Archiv der Kategorie: Kunstmuseum Basel

Füssli. Drama, Theater und ein Shakesbeer

Kunstmuseum Basel
20.10.2018 – 10.02.2019

Von Sibylle Meier

Wer mit Malerei grosse Geschichten erzählen will, steht vor der Herausforderung, dem Betrachter oder der Betrachterin auf einen Blick klar zu machen, wovon hier die Rede ist. Die Möglichkeit, mit Worten eine Situation zu beschreiben, fällt weg, und was an Mitteln übrig bleibt sind Körperhaltung, Gesten oder Blicke – oft übertrieben und überspitzt – denn es bleibt nur wenig Raum für emotionalen Ausdruck: Weit aufgerissene Augen, ein hilflos-ohnmächtig drapierter Körper oder ein dramatisch ausgestreckter Zeigefinger. In der Kunstgeschichte heissen solche Gesten Pathosformeln – jeder kennt sie irgendwie – denn sie stehen für die typisierte Darstellung eines Gefühls und nicht für dessen individuelle Interpretation.

Johann Heinrich Füssli, Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783
Johann Heinrich Füssli, Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783

Keiner kennt sich besser aus mit der Verbildlichung von dramatischen und extrem spannungsgeladenen Emotionen wie der Schweizer Maler und Theologe Johann Heinrich Füssli (1741–1825). Die aktuelle Herbstausstellung im Kunstmuseum Basel trägt den Titel Füssli. Drama und Theater, denn die Ausstellung legt den Fokus auf die theatralen, dramaturgischen Stilmittel, mit denen es Füssli gelingt, literarische Stoffe in emotional stark aufgeladene Bilder umzuwandeln: präzise Lichtführung, die Konzentration auf einen dramatischen Aspekt, grosse Gesten und ganz wichtig: die Wiederholung. Denn Wiederholung erzeugt Dramatik, und das ist sein erklärtes Ziel: Füssli will das Publikum mit seinen Bildern umhauen.

„The Wild Swiss“ als malender Geschichtenerzähler
Inspiration zu seinen Bildmotiven findet der nach England ausgewanderte Schweizer in griechischer und mittelalterlicher Mythologie, aber vor allem in den Dramen von Shakespeare und John Milton. Dichtung und Malerei sind für Füssli zwei gleichwertige Künste, und er hat deshalb sein ganzes Leben der Illustration von grossen literarische Stoffen gewidmet. Es ist also die Liebe zu grossen Geschichten, die den „Wild Swiss“, wie er von den Engländern genannt wurde, dazu motivieren, heilig erhabene Gefühle oder deren Gegenteil, den tiefen Abgrund menschlicher Regungen, auf die Leinwand zu bannen. An der Epochenschwelle zur Romantik interessiert sich der leidenschaftliche Literat und Theaterbesucher für Geister, Helden, Feen und Satan; für die Abgründe der Seele und deren dunkle Geheimnisse.  Er entwickelt sich zum malenden Geschichtenerzähler, denn es gelingt ihm wie kaum einem anderen, Literatur so dramatisch zu verdichten und auf einen Höhepunkt hin zuzuspitzen. Füssli – der „Shakespeare der Leinwand“.

Vielen ist Füssli durch die Darstellung seines Skandalgemäldes „der Nachtmahr“ bekannt. Das Kunstmuseum Basel zeigt nur eine der drei bekannten Versionen, jene aus der Privatsammlung von Ulla Dreyfus-Best. Die Schau konzentriert sich in fast siebzig Werken vor allem auf die Umsetzung literarischer Quellen und ist – Füssli-gerecht – auf den maximalen Effekt hin aufgebaut. Eva Reifert, die Kuratorin der Ausstellung, beginnt den Parcours mit Motiven aus der Antike und führt uns über das Mittelalter hin zu den grossen Stoffen von Shakespeare und Milton. Ein sehr gut gemachtes Saalblatt steuert dabei das Publikum sicher durch die unzähligen literarischen Quellen, die den Gemälden zugrunde liegen.

