Archiv der Kategorie: Kunstmuseum Basel

Zwischen den Bildern lesen: visuelle Kurzgeschichten

Kunstmuseum Basel
Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider
Mit einem experimentell anmutenden Ausstellungskonzept präsentiert sich die Schau Basel Short Stories. Von Erasmus bis Iris von Roten im Kunstmuseum Basel. Ausgehend von sieben Persönlichkeiten – neben den im Titel genannten sind dies Maria Sibylla Merian, Jacob Burckhardt, Friedrich Nietzsche, Frick & Frack und Albert Hofmann – sowie Hans Holbeins Gemälde Der tote Christus im Grab (1521/22)  und dem Basler Friedenskongress von 1912, werden neun Kurzgeschichten vorgestellt, die alle in einem unmittelbaren Bezug zur Stadt Basel stehen. Erzählt werden sie anhand heterogener Exponate, von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen über Film und Fotografie bis hin zu Hörbeispielen aus Rock- und Popmusik. Dabei kommen die Objekte zum großen Teil aus der Sammlung des Kunstmuseums, aber auch andere Basler Museen und Privatsammlungen, Archive und Bibliotheken sind miteinbezogen. Altbekanntes hängt neben Unbekannterem oder noch nie Gezeigtem, Kunst neben Alltagsdokumenten oder pharmazeutischen Erzeugnissen.

Short Story 2: Holbeins toter Christus – Ausstellungsansicht. Foto Julian Salinas

Resonanzphänomene und Zufälle
Das Anliegen des Kurators Josef Helfenstein ist es, anhand der Abfolge von neun Ein-Raum-Ausstellungen, vergleichbar mit Kurzgeschichten in einem Sammelband, eine eklektische Kunst-, Ideen- und Alltagsgeschichte der Stadt Basel zu erzählen. Er baut dabei auf die subtile Resonanz zwischen Werken, die in unmittelbarer Nähe ausgestellt sind. So wird etwa Holbeins Toter Christus im Grab mit Charles Rays Aluminiumskulptur Mime (2014)  konfrontiert. Eine Paarung, die nahe liegt, bezieht sich doch schon Ray in seinem Text Notes on Sleeping Mime (2017) explizit auf Holbeins Gemälde und ruft in Erinnerung, dass Fjodor Michailowitsch Dostojewski angesichts des Bildes seinen Glauben verloren haben soll. Dies wiederum veranlasst den Kurator drei Ausstellungsräume weiter vermutlich, den Leuchtkasten A Donkey in Blackpool (1999) von Jeff Walls zu installieren, da Dostojewski in einem Brief überliefert, das Erste, was er bei einem Aufenthalt in Basel vernommen habe, sei der Schrei eines Esels gewesen. Durch diese Assoziationsketten soll der Ausstellungsbesucher zu einem offenen und experimentellen Sehen ermutigt werden und zugleich mit dem breiten kulturgeschichtlichen und epochenübergreifenden Ansatz die Entstehung der Sammlung des Kunstmuseums an sich zum Thema werden.

Kunstmuseum-Direktor Josef Helfenstein erläutert die Ausstellung. Foto Julian Salinas

Raid the Icebox
Mit seinem vielschichtigen Ausstellungskonzept knüpft Helfenstein zunächst an die von Künstlern kuratierten Sammlungsausstellungen an – eine der Ersten war Raid the Icebox 1 with Andy Warhol. An Exhibition Selected from the Storage Vaults of the Museum of Art, Rhode Island School of Design (1969). Warhol kreierte auf Einladung des Museums aus dessen Magazinbeständen ein installations- und kollagenartiges Ausstellungsensemble; von Gemälden und Skulpturen, über Hutschachtel und Regenschirmen bis hin zu Möbeln war alles vertreten. Mit der Auswahl der Exponate wurden die etablierten Hierarchien von historischer Bedeutsamkeit und Ästhetik infrage gestellt, denn Warhol imitierte mitunter die Aufbewahrungssituation, ließ Zettel mit Inventarnummer oder Schutzhüllen an ihrem Platz.  Die Basler Ausstellung jedoch ist museologisch aufbereitet, sämtliche Bilder und Objekte sind weitgehend traditionell präsentiert, erhellend beschriftet und auch sonst gut ausgeleuchtet. Der Bezugspunkt zu Raid the Icebox besteht vielmehr darin, dass, neben der Schatzsuche in den Magazinbeständen, zeitgenössische Künstler gleichsam als kuratorische Assistenz eingebunden werden. Silvia Bächli, Pipilotti Rist und Not Vital sind nicht nur mit eigenen Objekten in der Schau vertreten, sondern haben auch an der Gestaltung von Räumen und Werkgruppen mitgewirkt. Allerdings ist deren persönliche Handschrift in den betreffenden Arealen nicht immer unmittelbar lesbar, erweist sich doch die Gestaltung der einzelnen Ausstellungsräume, bei aller Heterogenität der darin gezeigten Objekte, als äußerst homogen.

