Archiv der Kategorie: Editorial

„Le définitif – c’est le provisoire“

Liebe Kunstfreunde und Kunstfreundinnen

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung Lois Weinberger – Debris Field. In dieser Ausstellungsreihe treten unterschiedliche Künstler*innen in Dialog mit Jean Tinguelys Mengele Totentanz.
Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely

Unsere Lebenswelt befindet sich in konstantem Wandel – oder wie Jean Tinguely kurz und knapp sagte: Le définitif – c’est le provisoire. Den Wandel prägen wir alle mit unserem kommunikativen Handeln mit. Kulturinstitutionen sind Plattformen, die diesen Austausch ermöglichen und mitgestalten. Es ist deshalb sinnvoll, wenn sie immer wieder ihre Angebote und Aufgaben hinterfragen. Auf politischer Ebene geschieht das aktuell gerade mit dem sich in Vernehmlassung befindenden neuen Kulturleitbild im Kanton Basel-Stadt: Mit den Fragen nach dem kulturellen Selbstverständnis und den mittelfristigen Perspektiven der Kulturförderung sind natürlich auch Fragen der Finanzierung verbunden. 

Die ICOM, das International Council of Museums, steckt ebenfalls inmitten dieser in regelmässigen Abständen stattfindenden Diskussionen, was die Definition eines Museums ist und was in der Museumsarbeit essenziell sein sollte. Wir alle Kulturtätigen sind mit dem Mantra Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln gross geworden, das die Kernaufgaben auch heute noch gültig beschreibt, allerdings in einer Form, die der Institution Museum, wie sie sich im 19. Jahrhundert ausprägte, auf den Leib geschrieben ist.

Was hat sich seither verändert? Wo drückt der Schuh in der heutigen Zeit? Die neue Museums- Definition soll Stichworte wie Diversität, Inklusion, Partizipation, Museen als Foren der politischen (demokratischen) Meinungsbildung oder gleichberechtigter Zugang zum materiellen und immateriellen Kulturgut für alle Menschen enthalten. Auch die Non-Profit-Orientierung soll ein wesentlicher Aspekt der Museumsarbeit sein, um der vor allem im Kunstbereich latenten Kommerzialisierung entgegenzuwirken. Schliesslich, und das finde ich besonders bemerkenswert, soll auch Enjoyment – Freude und Vergnügen – Museumserlebnisse prägen dürfen. Es ist einer der wichtigsten Motoren, um Teilhabe spielerisch zu fördern.

Das reichhaltige und vielseitige Angebot der Kunstinstitutionen in und um Basel, wie Sie es im Artinside sehen können, zeigt einmal mehr, dass diese dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Erlauben Sie mir, Ihnen die Ausstellung Len Lye – motion composer besonders zu empfehlen, an der das Museum Tinguely mit viel Herzblut seit vier Jahren arbeitet, um den neuseeländischen Künstler mit der grössten Ausstellung, die in Europa je stattgefunden hat, vorzustellen. Lye war Autodidakt und brachte künstlerische Mittel und unterschiedliche Bildsprachen auf faszinierende Weise in neue Zusammenhänge, ohne das Enjoyment zu vergessen.

Die neue Museumsdefinition der ICOM wurde übrigens von einer Mehrheit der Mitglieder abgelehnt, weil sie als zu ideologisch befunden wurde: Die Definition von Museum ist ähnlich schwierig wie diejenige von Kunst. Ihr freiheitlicher Impuls ist eine der besonderen Qualitäten, die eine Auseinandersetzung fruchtbar macht!

Schöne Ausstellungserlebnisse und wie stets viel Neugierde und Vergnügen wünscht Ihnen herzlich,

Roland Wetzel
Direktor Museum Tinguely Basel

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Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr? 

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler, Riehen
Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler, Riehen

Von Sam Keller

Die Chancen stehen gut, dass sich die Liste Ihrer Vorhaben erweitert, wenn Sie die Vorschau auf das Ausstellungsprogramm lesen, das im Frühling in den Kunsthäusern der Region Basel präsentiert wird. Zwei der Ausstellungen sind Kooperationen zwischen Kunstmuseen in Basel und Paris, wo sie diesen Winter Furore gemacht haben. 670 000 Menschen standen vor dem Musée d’Orsay stundenlang Schlange, um Pablo Picassos Kunstwerke der Blauen und Rosa Periode zu sehen – ein Publikumsrekord in der Geschichte des weltberühmten Museums. Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr?  weiterlesen

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Liebe Kunstfreund*innen

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely
Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely

Von Roland Wetzel
Es ist eines der grossen Privilegien der Museumsarbeit, sich im 3-Monats-Takt mit neuen Inhalten beschäftigen zu dürfen, neue Ausstellungen vor- und aufzubereiten, die interessierte Besucherinnen und Besucher an Entdeckungsreisen teilhaben lassen.

Das Ausstellungsprojekt Radiophonic Spaces vermag dies auf besondere Weise. Ist das Radio doch ein Medium, das uns zwar täglich begleitet, über dessen Nutzung und vielfältige Möglichkeiten wir uns aber selten bewusst sind. Meine ersten Weltreisen spielten sich in meiner Jugend auf unterschiedlichen Frequenzbändern in der Radioätherwelt ab, dem «oberen blauen Himmel» wie die Definition des Wortes besagt, die zwischen dem Rauschen schier unendlich schien. Oder ganz konkret auf FM mit FM die neusten Musiktrends aus London entdecken liess, was 1978 einem unerhörten Einbruch von Rock und Pop in die heile Welt des Heimatkompressertums (der Handorgel) auf der Frequenz des «Nationalradios» darstellte. Wie schnell sich Zeiten und Mediennutzung doch verändern!

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Liebe Kunstfreunde

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler, Riehen
Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler, Riehen

Von Sam Keller
Kunst wird immer mehr Menschen zugänglich. In den digitalen Medien verbreitet sie sich rasant, und der weltweite Museumsboom geht weiter. Damit steigen auch die Ansprüche des Publikums und die gesellschaftliche Verantwortung der kulturellen Institutionen. Die Kunstmuseen werden mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert: die Sammlungen zu aktivieren, die Ausstellungen attraktiv zu gestalten, die Kunst an ein Publikum mit unterschiedlicher Bildung und unterschiedlichen Bedürfnissen zu vermitteln, Besuchende partizipieren zu lassen, soziale Gruppen mit anderem kulturellem Hintergrund zu integrieren, mit der digitalen Revolution Schritt zu halten, die Kommunikation dem veränderten Medienverhalten anzupassen, den Nebenwirkungen des entfesselten Kunstmarkts entgegenzutreten, die Konservierung von Kunstwerken in neuen Medien zu sichern, wissenschaftliches Arbeiten zu gewährleisten, die Provenienzforschung voranzutreiben, einen adäquaten Umgang mit dem kolonialen, totalitären und patriarchalischen Kulturerbe zu finden, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern, den Forderungen nach politischer Korrektheit, Zensur und Selbstzensur entgegenzuwirken, internationale Konkurrenz durch lokale Kooperation zu kompensieren und vieles mehr. Liebe Kunstfreunde weiterlesen

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