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My Boyfriend Came Back From The War. Online since 1996

Bis 20. März 2016
HeK Haus der elektronischen Künste

Von Sibylle Meier, Basel
Das HeK widmet seine erste Ausstellung im neuen Jahr der russischen Künstlerin Olia Lialina. Die Professorin für neue Medien an der Merz Akademie in Stuttgart, hat vor 20 Jahren als eine der Ersten die gestalterischen Möglichkeiten eines Webbrowsers erkundet. Während damalige Programme den Bildschirm noch Zeile für Zeile bespielten, teilte Lialina die Oberfläche in Frames ein, die sie individuell bespielte.
Die interaktive Erzählung über zwei Menschen, die versuchen, miteinander über einen vergangenen Krieg zu reden, gilt heute als Pionierarbeit der net.art.

Olia Lialina, mbcbftw-netscape, 1996, Screenshot_505. Für Web-Application bitte aufs Bild klicken
Olia Lialina, mbcbftw-netscape, 1996, Screenshot_505. Für Web-Application bitte aufs Bild klicken

Das Original dieses Werks mit dem Titel My Boyfriend Came Back From The War (MBCBFTW) steht im Zentrum der Ausstellung. Um das zentrale Werk sind  Arbeiten von weiteren Künstlern gruppiert, die sich inhaltlich oder formal auf darauf beziehen. Olia Lialina selbst hat diese Arbeiten in ihrem privaten Archiv unter dem Titel „The Last Real Net Art Museum“ zusammengetragen. Aus den mittlerweile 27 Arbeiten werden 13 im HeK ausgestellt.

Inhaltlich beschäftigt sich die Arbeit mit der Kommunikation zwischen zwei Menschen über ein schwieriges Thema. Lialina hat ihr Werk so aufgebaut, dass der Austausch ganz unterschiedliche Richtungen einschlägt, je nachdem welcher Link zuerst angeklickt wird. Die Langsamkeit, mit der sich die Bilder vor 20 Jahren aufgebaut haben, bildet eine wichtige Leerstelle zwischen den einzelnen Sprach- oder Bildfragmenten. Das Warten auf eine Antwort verbindet sich mit dem Warten auf das Bild.

Die Dokumentation der historischen Dimension der ausgestellten Geräte und Technologien bildet einen weiteren wichtigen Schwerpunkt der Ausstellung. Das Gerät, auf dem „MBCBFTW“ läuft, und die dazugehörige Software stammen aus den 90er-Jahren. Das Gerät wurde von einem Spezialisten für Medienkunst der Universität Freiburg künstlich verlangsamt. In einer sogenannten Emulation hat er den technologischen Entwicklungsstand von 1996 rekonstruiert. Das Durchklicken durch Lialina’s Arbeit dauerte damals etwa 15 Minuten. Auf einem heutigen Gerät kann man dies in 30 Sekunden erledigen. (Wir erinnern uns dunkel an die Einwahlgeräusche einer aufzubauenden Modemverbindung). Die ganze Arbeit hat die geringe Grösse von heute unvorstellbaren 72 KB.

Guthrie Lonergan, Burgers (My Burger came back fom the War), 2012 – für Web-Application bitte auf das Bild klicken
Guthrie Lonergan, Burgers (My Burger came back fom the War), 2012 – für Web-Application bitte auf das Bild klicken

Die Ausstellung bietet einen breiten Überblick über die Entwicklung der Netzkunst und der Informatikgeschichte in den letzten zwanzig Jahren. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung ist überraschend, und erst die Konfrontation mit Software, Interfaces und Gerätschaften machen deutlich wie gross der Sprung ist, von den einstigen Maschinenparks auf unseren Schreibtischen zu den heutigen Geräten in unseren Hosentaschen.

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