Short Story 5: Nietzsche in Basel. Foto Julian Salinas

In dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet vor allem der Friedrich Nietzsche gewidmete Raum im Erdgeschoss des Neubaus. Er ist nicht nur der Weitläufigste von allen, sondern hier versinken die Schritte der Museumsbesucher in einem dunkelgrünen, raumfüllenden Teppich, der Nietzsches in Sils Maria verwendete Tischdecke inklusive aller Verunreinigungen in großer Skala reproduziert, während über dem mit dem Philosophen assoziierten Sammelsurium – von antiker Keramik bis zu Eurythmieformen Rudolf Steiners –Nietzsches Schnauz (2017), von Not Vital in blutrotem Wachs geformt, hoch oben an der rückwärtigen Wand angebracht ist. Vermutlich im gleichen Maßverhältnis wie die zum Bodenbelag mutierte Tischdecke.

Poesie und Fiktion
Beim Arrangieren der einzelnen Exponate zu Themengruppen ließ sich Helfenstein von der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Amerika entstandenen und eng mit der Entwicklung des Zeitschriftenwesens verbunden Short Story inspirieren. Einer der ersten Vertreter der neuen Gattung, der auch eine ästhetische Theorie über das Ziel und die Methode von literarischen Kurzformen entwickelte, war Edgar Allan Poe. In seinem Essay The Philosophy of Composition (1846) forderte er neben der „unity of effect“, dass jeder Autor sich der Schritte, mit denen er seine Ergebnisse erzielt, bewusst ist, bedauerte aber, dass im Allgemeinen Einfälle in wirrem Durcheinander auftauchen und gleichermaßen weiterverfolgt wie vergessen werden. Mit dem Einführungstext im Begleitbuch zur Ausstellung legt Helfenstein zwar die einzelnen Entwicklungsstadien seiner Ausstellungskonzeption offen und gibt Auskunft über seine expansiven Ambitionen; gleichermaßen stringent ist die Umsetzung in den Bildergeschichten jedoch nicht immer. Dies mag mitunter daran liegen, dass zu viel gleichzeitig angeboten, also gewissermaßen die „Effekteinheit“ nicht gewahrt wird. Schon Poe fordert eine gewisse Vielseitigkeit und ein gewisses Maß an Mehrdeutigkeit, warnt aber auch davor, dass sich bei einem Übermaß an nahegelegter Bedeutung die Poesie zu Prosa der platteren Art verwandelt – bildlich gesprochen die ambitionierte Bildergeschichte zum Fotoroman.

Halluzinogene Erfahrungen
Wie mitunter in der Literatur nicht alle Kurzgeschichten in einem Sammelband gleichermaßen ansprechen, so verhält es sich auch mit den Basel Short Stories. Zu den gelungenen Geschichten gehört jene über den Chemiker Albert Hofmann, der aus einem Alkaloid eines giftigen Getreidepilzes, dem sogenannten Mutterkorn, das halluzinogene Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, synthetisiert und 1943 im Selbstversuch erprobt hat. Ein Ereignis das Peter Fischli und David Weiss in ihrer Tonplastik Dr. Hofmann auf dem ersten LSD-Trip I (1981/2013) nachempfunden haben. Kombiniert werden andere, mitunter unter LDS-Einfluss entstandene Werke des zwanzigsten Jahrhunderts mit Zeichnungen, Druckgrafik und Gemälden des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, welche sich mit den Versuchungen und Peinigungen des Heiligen Antonius beschäftigen, denn die vom Mutterkorn hervorgerufene Vergiftung war auch unter dem Begriff „Antoniusfeuer“ bekannt und bringt die höllischen Qualen des Heiligen mit jenen des Vergifteten in Verbindung.

