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Surrealismus und Design 1924 – heute

Vitra Design Museum
28.09.2019 – 19.01.2020

Der Surrealismus zählt zu den einflussreichsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. In seinen traumhaften Bildwelten hatten Alltagsobjekte eine zentrale Bedeutung, sie wurden verfremdet, ironisiert oder zu seltsamen Zwitterwesen zusammengesetzt. So entstanden einige Schlüsselwerke moderner Kunst, darunter Marcel Duchamps Fahrrad-Rad (1913) oder Salvador Dalís Hummertelefon (1936). Doch der Surrealismus gab umgekehrt auch dem Design wichtige Impulse. Das Vitra Design Museum präsentiert eine grosse Ausstellung, die den Dialog zwischen Surrealismus und Design umfassend untersucht. Zum ersten Mal wird gezeigt, wie stark der Surrealismus das Design der letzten 100 Jahre beeinflusst hat – von Möbeln und Interieurs bis hin zu Grafik, Mode, Film und Fotografie. 

Die Ausstellung umfasst unter anderem Werke von Gae Aulenti, BLESS, Achille Castiglioni, Giorgio de Chirico, Le Corbusier,
Salvador Dalí, Dunne & Raby, Marcel Duchamp, Max Ernst, Ray Eames, Front, Friedrich Kiesler, Shiro Kuramata, René Magritte, Carlo Mollino, Isamu Noguchi, Meret Oppenheim, Man Ray, Iris van Herpen und vielen anderen.

Der Surrealismus wurde 1924 von André Breton mit dem ersten surrealistischen Manifest begründet und entwickelte sich schnell zu einer internationalen Bewegung, der zahlreiche Schriftsteller, Künstler und Filmemacher angehörten. Das Unterbewusstsein, Träume, Obsessionen, der Zufall und das Irrationale waren nur einige der Quellen, aus denen die Surrealisten eine neue künstlerische Realität erschufen. Ab den 1930er-Jahren begannen ihre Ideen auch das Design zu beeinflussen, und ab den 1940er-Jahren wurde der Surrealismus zu einem wahren Trend, der Mode, Möbel und Fotografie prägte und es bis auf die Zeitschriftencover von «Harper’s Bazaar» und «Vogue» schaffte. Bis heute liefert der Surrealismus Designern mannigfaltige Anregungen, sei es mit den Motiven seiner fantastischen Bildwelt, seiner subversiven Herangehensweise oder seinem Interesse an der menschlichen Psyche.

Salvador Dalí, Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge, 1944/45
Salvador Dalí, Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge, 1944/45

Die Ausstellung Objekte der Begierde stellt Kunstwerke des Surrealismus und Designobjekte einander so gegenüber, dass die faszinierenden Parallelen und Querbezüge deutlich werden. Unter den hochkarätigen Leihgaben aus dem Bereich der bildenden Kunst sind unter anderem die Gemälde Das rote Modell (1947 oder 1948) von René Magritte, Salvador Dalís Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge (1944/45) sowie Wald, Vögel und Sonne (1927) von Max Ernst, aber auch Readymades wie Marcel Duchamps Flaschentrockner (1914) oder Geschenk (1921) von Man Ray. Die Arbeiten aus dem Design reichen von Werken aus den 1930er-Jahren – etwa Meret Oppenheims Tisch Traccia (1939) – bis hin zu heutigen Beispielen, darunter Modeentwürfe von Iris van Herpen, Objekte von Front, Konstantin Grcic oder Odd Matter sowie Projekte des Critical Design, die neue Technologien oder Geschlechterrollen auf subversive Weise hinterfragen. Sie alle zeigen, dass es im Design der letzten 100 Jahre nicht nur um Funktion und Technik geht, sondern auch um die versteckte Realität hinter den Dingen, um verborgene Träume, Mythen und Obsessionen – eben um das Sur-Reale.

