwurzelten Geschlechterklischees beschäftigt sich die Ausstellung Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 im Basler Kunstmuseum. Die von Ariane Mensger kuratierte Schau versammelt vor allem Zeichnungen und Druckgrafiken sowie einige Gemälde und eine Kleinplastik aus dem frühen sechszehnten Jahrhundert. Allesamt von männlicher Hand geschaffen, eröffnen die Werke, gegliedert in die vier Themenbereiche Eros, Macht, Moral und Tod, einen facettenreichen Einblick in die männliche Psyche der damaligen Zeit.

Liebesfreud und Liebesleid

Niklaus Manuel gen. Deutsch; Frau Venus; um 1512
Niklaus Manuel gen. Deutsch; Frau Venus; um 1512

Um 1500 wurden in der bildenden Kunst vermehrt Sujets behandelt, mit denen sich einerseits der nackte weibliche Körper in Szene setzen liess, was vorher nur in einem sehr engen, von der religiösen Ikonographie vorgegebenen Rahmen, etwa bei der Darstellung Evas im Paradies, möglich gewesen war, und anhand derer gleichzeitig vor den negativen Folgen der Liebe und des sinnlichen Vergnügens gewarnt werden konnte. Zahlreiche Darstellungen zeigen die nackte Liebesgöttin Venus. Oft zum Zeichen ihrer Flatterhaftigkeit mit Flügeln ausgestattet, balanciert sie unsicher auf einer Kugel und ist mit lassoartigen Seilen bewaffnet, mit denen sie ihre wehrlosen Opfer einfängt. In der Zeichnung  Frau Venus (1512) von Niklaus Manuel Deutsch verschießt ein auf der Göttin Schulter stehender Amor Pfeile mit Narrenkappen, die sich der Getroffene dann überstreifen wird.

Urs Graf; Die Liebesqualen; um 1516
Urs Graf; Die Liebesqualen; um 151

Mitunter lassen sich die Narren auch einfach vom Baum schütteln. In unterschiedlichen Entwicklungsstadien, mal nur als Kappe tragender Kopf oder gleich als fertig ausstaffierter Narr, purzeln sie aus der Krone des Narrenbaums (um 1525), an welchem ein attraktives Frauenzimmer vehement rüttelt um möglichst viele Liebesnarren zu ernten. Aber nicht nur die Männer leiden an den Folgen der Liebe auch die Frauen selbst fallen ihrem wollüstigem Treiben zum Opfer. In der Zeichnung Die Liebesqualen (um 1516) von Urs Graf wird das Herz einer schönen Dame auf alle erdenklichen Arten gemartert, so dass ihr als einziger Ausweg der Selbstmord bleibt. Liebe ist unheilbar warnt schon Frau Venus in Sebastian Brants Narrenschiff (1494): „Und wer einmal von mir wird wund, / den macht kein kräftig Kraut gesund.“

Liebeszauber und dunkle Magie

Frauen haben Macht über Männer, nicht nur wenn sie den Kampf um die Hose (um 1495, Kupferstich von Israhel van Meckenem) gewonnen haben. Allein die Aussicht in den Genuss ihrer verführerischen Reize zu kommen, ließ die Männer unvorsichtig werden und so dienten antike und biblische Herren, denen von Frauen übel mitgespielt worden ist, als Mahnmal für den Mann der Renaissance: von Samson, dem im Schlaf von Delila das Haar und damit auch die Kräfte geraubt wurden, über Vergil, der in einem Korb an der Palastmauer unter dem Fenster der von ihm angebeteten Kaisertochter bloßgestellt wurde, bis zu Sisera, der von seiner Geliebten Jael im Schlaf ermordet wurde.