So kann sich der Besucher noch bis zum 21. Mai 2018 vom medial reichhaltigen Angebot der Ausstellung Basel Short Stories im Kunstmuseum Basel auf Ab- und Umwege durch die urbane Kunst- und Kulturgeschichte entführen lassen, oder aber stellenweise tiefer eintauchen, um zwischen den Bildern zu lesen und eigene Verknüpfungen anzustellen, wozu diese über die Jahrhunderte reichende Bild- und Dinggeschichte dieser Stadt allemal auffordert.

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Vom Willen zur Kunst: Zweimal Baselitz in Basel

Fondation Beyeler  – Georg Baselitz
Kunstmuseum Basel – Georg Baselitz, Werke auf Papier
21.01.2018 – 29.04.2018

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider

Mit einer doppelten Retrospektive zelebrieren die Fondation Beyeler und das Kunstmuseum Basel den achtzigsten Geburtstag des Malers und Bildhauers Georg Baselitz (* 23. 1. 1938), der sich seit den 1980er Jahren zu den populärsten zeitgenössischen Künstlern zählen darf. Dabei scheint die Person des Künstlers, dank einiger bewusst inszenierter Skandale, in der Öffentlichkeit fast bekannter als seine Werke zu sein, denn Baselitz-Ausstellungen sind eher selten, in der Schweiz wurde er zuletzt 1990 im Kunsthaus Zürich gezeigt. Nun sind in Riehen ausgewählte Gemälde und Skulpturen aus dem Zeitraum der letzten sechzig Jahre sowie parallel dazu im Basler Kunstmuseum die Werke auf Papier zu sehen.

Warum wird ein Künstler zum Künstler?
Diese rhetorische Frage wirft Baselitz anlässlich der Medienkonferenz in der Fondation Beyeler in den Raum und beantwortet sie bezogen auf seine Person mit dem „Unwillen etwas Vernünftiges zu machen“. Er habe schon früh ein Gespür für das eigene Talent gehabt und bezeichnet seine Werke als Dokumente der Unvernunft. Den Weg von der Erkenntnis zum Künstler geboren zu sein bis zu den ersten Erfolgen auf dem Kunstmarkt beschritt Baselitz selbstbewusst, provokant und zielorientiert. Er inszenierte sich als Sonderling, der unbeirrt an der figurativen Malerei festhielt, keiner zeitgenössischen Kunstströmung angehören wollte und sich trotz widriger Umstände zum Erfolg malte. Diesen Mythos seiner Autogenese wird Baselitz nicht müde zu wiederholen, eine Strategie, welche zur Entwicklung seiner exzentrischen Künstlerpersönlichkeit wesentlich beigetragen haben dürfte.

Georg Baselitz, Die große Nacht im Eimer, 1963
Georg Baselitz, Die große Nacht im Eimer, 1963

Abgrenzung und Anknüpfung
Die Schau in der Fondation Beyeler ist chronologisch geordnet und beginnt mit den 1963 beschlagnahmten Skandalbildern  Die große Nacht im Eimer (1962/63) und Der Nackte Mann (1962). Es handelt sich um düstere, pastos gemalte Bilder, welche groteske männliche Figuren mit übergroßen erigierten Penissen abbilden. Auch in anderen Werken derselben Schaffensperiode ist bei Baselitz das Phallussymbol prominent platziert. Als Kontrapunkt dient in der Ausstellung die Serie P.D. Füße (1960 – 63), Detailstudien abgetrennter Extremitäten, die stark an Théodore Géricaults aus Leichenteilen arrangierte Stillleben und Studien in der Vorbereitung zum Floß der Medusa (1819) erinnern. Ein besonderer Zug von Baselitz Bildfindungen sind immer die Reminiszenzen an vorgängige Kunstwerke. In Bonjour Monsieur Courbet (1965) isoliert er die Figur des Malers aus dem gleichnamigen Gemälde Gustave Courbets (1854). Die so gewonnene Komposition lässt sich in die Heldenserie der mittleren 1960er Jahre einordnen. Diese physisch stark lädierten Heroen sind mitunter mit Pinsel und Palette ausgestattet oder haben geöffnete Hosenschlitze, aus denen ihre Glieder hervorragen, möglicherweise eine Anspielung auf den Mythos von der Malerei als Schöpfungsakt.