Pedro Friedeberg, Hand Chair, ca. 1965
Pedro Friedeberg, Hand Chair, ca. 1965

Den Auftakt der Ausstellung bildet eine Bestandsaufnahme des Surrealismus von den 1920er- bis zu den 1950er-Jahren, bei der die Bedeutung, die das Design für die Entwicklung der Bewegung spielte, deutlich wird. Das zweite Kapitel der Ausstellung untersucht, wie die Surrealisten den Archetypen von Alltagsobjekten auf den Grund gingen und die Bedeutungscodes unserer vermeintlich vertrauten Welt untergruben. In ihrem dritten Teil widmet sich die Ausstellung den Themen Liebe, Erotik und Sexualität, die im Surrealismus eine zentrale Rolle spielten. Der letzte Abschnitt der Ausstellung befasst sich mit dem, was der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss als «das wilde Denken» bezeichnete: das Interesse am Archaischen, am Zufall und am Irrationalen, das sich in der Begeisterung der Surrealisten für sogenannte «primitive Kunst» ebenso zeigte wie an ihren Experimenten mit Materialien und Techniken, etwa der «automatischen Malerei».

Die Beispiele in der Ausstellung zeigen, wie aktuell der Dialog zwischen Surrealismus und Design bis heute ist. Der Surrealismus hat Designer dazu ermutigt, nach der Realität hinter dem Sichtbaren zu fragen und Dinge zu gestalten, die Widerstand leisten, mit Gewohnheiten brechen und aus dem Alltag ausscheren. Er hat das Design der Nachkriegszeit aus dem Korsett des Funktionalismus befreit und unseren Blick von der Form der Dinge auf ihre oft versteckten Botschaften gelenkt. Die Ausstellung Objekte der Begierde untersucht dieses Phänomen zum ersten Mal – und zeigt damit einen der folgenreichsten Dialoge zwischen Kunst und Design der letzten 100 Jahre.

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Len Lye – motion composer

23.10.2019 – 26.01.2020

Museum Tinguely

In der Ausstellung im Museum Tinguely wird das Werk von Lye in seiner ganzen Breite gezeigt, mit einem besonderen Augenmerk auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Medien.

Len Lye (1901–1980), geboren in Christchurch NZ, ist einer der wichtigsten Experimentalfilmer der 1930er-bis 1950er-Jahre. Er schuf zunächst in Neuseeland und Australien, ab 1926 in London und ab 1944 in New York City ein faszinierendes, nicht nur den Film, sondern vielmehr alle künstlerischen Disziplinen umfassendes Werk, das in weiten Teilen – so auch seine kinetischen Skulpturen – noch zu entdecken ist. 

Len Lye, Rainbow Dance, 1936 (Filmstill)
Len Lye, Rainbow Dance, 1936 (Filmstill)

Len Lye wurde 1901 in eine sehr bescheiden lebende Familie hineingeboren und wohnte nach dem frühen Tod seines Vaters mit seiner Mutter und dem Bruder beim Stiefvater Ford Powell in Cape Campbell, wo dieser als Leuchtturmwärter fungierte. Er berichtet aus dieser Zeit über erste Eindrücke von Licht und Bewegung; Motive, die ihn sein Leben lang beschäftigen werden. Er beschreibt den Moment, in dem er das Motiv seiner Kunst fand, folgendermassen: Er dachte über John Constables Wolkenstudie nach und darüber, dass der Maler Bewegung imitiert und vermittelt. Und: 

«Ganz plötzlich wurde mir klar – warum nicht einfach Bewegung, wenn es so was gab wie das Komponieren von Musik, dann könnte es auch so etwas geben wie das Komponieren von Bewegung. Schliesslich gibt es Melodiefiguren. Warum dann nicht auch Bewegungsfiguren?»

(«All of a sudden it hit me – if there was such a thing as composing music, there could be such a thing as composing motion. After all, there are melodic figures, why can’t there be figures of motion?»)

Er begann Bewegungen zu zeichnen, in kleinen Notaten, in spontanen Zeichnungen, oder ‚Doodles‘, wie er sie nannte. Zu Beginn der 1920er-Jahre verbrachte Lye einige Monate auf Samoa, wo er mit der reichen Kultur der dort indigenen Menschen in Kontakt kam. Während seiner Jahre in Sydney 1922–1926 entstand das Totem-und-Tabu-Skizzenbuch, in das er Sigmund Freuds Text Totem und Tabu transkribierte. Auf die jeweils linke Seite setzte er Zeichnungen von Gegenständen aus verschiedenen Kulturen – von den Maori seiner Heimat Neuseeland, den australischen Aborigines, aus Samoa, aus Afrika – und Werke russischer Konstruktivisten, die ihm ästhetisch wie auch inhaltlich verwandt schienen. Mit diesem von Eurozentrismus unverbauten Blick schuf er ein Werk, das in dieser Zeit unvergleichlich ist, das Objekte und Kulturen in gleichberechtigte Beziehungen setzt.