Und das sind längst nicht alle Gefahren denen man(n) ausgesetzt war: allerorten lauerten Hexen, die zahlreiche Arten von Schadenszaubern betrieben und mit Dämonen verkehrten. Die 1486 vom Inquisitor Heinrich Kramer publizierte Schrift Hexenhammer verknüpft in der Argumentation unter anderem die weibliche Sexualität mit dem Teufel. Er betont, dass Frauen aufgrund ihrer Glaubensschwäche anfälliger seien für Hexerei und unterstellt ihnen zudem Machtstreben, Rachsucht und Habgier. Der Künstler Hans Baldung Grien hat sich eingehend mit der Hexenthematik beschäftigt. In seinen Zeichnungen und Holzschnitten erscheinen die Hexen einerseits als junge Schönheiten, die verkehrt herum auf einem Ziegenbock durch die Lüfte reiten oder sich mit Fabelwesen verlustieren – Hexe und fischgestaltiger Drache (1515) – und andererseits als hässliche Alte, welche aus kuriosen Zutaten ihre Zauberelixiere zusammenbrauen.

Sexualisierung biblischer und antiker Themen

Um 1500 setzte ebenfalls eine Sexualisierung schon etablierter ikonografischer Themen ein. Der Sündenfall wird immer häufiger als erotischer Akt inszeniert bei dem sich Adam und Eva umarmen oder gar küssen. Auch die Ölverschwendung der törichten Jungfrauen im biblischen Gleichnis wird neu als Verlust der Jungfräulichkeit interpretiert und Urs Graf zeichnet eine „Kluge“ Jungfrau (1513), deren Lampe zwar noch brennt, die aber offensichtlich hochschwanger ist. Und die antike Tugendheldin Lucretia, die sich nach der Vergewaltigung durch Sextus Tarquinius selbst entleibt um die Ehre ihrer Familie wieder herzustellen, wird von Lucas Cranach d. Ä. im Moment der Selbsttötung in erotisch lasziver Pose, nackt, nur von einem durchsichtigen Schleier umspielt, welcher ihr Geschlecht mehr betont als verhüllt, dargestellt. Hier ist die ikonographische Vorlage lediglich ein Alibi für die Zurschaustellung eines schönen weiblichen Körpers.

Die Ausstellung Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 zeigt vor allem die Symptome männlicher Ängste vor weiblicher Dominanz. Sie sind Zeichen unterdrückter, nicht auslebbarer Begierden, denn im bürgerlichen Tugendregiment der Zeit war die Ausübung von Sexualität nur in der Ehe gestattet, welche aber viele aus materiellen oder gesellschaftlichen Gründen nicht eingehen konnten. Das Frauenbild in der christlichen Welt war von Anfang an negativ geprägt und um 1500 setzte nochmals eine Abwertung ein. Gründe hierfür sieht Ariane Mensger zum einen in einer zunehmenden Konkurrenz auf dem städtischen Arbeitsmarkt, welche in der Folge den Frauen den Zugang zur Berufstätigkeit erschwerte, und zum anderen im von der Reformation propagierten Ideal der bürgerlichen Hausfrau und Mutter. Durch einen verschärften Sittenkodex wurde zudem die Prostitution stärker kontrolliert, eingeschränkt und mancherorts sogar ganz verboten. Dies alles mögen Gründe für das gespannte Verhältnis zwischen Mann und Frau gewesen sein.

Nun sind freilich nicht alle im Kunstmuseum Basel ausgestellten Sujets so grimmig ernst zu nehmen, wie das die Kommentierung gelegentlich suggeriert. Vieles ist überzeichnet, an der Grenze zur Karikatur und manchmal, aus dem Blickwinkel des männlichen Künstlers, erfrischend selbstironisch. Diese Ironie hätte das Basler Ausstellungskonzept vielleicht mehr betonen können. Dennoch: vielfach amüsant und lehrreich präsentiert sich der Reigen der „Weibsbilder“ im Kunstmuseum Basel, wo sie noch bis zum 7. Januar 2018 die Betrachter in ihren Bann ziehen.