Das Jahr 1969 bedeutet ganz wörtlich genommen einen Wendepunkt in Baselitz‘ Schaffen, denn fortan stehen die Motive konsequent auf dem Kopf, ein Alleinstellungsmerkmal seiner Kunst, welches keine Nachahmer gefunden hat. Dass mit diesem Kniff durchaus interessante Bildwelten entstehen können beweist das Gemälde Fertigbetonwerk (1970). In Grautönen gehalten, mit nur wenigen roten und grünen Farbakzenten, schafft das Werk eine neblige, surreal anmutende Landschaft, in der Oben und Unten austauschbar erscheinen und die mutwillige Motivumkehrung sich nicht auf den ersten Blick offenbart. Leider findet sich dieser Effekt selten in Baselitz weiteren Bildern und so wirkt ihr „Kopfüber“ meist wie ein bloßer Manierismus.

Die Retrospektive in Riehen vereint Kostproben aus allen Schaffensperioden des Künstlers und stellt den monumentalen Bildern grob behauene, rudimentär gefasste Holzskulpturen, wie etwa die Serie Dresdner Frauen (1989 -90), und Bronzen, welche zum Teil im Garten gezeigt werden, zur Seite. Zu den aktuellsten Werken gehört das gemalte Selbstporträt Avignon ade (2017), in dem ein durch einen dunklen vertikalen Strich zweigeteilter Baselitz in Hellblau, Rosa und Zartgelb vor dunklem Grund posiert. Überhaupt wirkt die Bildproduktion der letzten zwei Jahre mit den vorherrschenden Pastelltönen außergewöhnlich mild und dekorativ.

Ausstellungsansicht Georg Baselitz, Kunstmuseum Basel, Februar 2018, Foto: Julian Salinas
Ausstellungsansicht Georg Baselitz, Kunstmuseum Basel, Februar 2018, Foto: Julian Salinas

Auf der Suche
In einem etwas anderen Licht zeigen sich die Bleistift-, Kohle- und Tuschezeichnungen sowie Aquarelle und Guaschen im Kunstmuseum Basel. Besonders in den frühen Arbeiten begegnet man einem Künstler auf der Suche nach seiner Identität, seinem eigenen Stil. Sind Baselitz großformatige Gemälde meist sehr übersichtlich komponiert und ihr Inhalt rasch erfasst, so muss das Auge des Betrachters im zeichnerischen Frühwerk auf die Suche gehen. In der anamorphotischen Landschaft (1964) ragen scheinbar zahlreiche abgetrennte Körperteile aus einem wüsten Erdboden, welcher von einem Schienenstrang durchzogen wird. Ob es sich wirklich bei allen Objekten um Extremitäten handelt bleibt dabei offen, vielleicht ist es lediglich totes Holz.

In den Werken auf Papier lässt sich die schrittweise Annäherung an die Motivumkehrung in den Jahren vor 1969 gut nachverfolgen. Zunächst begegnet man in Ein Hund aufwärts (1967), einem Vierbeiner, der senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann, dann einem kopfüber gekreuzigten Hasen in Das Kreuz (1968) sowie einem Maler (1969), der im Kopfstand auf seinem Atelierboden steht, obwohl er der Körperhaltung nach auf einem Stuhl sitzt. In diesen Bildern sind lediglich die Protagonisten verkehrt, noch nicht ihre Umwelt, die erst in Landschaft (1970) um 180 Grad gedreht wird.