1926 kam Lye in London an, und bald entstand – neben Gemälden, in denen er oft sein Unterbewusstsein erforschte, und Batikbildern, die mit der Formwelt fremder Kulturen spielten – sein erstes filmisches Werk, das den Grundstein für seinen Ruhm als Experimentalfilmer legen sollte: 1929 wurde Tusalava erstmals gezeigt, ein Zeichentrickfilm, in dem abstrahierte Figuren und Formen miteinander in Beziehung treten, sich umschlingen und vereinen. In der vom Surrealismus geprägten Kunstszene, in der sich Lye bewegte, machte dieser zehn- minütige Film, der von einer (leider verlorenen) Live-Musik von Jack Ellitt begleitet wurde, grossen Eindruck. In der Mitte der 1930er-Jahre folgten die ‹Direct Films›, Filme, bei denen der Künstler direkt auf den Filmstreifen malte und schrieb und so die Technik des kameralosen Filmes entscheidend mitprägte. A Colour Box (1935) war ein farbenreicher Film, der – von kubanischer Tanzmusik begleitet – für die Britische Post Werbung machte. Andere Filme folgten und erreichten durch ihren Einsatz als Werbefilme für verschiedene Firmen im Kino ein sehr weitläufiges, populäres Publikum. Die Kombination von abstraktem Farbfilm und moderner Musik war revolutionär und brachte Lye zu Recht den Ruf als Erfinder des Musikvideos ein.

Free Radicals, 1958
Len Lye, Free Radicals, 1958

Nach dem Zweiten Weltkrieg, während dessen sich Lye in den Dienst der britischen Propaganda gestellt und viel beachtete Filme wie Kill or Be Killed (1942) produziert hatte, lebte er ab 1944 in New York City, um zunächst seine Karriere als Experimentalfilmer weiterzuverfolgen – und wo er 1947 eine Serie von Fotogrammen realisierte: Porträts, in denen er die Idee des kameralosen Filmes auf die Fotografie anwandte. Einer der radikalsten Filme seiner Zeit in New York ist Rhythm (1957), in dem er die Abläufe einer amerikanischen Autofabrik rhythmisierte und mit afrikanischer Trommelmusik unterlegt als eigentlichen Tanz der Technik inszenierte. Bereits in Rhythm, noch stärker aber in Free Radicals (1958/1979) setzte er die Technik des Kratzens in den schwarzen Vorspannfilm ein, was den Filmen eine raue, urtümliche Stimmung verlieh.

Ende der 1950er-Jahre wandte sich Lye der kinetischen Skulptur zu und entwarf in kurzer Zeit die Konzepte für etwa 20 Tangibles, wie er sie nannte. Skulpturen, die, durch Elektromotoren angetrieben, programmierte Bewegungsabfolgen vollziehen, die auf einfachen Prinzipien wie der Drehung eines Strauchs von Stahlstangen beruhen oder der Schwingung eines massiven Stahlblechs. Mit diesen Skulpturen traf Lye den Nerv seiner Zeit, mit ihrem Verlangen nach neuer Kunst, nach Maschinen und Bewegung. Bereits 1961 konnte der Neu-Kinetiker seine Maschinen im Museum of Modern Art in New York zeigen, anlässlich einer Lecture-Performance, in der er seine Ideen der programmierten Maschinenskulptur erläuterte und vorführte.

Seine Skulpturen empfand Lye immer auch als Modelle, die er grösser ausführen wollte. Weil ihm sowohl die technischen Kenntnisse wie auch die finanziellen Möglichkeiten dazu fehlten, blieben die meisten im Projektstadium stehen, doch der Wille zur Grösse zeigte sich in den Zeichnungen für Sun, Land and Sea (1965), die erst Jahre nach seinem Tod 1980 langsam in die Nähe der Verwirklichung kommen. Lyes Bedeutung für die kinetische Kunst der 1960er-Jahre kann trotzdem nicht unterschätzt werden. Seine Vision, mit programmierter Maschinenskulptur eine komplett neue Kunst zu schaffen, öffnete den Weg für vieles, was uns heute selbstverständlich und vertraut ist – im Bereich der kinetischen Kunst, vor allem aber in Bereichen der Land Art oder Installation, in denen Lye ganz selbstverständlich vorausgegangen war.