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Chagall im Kunstmuseum – Die Kunst des Fabulierens

Chagall
Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919
16.09.2017–21.01.2018
Kunstmuseum Basel

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von angetrunkenen Dichtern und fliegenden Kutschen, verliebten Paaren in Blau und biegsamen Mondmalern, aber auch vom alltäglichen Leben der jüdischen Bevölkerung in den russischen Schtetl, von den Schrecken und Wirren des ersten Weltkrieges sowie der Russischen Revolution erzählt das Frühwerk Marc Chagalls (1887 – 1985), welchem das Kunstmuseum Basel seine reichhaltige und vielschichtige Ausstellung Chagall. Die Jahre des Durchbruchs 1911 – 1919 gewidmet hat.

Von Petra Schneider

Mit dem Adjektiv „fantastisch“ wird die Kunst Chagalls häufig beschrieben, wogegen sich der Maler allerdings schon 1921 in seinen autobiographischen Aufzeichnungen „Mein Leben“ vehement gewehrt hat: „Nennt mich nicht einen Phantasten. Im Gegenteil, ich bin Realist. Ich liebe die Erde.“ Bei Chagall bestehe immer auch die Gefahr sein Werk auf eine romantisierende und populistische Lesart zu reduzieren, so Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseum Basel und Kurator der Ausstellung. Dies möchten er und seine Assistentin Olga Osadtschy mit ihrem Ausstellungskonzept unbedingt vermeiden und neue, bisher wenig bekannte Einblicke in das Frühwerk eines Künstlers eröffnen, in dem sich politische, soziale und kulturelle Gegensätze vereinen.

Marc Chagalls «Homage à Apollinaire» (1911–12, links) als Leihgabe des Van Abbemuseums in Eindhoven und «Halb vier Uhr (Der Dichter» (1911) als Leihgabe des Philadelphia Museum of Art.
Marc Chagalls «Homage à Apollinaire» (1911–12, links) als Leihgabe des Van Abbemuseums in Eindhoven und «Halb vier Uhr (Der Dichter» (1911) als Leihgabe des Philadelphia Museum of Art.

Ein Russe in Paris
1911 kam der russische Maler Moische Schagalow in Paris an, dem damaligen Zentrum der modernen Kunst, und wurde dort nach eigenen Worten als Marc Chagall wiedergeboren. Er verbrachte viel Zeit im Louvre, in den Galerien und Salons der Stadt, sog die neuen Eindrücke in sich auf und verarbeitete sie in seinen eigenen Bildern. So entstanden Werke wie Das Atelier (1911) und Sabbath (1911), die in ihrer Bildsprache stark an Vincent van Gogh erinnern oder Paris durch das Fenster (1913) und Hommage an Apollinaire (um 1913, Ausstellungsansicht oben, links), welche in der Bildkomposition von Robert Delaunay, mit dem Chagall auch befreundet gewesen ist, beeinflusst scheinen. Eine Kuh in einem Gelben Zimmer (1911) oder ein rotes Pferd, welches in der Wahrnehmung eines Betrunkenen (1911) kopfüber auf einer Weide steht, lassen zudem an die Tierbilder Franz Marcs denken. Trotz oder aufgrund der vielfältig möglichen Assoziationen lässt sich Chagalls Œuvre nicht einer bestimmten Kunstrichtung zuordnen, der Maler kombinierte vielmehr verschiedene ikonographische Systeme und Stilverfahren; so stehen Anklänge an die Bildwelten der russischen Ikonen neben kubistischer Formbehandlung, befreite Farbgebung und rhythmische Farbharmonie à la Fauvismus und Orphismus neben den Themen und der Symbolik der jüdischen Volkskunst.
Dass Chagall in seiner Kunst zu einer ganz eigenen Sprache gefunden hat, ist zuerst den Literaten Blaise Cendrars und Guillaume Apollinaire bewusst geworden. Letztgenannter bezeichnete Chagalls Kunst anerkennend als „übernatürlich“ und machte ihn mit dem deutschen Galeristen Herwarth Walden bekannt, der im Mai 1914 die erste große Einzelausstellung für den Maler in seiner Berliner Galerie „Der Sturm“ ausrichtete, die den Künstler über Nacht berühmt machte. Nach der Ausstellungseröffnung reiste Chagall in seine Heimatstadt Witebsk und wurde dort vom Ausbruch des ersten Weltkrieges überrascht, die geplante Rückkehr nach Paris war in den folgenden acht Jahren nicht möglich.