Johann Heinrich Füssli, Oberon träufelt Blumensaft in die Augen der schlafenden Titania, 1793 (links), Inszenierung von Thom Luz, Jonas Alsleben, Video, 2018
Johann Heinrich Füssli, Oberon träufelt Blumensaft in die Augen der schlafenden Titania, 1793 (links), Inszenierung von Thom Luz, Jonas Alsleben, Video, 2018

Thom Luz führt Füssli ins 21. Jahrhundert
In der Hälfte der Ausstellung erwartet die Besuchenden eine Überraschung: eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit den Pathosformeln, die Füsslis Werk prägen. Das Kunstmuseum Basel konnte den Hausregisseur des Basler Theater Thom Luz gewinnen, ein Werk zum Thema Drama und Theater zu entwickeln, worauf eine faszinierende Videoarbeit entstanden ist (Videokünstler: Jonas Alsleben). Zusammen mit 15 Schauspielern aus dem Ensemble des Theater Basel hat Luz dreissig typische Figurenposen aus Füsslis Oeuvre ausgesucht und in geisterhaften Projektionen – als bewegte Tableaus – auf die Wand geworfen. Es ist das Unheimliche, das Luz an Füsslis Werk fasziniert. Die aufgehängten Fotografien der leeren Museumsräume erfahren eine interessante Kontextverschiebung und werden zur Theaterbühne. Die Tableaus sind auf Augenhöhe angebracht und versetzen das Museumspublikum in die Rolle des Theaterbesuchers. Auf dieser Fotobühne entspinnen sich nun geisterhafte Szenen, die manchmal heilig erhaben, aber auch durchaus humorvoll die grossen Gesten Füsslis nachspielen. Es ist ein grosser Spass, die typischen Gesten auszumachen und den Bildern Füsslis zuzuordnen.

Ueli Shakesbeer 2018 – im Shop und im Bistro des Kunstmuseum Basel erhältlich
Ueli Shakesbeer 2018 – im Shop und im Bistro des Kunstmuseum Basel erhältlich

Eine seiner Lieblingsszenen, verrät Thom Luz, ist das Bild Oberon träufelt Blumensaft in die Augen der schlafenden Titania von 1793 aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare. Es ist ein Liebessaft, den Titania beim Aufwachen dazu veranlassen wird sich in den Esel Zettel zu verlieben. Und schon sind wir wieder mittendrin in der Welt Füsslis, der fliessend griechisch und lateinisch sprechen konnte und sämtliche literarischen Klassiker im Original gelesen hatte.

Aber wer jetzt erst einmal all die grossen Dramen der Welt verdauen muss, der setzt sich am besten ins Bistro des Kunstmuseums Basel und gönnt sich beim gepflegten, hauseigenen Ueli Shakesbeer eine wohlverdiente Pause.

 

 

 

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Kunstmuseum Basel: Füssli – Drama und Theater

Kunstmuseum Basel
20.10.2018 – 10.02.2019

Johann Heinrich Füssli (1741–1825) interessierte sich zeitlebens für die Literatur und das Theater und formulierte unzählige Vorlagen von Milton bis Shakespeare für seine Gemälde um. Füssli. Drama und Theater rückt diese literarischen Quellen anhand von rund 70 Gemälden in mehreren Ausstellungskapiteln in den Fokus und widmet sich darin ebenso den dramatischen Stilmitteln des Malers.  Kunstmuseum Basel: Füssli – Drama und Theater weiterlesen

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Kunstmuseum Basel – InnenWelten

InnenWelten
Schenkung Betty und Hartmut Raguse-Stauffer
15.09.2018 – 06.01.2019

Seit 2014 hat das Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel im Rahmen einer Schenkung von Betty und Hartmut Raguse-Stauffer rund 300 Werke auf Papier vor allem aus den Bereichen des Expressionismus und der zeitgenössischen Kunst entgegennehmen können. Diese Schenkung spiegelt eine 40 Jahre dauernde bemerkenswerte Sammlertätigkeit wider. Sie ist nicht nur Zeugnis einer unbedingten Liebe zur Kunst mit ausgeprägtem Sachverstand und feinem Gespür für Qualität, ist sie gleichzeitig Ausdruck der innigen Verbundenheit zweier Menschen, die ein grosses Stück ihres Lebensweges gemeinsam beschritten haben. Mit einer Ausstellung von rund 70 Zeichnungen und Aquarellen aus dieser Schenkung würdigt das Kunstmuseum Basel einerseits das grosszügige Engagement des Stifterpaares, andererseits ist sie auch eine Hommage an die 2015 verstorbene Betty Raguse-Stauffer.