Len Lye starb 1980. Er hatte im Bewusstsein, unheilbar erkrankt zu sein, für sein Werk eine Stiftung gegründet, und somit dafür gesorgt, dass sein Nachlass zurück in die alte Heimat, nach Neuseeland, kam, wo dieser bis heute in New Plymouth, in der Govett-Brewster Art Gallery aufbewahrt und erforscht wird. Die Len Lye Foundation pflegt sein Werk und darf im Einklang mit dem Willen des Künstlers Rekonstruktionen seiner kinetischen Werke herstellen, um so auch heute die programmierte Maschinenskulptur einem jungen Publikum erlebbar zu machen.

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Resonating Spaces

06.10.2019 – 26.1.2020

Fondation Beyeler

Leonor Antunes, Silvia Bächli, Toba Khedoori, Susan Philipsz, Rachel Whiteread

Marlene Bürgi ist seit 2018 kuratorische Assistentin der Fondation Beyeler und hat u.a. an der Ausstellung zu Louise Bourgeois’ Insomnia Drawings mitgewirkt.

Von Marlene Bürgi

Die Herbstausstellung der Fondation Beyeler ist fünf zeitgenössischen Künstlerinnen gewidmet: Leonor Antunes, Silvia Bächli, Toba Khedoori, Susan Philipsz und Rachel Whiteread. Zum ersten Mal stellen die international renommierten Künstlerinnen gemeinsam aus. Anders als bei einer umfassenden Gruppenschau liegt der Fokus auf exemplarischen Werken, die in sehr unterschiedlicher Form eine eigene Qualität von Räumlichkeit entfalten – als Skulptur, Zeichnung oder Soundinstallation. Die Werke evozieren Räume, die zwischen dem Erkennbaren und Flüchtigen oszillieren. Sie schaffen Orte und Ruhepausen, in denen die Fähigkeit des Erinnerns ausgelöst und Bilder lebendig werden.

Raum war lange kein Thema in der Kunst. Seit den 1960er-Jahren haben neue Ausdrucksformen wie Performance, Installation und Film Eingang in die Kunst gefunden, was Räume zu einem wichtigen Aspekt und Erlebnis des modernen und zeitgenössischen Kunstschaffens gemacht hat. Der Titel der Ausstellung lehnt sich an die Bedeutungen der beiden englischen Begriffe resonating und resonance an, die offener sind als die deutsche Bezeichnung des Resonanzraums. In der Ausstellung geht es jedoch nicht um einen thematischen Zugang zum Raum. Vielmehr zielt sie darauf, anhand von fünf Positionen Inhalten oder Gegebenheiten Anschaulichkeit zu verleihen, die zwar in den Arbeiten der Künstlerinnen eine konkrete Präsenz haben, gewöhnlich aber nicht wahrnehmbar sind. 

Klänge: Susan Philipsz

Die schottische Künstlerin Susan Philipsz (*1965) erkundet die plastischen Eigenschaften von Klängen – meist unter Einbeziehung des Raums oder der konkreten Umgebung. Als Ausgangspunkte ihrer Soundinstallationen dienen ihr sowohl vokale als auch instrumentale Tonaufnahmen. Dazu greift Philipsz auf bereits existierende Musikstücke, etwa Popsongs, Volkslieder und neuzeitliche Choräle, zurück, die sie mit ihrer unausgebildeten Stimme und ohne Begleitung intoniert. Seit einigen Jahren sind auch Instrumentalwerke ein wichtiger Teil ihres künstlerischen Werks, wobei unter anderem Funksignale, singende Gläser oder im Krieg beschädigte Blasinstrumente Verwendung finden. Ausgehend von intensiven Recherchearbeiten, eröffnet die Künstlerin Bezüge zu bestimmten historischen oder literarischen Gegebenheiten des jeweiligen Ortes. Dank der überraschenden, auf die Örtlichkeit abgestimmten Klänge wird die Aufmerksamkeit auf die unmittelbare Umgebung gerichtet, sodass diese in neuer Weise erfahren wird.