Georg Baselitz, Kreuz, 1968
Georg Baselitz, Kreuz, 1968

Auch in den im Kunstmuseum ausgestellten Blättern finden sich zahlreiche Bezüge zu anderen Künstlern wie etwa Edvards Kopf (1983) nach Edvard Munch, Blauer Baum – P.M. (2009) nach Piet Mondrians Baum von 1908/09 oder in Bis auf weiteres abwärts (2016) nach Marcel Duchamps Akt, die Treppe herabsteigend Nr. 2 (1912).

Sehr reichhaltig präsentieren sich also die beiden Jubiläumsaustellungen zum achtzigsten Geburtstag von Georg Baselitz. Doch ob allein der Wille zur Kunst den Menschen zum Künstler macht oder ob vielmehr die kontroversen Ansichten über diesen Sachverhalt aus den Erzeugnissen Kunst generieren, darüber kann man sich noch bis zum 29. April 2018 in der opulenten Schau in der Fondation Beyeler und der etwas intimeren im Kunstmuseum Basel eine eigene Meinung bilden.

 

 

 

 

 

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Basel Short Stories: Iris von Roten

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Iris von Roten: Das «Zweite Geschlecht» und die heroische Avantgarde

Mark Rothko, No. 16, (Red, White and Brown), 1957, Kunstmuseum Basel, Schenkung der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft anlässlich ihres 75. Jubiläums (1958), 1959
Mark Rothko, No. 16, (Red, White and Brown), 1957, Kunstmuseum Basel, Schenkung der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft anlässlich ihres 75. Jubiläums (1958), 1959

Iris Meyer wird 1918 in Basel geboren. Während ihres Studiums der Rechtswissenschaften lernt sie Peter von Roten kennen, den sie später heiratet. Als Anwältin und engagierte Feministin schreibt sie für das «Schweizer Frauenblatt». Im Herbst 1958 wird ihr Buch Frauen im Laufgitter veröffentlicht – eine scharfsinnige Polemik gegen die diskriminierende Stellung der (Schweizer) Frau im Berufsleben, in der Ehe und in der Politik. Das Buch ruft überwiegend negative bis gehässige Reaktionen hervor; für viele Fasnachts-Cliquen ist die «Basler Amazone» ein gefundenes Fressen. Aus Angst vor einer Niederlage bei der bevorstehenden Abstimmung über das Frauenstimmrecht distanzieren sich sogar die Frauenverbände von dem Buch. Iris von Roten kann mit der zum Teil vernichtenden Kritik schlecht umgehen; sie wendet sich gänzlich von der Frauenfrage ab, reist in die Türkei und den Nahen Osten, wo sie Reiseberichte schreibt, und konzentriert sich schliesslich auf die Malerei. Blumen- und Landschaftsbilder stehen im Vordergrund ihres malerischen Werks. Sie stirbt 1990, weitgehend vergessen.

Iris von Roten, Iris auf gelbem Grund, 1981, Sammlung Bonacossa, Frankfurt a. M., Foto: Andreas Howald, Zürich
Iris von Roten, Iris auf gelbem Grund, 1981, Sammlung Bonacossa, Frankfurt a. M., Foto: Andreas Howald, Zürich

Zur gleichen Zeit, als Iris von Rotens kontroverses Buch erscheint und anschliessend das Frauenstimmrecht (mit 66 Prozent Nein-Stimmen) an der Urne abgelehnt wird, findet erstmals neue amerikanische Malerei Eingang in die Sammlung des Kunstmuseums. Durch eine Spende der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft und der Vermittlung des Kunsthalle-Leiters Arnold Rüdlinger kommt das Kunstmuseum in den Besitz von vier Werken von Mark Rothko, Barnett Newman, Franz Kline und Clyfford Still. Dieser – europaweit erstmalige – im Hinblick auf die Kanonbildung der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtungsweisende Ankauf von zeitgenössischer amerikanischer Malerei hat eine Schockwirkung bei Besuchern und der Kunstwelt zur Folge. Stimmen, die den Schutz europäischer Kunst vor der amerikanischen fordern, bleiben jedoch wirkungslos. Auch wenn sich Rüdlingers Aktion als vorbildlich herausgestellt hat, wurde damit aus heutiger Perspektive nicht zuletzt die Vorherrschaft (weisser) Männer in der Sammlung des Kunstmuseums zementiert.