Das erste Werk, eine Zeichnung von A. R. Penck, erhielten Betty und Hartmut Raguse-Stauffer anlässlich ihrer Hochzeit im Jahr 1976. Schon im folgenden Jahr kam mit dem Erwerb einer Radierung von Emil Nolde ein weiteres Werk in die Sammlung, dem noch zahlreiche folgen sollten. Bereits in dieser frühen Zeit kristallisierten sich die beiden Hauptinteressen der Sammler heraus: Zum
einen galt ihre Liebe den Künstlern des Expressionismus, zum anderen verfolgten sie die Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst und begeisterten sich vor allem für figurativ arbeitende Künstler wie A. R. Penck, Jonathan Borowski, Marlene Dumas und Rosemarie Trockel. Die dem Sammlerpaar ebenfalls wichtigen Schweizer Künstler der 1980er-Jahre wie Silvia Bächli, Miriam Cahn und Josef Felix Müller schenkte es dem Aargauer Kunsthaus in Aarau.

Entscheidend für Betty und Hartmut Raguse-Stauffer war nicht, bestimmte Künstler oder künstlerische Positionen zu sammeln. Ausschlaggebend war vielmehr das einzelne Werk, das konkrete Motiv, in dem sich die persönlichen Vorlieben und Interessen der Sammler gespiegelt finden: existenzielle menschliche Erfahrungen wie Liebe und Tod, Religion und Spiritualität sowie die Musik. Hartmut Raguses Tätigkeit als Theologe und Psychoanalytiker, aber auch als passionierter Musiker sowie der Beruf seiner Frau als Psychoanalytikerin zeichnen sich in der Wahl der Blätter ab.

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Theaster Gates. Black Madonna

Kunstmuseum Basel
09.06.2018 – 21.10.2018

In seiner Ausstellung Black Madonna im Kunstmuseum Basel widmet sich der amerikanische Künstler Theaster Gates dem Kult um die Ikone der Schwarzen Madonna. Die dunkelhäutigen Statuen und Bildnisse der Jungfrau Maria gehören bis heute zu den meistverehrten in Europa. Theaster Gates befragt diese faszinierende Figur auf ihre politische, ästhetische und metaphorische Bedeutungsebene hin.   

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Hito Steyerl & Martha Rosler – War Games

Kunstmuseum Basel
05.05.2018 – 02.12.2018

Die Ausstellung War Games setzt Arbeiten von Martha Rosler und Hito Steyerl in einen mit den Künstlerinnen gemeinsam konzipierten Dialog. Rosler und Steyerl stellen das erste Mal miteinander aus. Neben zahlreichen Videoarbeiten, Fotos, Fotomontagen, Bannern und Objekten sind auf zwei Stockwerken im Kunstmuseum Basel | Gegenwart raumgreifende Multimedia-Installationen zu sehen.

Die Œuvres beider Künstlerinnen thematisieren Schnittstellen zwischen Politik und Massenmedien. Sowohl in ihrer künstlerischen als auch theoretischen Produktion reflektieren Rosler und Steyerl den Zusammenhang zwischen unserer Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität und den für ihre Vermittlung massgeblichen audiovisuellen Medien. 

So bediente sich Rosler schon in den 1970er-Jahren des Fernsehformats der Kochsendung, um feministische Anliegen zu transportieren. Heute beschäftigt sie sich mit den Effekten drohnengestützter Bildproduktion und mit den Umwälzungen, die im Bereich der politischen Meinungsbildung durch soziale Medien ausgelöst werden. Steyerl – deren frühe filmische Arbeiten ihre Auseinandersetzung mit dem Dokumentar- und Essayfilm spiegeln – vermischt in neueren Videoinstallationen zunehmend computeranimierte Bildwelten mit der Ästhetik selbstproduzierter Clips. Dabei problematisiert sie die ambivalente Funktion digitaler mobiler Kommunikations- und Bildapparaturen, bei deren Gebrauch Gegensätze wie Ermächtigung und Kontrolle oder gespielte und reale Kriege stets unauflösbar gekoppelt sind. 

Ein wiederkehrendes Motiv der in War Games versammelten Werke ist die künstlerische Beschäftigung mit Formen sozialer, politischer, ökonomischer und militärischer Dominanz. In verschiedenen Arbeiten und anhand unterschiedlicher Konfliktfelder wie (Post-)Kolonialismus, Antisemitismus, Migration, Fremdenfeindlichkeit, Krieg, Stadtentwicklung, Konsum und Geschlecht werden sowohl harte wie auch weiche Mechanismen gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse thematisiert. 

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