Spuren: Toba Khedoori

Toba Khedoori (*1964) fertigt grossformatige Zeichnungen und seit einigen Jahren auch kleinere Formate sowie Werke auf Leinen an. Seit Mitte der 1990er-Jahre zeichnet die australische Künstlerin, die heute in Los Angeles lebt und arbeitet, architektonische Gebilde, die sie als Einzelobjekte oder in serieller Reihenfolge ohne vorgegebenen Kontext minutiös ins Bild setzt. Dabei tritt das grosse Format der wachsüberzogenen Papierbahnen stets in Kontrast zur zeichnerischen Präzision. In jüngster Zeit hat Khedoori ihren Fokus jedoch geändert, indem sie ihre Bildobjekte nicht mehr aus der Ferne, sondern aus unmittelbarer Nähe erfasst. Über die naturbezogenen Motive wie Zweige (Bild oben), Berge oder Wolken hinaus wird das Close-up-Prinzip in einigen Werken so gesteigert, dass die Darstellungen nahezu ins Abstrakte kippen. Was die Arbeiten Khedooris verbindet, sind verschiedene Spuren, die auf eine Realität ausserhalb der Bilder deuten: Staub, Haare und kleine Schmutzpartikel in der Wachsschicht sowie ungewöhnliche Lichtreflexe und Schattenwürfe fungieren als subtile Hinweise auf die Aussenwelt jenseits der von Khedoori gestalteten Assoziationsräume. 

Erinnerungen: Rachel Whiteread

Rachel Whiteread, Untitled (Blue View), 2019
Rachel Whiteread, Untitled (Blue View), 2019

Seit den frühen 1990er-Jahren hat die britische Künstlerin Rachel Whiteread (*1963) ein ausserordentliches plastisches Œuvre hervorgebracht. Ihre Skulpturen entstehen aus Abdrücken und Abgüssen von vertrauten Gegenständen, etwa architektonischen Strukturen oder Hohlkörpern, die in ihrer Materialität reduziert werden und dadurch meist fremd wirken. Whiteread verleiht den Negativräumen von Objekten – zum Beispiel von einer Wärmeflasche, einem Schrank oder einem Büchergestell – Gestalt, sodass eigenständige Skulpturen entstehen. Dabei sind nicht nur Einzelobjekte fester Bestandteil ihres Werks, sondern auch eindrucksvolle Abgüsse ganzer Wohnräume. Stets verweisen ihre Werke auf die Abwesenheit der Ausgangsobjekte und damit auf Innen-, Zwischen- und Umräume, die im Alltag meist unbeachtet bleiben. So wird Whitereads Schaffen gleichermassen Bezugspunkt für eigene Erinnerungen.

Leerstellen: Silvia Bächli

Silvia Bächli, Ohne Titel, 2013
Silvia Bächli, Ohne Titel, 2013

Das Œuvre von Silvia Bächli (*1956) umfasst eine Vielfalt von klein- und grossformatigen Zeichnungen. Charakteristisch für ihre frühen Werke, die zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden, sind figurative ebenso wie abstrakte Darstellungen im Kleinformat. Seit etwas mehr als zehn Jahren wendet sich die Schweizer Künstlerin auch grösseren Papierarbeiten zu, die sich zusehends von Verweisen auf gegenständliche Motive lösen. Die Konzentration liegt nun auf Liniengefügen und reduzierten Pinselbahnen, deren Wirkkraft im ständigen Austarieren von Papierfläche und Gezeichnetem wurzelt. Von Anbeginn an hat Bächli ihre Werke als wandelbare Gruppen in Form von oft auch wandfüllenden Installationen präsentiert. Das Zusammenspiel von Zeichnung, Bildrand, Papiergrund und den weissen Wänden der Ausstellungsräume ist dabei von entscheidender Bedeutung. Mittels jener Leerstellen entfaltet sich ein Raum, der auch die Betrachterinnen und Betrachter einbezieht.

Wandlungsfähigkeit: Leonor Antunes

Links: Leonor Antunes, a seam, a surface, a hinge or a knot (Detail), offizieller Beitrag für die 58. Biennale di Venezia, 2019
Leonor Antunes, a seam, a surface, a hinge or a knot (Detail), offizieller Beitrag für die 58. Biennale di Venezia, 2019