Eine Auswahl dieses für die Sammlungsentwicklung des Kunstmuseums sehr bedeutenden Ankaufs wird in dieser Story mit Werken ergänzt und kontrastiert, die in einem inhaltlichen oder zeitlichen Zusammenhang mit Iris von Rotens Forderungen stehen – etwa solche von Katharina Fritsch, Ferdinand Hodler, Maria Lassnig und Martha
Rosler. Die frühen in Basel entstandenen Video-Arbeiten von Pipilotti Rist öffnen einen Hommage-artigen Dialog mit den gesellschaftskritischen Schriften und den noch nie in einem Museum gezeigten Blumenstillleben von Iris von Roten.

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Basel Short Stories: Maria Sibylla Merian

Kunstmuseum Basel

Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Ausstellung Basel Short Stories richtet einen Blick auf die umfangreiche und in mancher Hinsicht weltberühmte Sammlung des Kunstmuseums Basel. Auch weniger bekannte Aspekte der Bestände werden in neuen Zusammenhängen gezeigt. Neun Stories erzählen von Persönlichkeiten und wichtigen Ereignissen aus der Basler Geschichte – von Erasmus von Rotterdam bis Iris von Roten.

Maria Sibylla Merian und die Entdeckung
der Natur

 

Maria Sibylla Merian, Ananas mit südamerikanischen Kakerlaken, 1719, kolorierter Kupferstich, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Ankauf 1949
Maria Sibylla Merian, Ananas mit südamerikanischen Kakerlaken, 1719, kolorierter Kupferstich, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Ankauf 1949

 

Die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647–1717) wächst als Tochter des Basler Kupferstechers und Verlegers Matthäus Merian dem Älteren in Frankfurt am Main auf. Von ihrem Stiefvater, einem Stilllebenmaler, erhält sie eine künstlerische Ausbildung. 1699 unternimmt sie mit ihrer Tochter die abenteuerliche Schiffsreise in die holländische Kolonie Surinam, wo sie sich zwei Jahre lang aufhält und Raupen, Schmetterlinge und andere Insekten dokumentiert.
Ihr Hauptwerk Metamorphosis insectorum Surinamensium (1705), mit dem sie berühmt wird, geht aus dieser Reise hervor.

Silvia Bächli, Mantel Nr. 12, 2017, Kunstmuseum Basel
Silvia Bächli, Mantel Nr. 12, 2017, Kunstmuseum Basel

Merian gilt als Begründerin der deutschen Entomologie (Insektenkunde) und als erste ökologisch denkende Naturforscherin. Viele von ihr beschriebene Insektenarten waren damals noch unbekannt. Carl von Linné, der die moderne zoologische und botanische Taxonomie einführte, stützt sich auf Merians Metamorphosis und ihr Raupenbuch und übernimmt unter anderem den von ihr eingeführten Begriff «Vogelspinne». Trotz Merians wissenschaftlichem Beitrag verstand sie sich nie als Gelehrte (die entsprechenden Möglichkeiten standen ihr als Frau gar nicht offen), sondern stets als Künstlerin. Ihr Zugang war ein phänomenologischer: Sie beschrieb und zeichnete, was sich ihr durch Beobachtung eröffnete. Ihre holistischen Darstellungen der Schmetterlingsmetamorphose und Futterpflanze der Raupe können – aus heutiger Sicht – als kritische Alternative zu den naturwissenschaftlichen Klassifikationsschemata gelesen werden und stellen als Bildthema eine kunstgeschichtliche Neuerung dar.

Werke von Maria Sibylla Merian aus der Sammlung des Kunstmuseums stehen im Zentrum dieser Story: Aquarelle mit Blumenporträts und Insekten, kolorierte Drucke und Bücher – darunter die Dokumentation ihrer Surinam-Reise. Gemälde von Adam Willaerts und Frans Post geben eine Idee davon, wie der zeithistorische, von den Expansionsbestrebungen Hollands im 17. Jahrhundert geprägte Moment «ausgesehen» haben könnte.