Im heimatlichen Exil Witebsk
Zurück in der russischen Provinz beschäftigte sich Chagall mit dem Alltagsleben einer Kleinstadt. Er porträtierte seine Familienmitglieder – unter anderem Vater und Großmutter (1914) beim Teetrinken, den Onkel Sussy Beim Friseur (1914), seine Frau und Tochter in Bella und Ida am Tisch (1916) – und immer wieder sich selbst. Neben diesen Gemälden mit privatem Bezug zeigt die Basler Ausstellung eine Reihe von Tuschezeichnungen, die das Kriegsgeschehen dokumentieren: Aufbruch in den Krieg, Der verletzte Soldat, Wehklage (1914). So kennt man Chagall in der Regel nicht, doch auch in schwarz-weiß gelingen ihm eindringliche Charakterstudien.

Marc Chagall; Die Uhr (La Pendule); 1914
Marc Chagall; Die Uhr (La Pendule); 1914

Zugleich entstehen in diesen Jahren symbolistisch rätselhafte Gemälde wie Die Uhr (1914) und Der Spiegel (1915), in denen übergrossen Gegenständen eigentümlich kleingeratene menschliche Figuren an die Seite gesetzt werden. Überhaupt ist es, auch schon in der Pariser Zeit, ein Kennzeichen seiner Bildsprache, dass die Proportionen der Figuren und die Bildarchitekturen nicht aufeinander abgestimmt sind, Oben und Unten nicht eindeutig festlegbar sind und die Welt mitunter auf dem Kopf steht.
Ein ganzer Ausstellungsraum ist Chagalls Judenporträts gewidmet. Zusätzlich zu den drei Gemälden, Der Jude in Grün, Der Jude in Rot und Der Jude in Schwarz-Weiss, die sich alle in der Basler Sammlung Im Obersteg befinden, ist es gelungen das vierte Bild der 1914 entstandenen Serie Der Jude in Hellrot aus dem Staatlich Russischen Museum in Sankt Petersburg auszuleihen. Die vier Gemälde werden in Basel erstmals zusammen ausserhalb Russlands gezeigt und bilden unbestritten einen der Höhepunkte der Ausstellung.

Vielschichtige Erzähltechnik
Eine weitere Stärke der Basler Schau ist die Vielfältigkeit ihrer Exponate. So werden den Gemälden und Zeichnungen Skizzen und Studien zur Seite gestellt, die vor Augen führen, dass Chagall  seine Werke minutiös plante und nicht etwa aus dem Unterbewussten auf die Leinwand fliessen lies. Zeitgenössische Fotografien von Solomon Judowin und Roman Vishniac zeigen das Alltagsleben in den russischen Schtetl, und ermöglichen Einblicke in das soziale Umfeld, in welchem der Maler aufgewachsen und in dem er ab 1914 auf Zeit festgehalten war. Weiterhin lädt ein Salon zum Verweilen ein und wird Filmmaterial aus der Zeit der Russischen Revolution gezeigt; in Vitrinen ausgestellten Judaika ergänzen die Bilder, im letzten Raum werden Fotographien, welche die revolutionären Umbrüche der Jahre 1917–1920 in Sankt Petersburg dokumentieren, projiziert. Das medial reichhaltige Ausstellungsensemble wird bemerkenswert unaufdringlich präsentiert. Die solcherart sich herausbildenden Erzählstränge unterstreichen dabei das zentrale Charakteristikum des Chagallschen Frühwerks: seine facettenreiche Fabulierlust. So ist dem Kunstmuseum Basel mit Chagall. Die Jahre des Durchbruchs 1911 – 1919 eine durch und durch „chagalleske“ Ausstellung gelungen, in der man sich noch bis zum 21. Januar 2018 aufs Erfreulichste den Kopf verdrehen lassen kann.

 

 

 

 

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