In ihren raumgreifenden Installationen setzt sich die portugiesische Künstlerin Leonor Antunes (*1972) mit der Wandlungsfähigkeit der Skulptur und der modernen Formensprache auseinander. Seit den späten 1990er-Jahren hat die Künstlerin ortsspezifische Werke geschaffen, deren geometrische Formen und Materialvielfalt, darunter Leder, Nylon und Messing, auch für ihre aktuellen Arbeiten kennzeichnend sind. Parallel zur Erkundung der Materialität und zum Wechselspiel zwischen Skulptur und Architektur erforscht Antunes auch die historischen und sozialen Hintergründe von Persönlichkeiten aus Architektur, Design und Kunst jenseits des gängigen Kanons. Motive und Elemente, die sie unter anderem Möbelstücken, Textilien oder Druckgrafiken entleiht, bildet sie massstabsgetreu nach und löst sie von ihrer ursprünglichen Funktion. Auf diese Weise verarbeitet Antunes diese spezifischen Referenzen und verleiht ihnen eine skulpturale Gestalt. 

Raumempfinden und Raum empfinden

In vielerlei Hinsicht sind die fünf Künstlerinnen äusserst verschieden: Sie leben nicht nur an unterschiedlichen Orten auf der Welt, auch ihre Ausdrucksmittel und künstlerischen Herangehensweisen, ihre Beschäftigung mit bestimmten Themenbereichen und ihre Arbeitskontexte unterscheiden sich voneinander. Doch gemeinsam ist ihren Werken, dass sie exemplarisch für ein Raumempfinden stehen, um das sich die Ausstellung dreht. Die Installationen, Skulpturen und Zeichnungen erscheinen zunächst zurückhaltend und unaufdringlich, doch gerade darin liegt ihre Wirkkraft, die es uns ermöglicht, Raum gleichsam zu empfinden.

Kaari Upson – Go back the way you came

Kunsthalle Basel
30.08. – 10.11.2019

Von Sibylle Meier

Kaari Upson hat keine Scheu, sich dem Unnahbaren, dem Unvertrauten oder Unheimlichen zu nähern und sich mit eigenen oder fremden Traumata direkt zu konfrontieren. Die 1972 in San Bernardino (USA) geborene Amerikanerin ist gerade dabei, Europa für sich zu gewinnen. Sie stellt derzeit Ihre Arbeiten an der Biennale in Venedig aus und ist parallel zur aktuellen Schau in der Kunsthalle Basel demnächst auch im Kunstverein Hannover zu sehen – der Stadt, aus der ihre Mutter vor vielen Jahren nach Amerika ausgewandert ist.

Kaari Upson erläutert ihre Installation Mother's Legs, 2018-2019
Kaari Upson erläutert ihre Installation Mother’s Legs, 2018-2019

Ihrer Mutter begegnen die Besuchenden denn auch gleich im ersten Raum der Ausstellung in der Kunsthalle Basel; dann nämlich, wenn sie sich in einem merkwürdigen Wald aus baumelnden ‘Ast-Beinen’ wiederfinden, die den Weg in den Raum versperren. Mother’s Legs nennt die Künstlerin diese Arbeit, die eine Kombination aus bemalten und skalierten Latex-Abgüssen der Knie ihrer Mutter und ihrer eigenen sind und den Ästen des Hausbaumes aus Upsons Kindheit, den sie kurzerhand für ihre jüngsten Arbeiten fällen liess. Dieser Baum, eine Ponderosa-Kiefer, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung und musste auch deshalb weichen, weil San Bernardino regelmässig von Waldbränden und Erdbeben heimgesucht wird und eines Tages zur Bedrohung für Upsons Elternhaus hätte werden können. Die sorgfältig in Rosa- und Brauntönen bemalten Skulpturen, die sie, wie Upson betont, fast lieber als Malerei denn als Bildhauerei betrachtet, rufen Assoziationen an menschliche Haut, an Fleisch hervor. Die ‘Mutterbeine’ erinnern aber auch an unseren Ursprung, an unseren Weg durch den Körper einer uns eigentlich fremden Person.

Lücke zwischen Vertrautem und Fremden

Upson interessiert sich für die Lücke zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, zwischen Sicherheit und Unbehagen und sucht nach Wegen, diese Kluft zu überwinden. Dabei ist sie sich selbst ihr Untersuchungsgegenstand. Als Subjekt, was wörtlich das Zugrundeliegende heisst, nähert sie sich den Dingen, die sie umgeben und geprägt haben und übersetzt sie in eine Art materielle Psychologie. Jedoch meint Subjektivität bei Upson nicht einfach ‘Ich’. In ihren unheimlichen Filmen (A Place for a Snake oder Nightsplitter) zum Beispiel tritt sie oft als Double ihrer selbst auf oder lässt sich von einer Freundin, in Kaari-Upson-Schminke-und-Verkleidung, stellvertreten. Es gibt keine zuverlässige Erzählerin in ihren Werken.

Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht.
Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht.

Ihr intelligenter Umgang mit Material hat eine beeindruckende Präzision. Es ist, als ob sie Schichten aus der Vergangenheit löst und sie ins Jetzt herüberschleift. Dabei nimmt sie die Veränderungen, Spuren und Verluste, die durch diese Transformation entstehen, nicht nur mit, sondern heisst sie willkommen. Ihre Arbeit O-Snag (Titelbild) ist ein Versuch, das Gesicht ihrer Grossmutter aus der Erinnerung zu modellieren. Drei weitere Büsten gelten demselben Versuch, aber von einer Freundin Upsons ausgeführt. Die Büsten wurden abgegossen, skaliert und bemalt. Fehler in der Wiedergabe können in diesem Sinn nicht passieren, denn das Experimentieren mit Material bringt immer Dinge hervor, die nicht antizipiert werden können – und sollen.

Die Büsten sind unzuverlässige Abbilder einer Frau, die gleichzeitig eine Verwandte darstellen und eine komplett unbekannte Sie. In vielen hochtechnisierten Schritten entwickelt Upson ihre Skulpturen, welche den Spagat zwischen Vertrautem und Unheimlichen oder Vergangenem und Gegenwärtigem schaffen und deren sichtbare Spuren zu Zeugen dieser Transformation werden. Materialität wird zu einem Träger von Zeit, einer weiteren wichtigen Komponente in Upsons Werk. Nicht nur manifestiert sich Zeit in den Generationen, die sie aufruft, sondern z.B. auch in den überdimensionalen Pillendosen (DAY COFFIN, 2018-2019), welche die Zeit in eine Wochenration einteilen und die – schon wieder – den Übertritt zum letzten Raum erschweren.

Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht
Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht

Dort befinden sich unter anderem Skulpturen aus Stamm oder Ästen der gefällten Kiefer oder Fragmente aus Upsons Elternhaus, alle abgegossen aus ihrem bevorzugtem Material: Latex. Ein Abguss aus Latex ist eine minutiöse Kopie. Er ist so etwas wie eine dreidimensionale Fotografie und könne, z.B. in der Forensik, selbst DNA-Spuren aufnehmen, so die Künstlerin. Ihre Abgüsse werden zu einer zweiten Haut der Dinge, die die Erfahrungen und Traumata der Künstlerin in sich aufnehmen und kraft ihrer eigenwilligen skulpturalen Sprache transzendiert werden.

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Rebecca Horn Körperphantasien

05.06.2019 – 22.09.2019

Von Sandra Beate Reimann

Sandra Beate Reimann ist Kuratorin am Museum Tinguely. Sie hat die Ausstellung "Rebecca Horn. Körperphantasien" kuratiert.
Sandra Beate Reimann ist Kuratorin am Museum Tinguely. Sie hat die Ausstellung „Rebecca Horn. Körperphantasien“ kuratiert.

Rebecca Horn (*1944) hat in ihrem fünf Jahrzehnte umspannenden Werk einen symbolischen Kosmos geschaffen, der in seiner Offenheit und Poesie tief berührt. Die Künstlerin choreografiert in ihren Arbeiten Bewegungen von Menschen und Maschinen. Sie thematisiert Emotionen, wie Liebe und Begehren, aber auch Angst und Beklemmung. Die mechanische Motorik des Körpers und ein phantastischer Tanz der Dinge werden zum Ausdruck der Bewegungen der Seele.