Die Künstlerin Silvia Bächli hat den Werken von Merian eigene grossformatige Zeichnungen dialogisch gegenübergestellt. Eine Reihe weiterer Werke von Jan van Kessel dem Älteren, Hans Arp, Andreas Slominski und Andy Warhol nähern sich Pflanzen und Insekten aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Absichten.

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Kunst. Geld. Museum. Fünfzig Jahre Picasso-Story

Fünfzig Jahre Picasso-Story

10.03.2018  – 12.08.2018

2018 jährt sich die erstmalige gemeinsame Präsentation
aller 1967 erworbenen Picassos im Kunstmuseum Basel
zum 50. Mal. Das Jubiläum bildet den Anlass für eine
erweiterte Sammlungspräsentation.

Eva Reifert ist Kuratorin 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und kuratiert die Ausstellung Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story.
Eva Reifert ist Kuratorin 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und kuratiert die Ausstellung Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story.

Von Eva Reifert

Diese Geschichte kennen in Basel fast alle: 1967 sollten zwei hochbedeutende Picasso-Gemälde, die bis dahin als Leihgaben im Kunstmuseum hingen, auf dem internationalen Markt verkauft werden. Die Bevölkerung aber bewilligte per Referendum die stolze Summe von sechs Millionen Franken aus Steuergeldern und trieb mit einem «Bettlerfest» den noch fehlenden Restbetrag auf, sodass man das Angebot eines Vorkaufsrechts annehmen und Picassos Les deux frères (1906) und Arlequin assis (1923) für die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwerben konnte. Der Künstler, der die Ereignisse aus dem französischen Mougins verfolgt hatte, lud den Direktor des Kunstmuseums, Franz Meyer, zu sich ein und schenkte Basel bei dieser Gelegenheit vier weitere seiner Werke. Als siebter Picasso des Jahres 1967 gelangte das kubistische Gemälde Le poète (1912) als eine durch das Engagement der Bevölkerung inspirierte Schenkung der Mäzenin Maja Sacher in die Sammlung.

Pablo Picasso, Les deux frères, 1906 (Gósol), Kunstmuseum Basel- Depositum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel- 1967
Pablo Picasso, Les deux frères, 1906 (Gósol), Kunstmuseum Basel- Depositum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel- 1967

50 Jahre nach diesen Ereignissen zeigt sich, dass die Akteure rund um die Sammlung des Kunstmuseums noch dieselben sind – Bevölkerung, Künstler, der Direktor, die Kunstkommission und Mäzene. Auch die Auseinandersetzung mit der Frage «Welche Kunst kommt ins Kunstmuseum?», die die Diskussionen im Zuge der Picasso-Ankäufe bestimmte, führen wir heute noch im selben Spannungsfeld von künstlerischen Kriterien, finanziellen Mitteln und Belangen des Museums. Was den für ein Museum zentralen Vorgang der «Verinstitutionalisierung» von Kunst angeht, richtet die Ausstellung

Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso-Story in den Erdgeschossräumen des Kunstmuseums Basel den Blick auch auf die Rolle des Direktors, der Kunstkommission und der Mäzene. Wie aktuell die Fragestellungen von 1967/68 sind, sieht man daran, dass sich viele der damaligen Statements, die in der Ausstellung durch Zeitungsausschnitte und anderes Archivmaterial zugänglich sind, wie Debattenbeiträge aus unseren Tagen lesen. Die Ausstellung nimmt die Diskussion im Gespräch mit den Besuchern und Künstlern der Stadt wieder auf und geht den Implikationen in Bezug auf Identifikation und Zusammengehörigkeit, Kunst und Kommerz nach.

Einerseits können so die Ereignisse von vor 50 Jahren mit all ihrem legendären Potenzial vergegenwärtigt werden, etwa auch durch grossformatige Fotografien von Kurt Wyss, andererseits bildet die «Picasso-Story» mit Programmpunkten wie Tischgesprächen den Ausgangspunkt für heutige Fragestellungen rund um Kunst, Geld und Museum. Somit stehen die sieben Werke Picassos, die 1968 erstmals gemeinsam präsentiert wurden, im Kontext von Meinungsstreit und museumspolitischen Entscheiden, zeigen sich aber gerade darin in ihrer zeitlosen Präsenz.

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