Inspiration für Rebecca Horns Schaffen bilden stets der Körper und dessen Bewegungen. In ihrem performativen Frühwerk der 1960er- und 1970er-Jahre äusserte sich dies in der Anwendung von Objekten, die als Körpererweiterungen neue Wahrnehmungserfahrungen eröffnen und zugleich auch als Begrenzungen wirken. In der Folge schuf die Künstlerin ab den 1980er- Jahren primär kinetische Skulpturen und zunehmend raumgreifende Installationen, die durch Bewegung lebendig werden. Der agierende Körper wurde durch einen mechanischen Akteur ersetzt. Diese Transformationsprozesse zwischen erweiterten Körpern und animierten Maschinen in Rebecca Horns Œuvre stehen in Basel im Zentrum. In der Ausstellung werden performative Arbeiten und spätere Maschinenskulpturen nebeneinander gezeigt, um die Entfaltung von Bewegungsmotiven im Schaffen der Künstlerin nachvollziehen zu können. Gegliedert in mehrere Geschichten, zeichnet die Basler Präsentation so die Entwicklung ihrer Werke als «Stationen in einem Transformationsprozess» (Rebecca Horn) nach und betont die Kontinuität ihres Schaffens. 

Rebecca Horn, Weisser Körperfächer, 1972 (Fotografie)
Rebecca Horn, Weisser Körperfächer, 1972 (Fotografie)

In der Performance Weisser Körperfächer (1972) knüpfte Rebecca Horn an die alte Faszination der Menschen für geflügelte und gefiederte Wesen an. Mit Gurten fixierte sie an ihrem Körper ein Paar halbkreisförmige Flügel aus weissem Stoff, die sich durch Heben der Arme entfalten. Ein Film dokumentiert die von ihr mit diesem Körperinstrument vollführten Bewegungsexperimente: Das Öffnen und Schliessen, die Kontrolle der Flügel im Wind, Formen des Versteckens und Enthüllens, aber auch das Flügelausbreiten. Es sind Bewegungsmuster, die Rebecca Horn in einer Reihe von Skulpturen weiterentwickelte, so etwa in der einen nackten Körper umhüllenden Paradieswitwe (1975), in der balzenden Pfauenmaschine (1981), dem Hängenden Fächer (1982) oder dem Federrad Zen der Eule (2010).

Eine weitere frühe, zentrale Arbeit ist der Überströmer (1970), der den Menschen als ein hydromechanisches Gebilde präsentiert. Sie ist Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit verschiedenen Formen der Zirkulation. Der Arbeit steht die Installation El Rio de la Luna (1992) gegenüber, die mit einem Röhrensystem wuchernd in den Raum ausgreift und in deren «Herzkammern» Quecksilber von Pumpen bewegt wird. Während im ersten Fall die innere Bewegung des Blutkreislaufs nach aussen verlegt wurde, stand im zweiten Fall das Sichtbarmachen von emotionalen Energieströmen für Rebecca Horn im Vordergrund. El Rio de la Luna ist ein Schlüsselwerk der Künstlerin, das bis in die Architektur des Museums vorzudringen scheint.

 Eine gezeichnete Linie oder eine Farbmarkierung ist immer auch die Spur einer Körperbewegung. Dieses Thema wird, ausgehend von der Bleistiftmaske (1972), einem Instrument, das auf dem Kopf getragen wird und den Körper in eine rhythmische Zeichenmaschine verwandelt, in der Ausstellung vorgestellt. Konsequent führte die Künstlerin die Thematik in automatisierten Malmaschinen fort. Die Malspuren der Maschinen werden dabei immer auch als Ausdruck von Emotionen verstanden. Die Trichter von Les Amants (1991) enthalten vermeintlich schwarze Tinte und rosa Champagner, und mit den grossflächig, fast explosiv über die Wand verteilten Farbspritzern versinnbildlicht das Werk leidenschaftliche Passion. Ab den 1980er-Jahren griff Rebecca Horn das Medium der Zeichnung erneut auf, was in den grossformatigen Papierarbeiten der Serie Bodylandscapes (ab 2003) gipfelte. Diese Arbeiten beziehen sich auf die Körpergrösse und Armspannweite der Künstlerin und sind zugleich Einschreibungen von Körper und Psyche.

Rebecca Horn, Les Amants, 1991 ( Installationsansicht, Galerie de France, Paris 2003)
Rebecca Horn, Les Amants, 1991 ( Installationsansicht, Galerie de France, Paris 2003)

Zu den frühen prothesenartigen Körpererweiterungen Rebecca Horns zählen auch die Handschuhfinger (1972). Mit diesen erkundete die Künstlerin wie mit Fühlern tastend ihre Umgebung. In ihren kinetischen Werken entwickelte sie das Sujet der Extension von Händen und Füssen weiter und griff immer wieder auf alltägliche Objekte wie beispielsweise Pinsel, Hammer oder hochhackige Damenschuhe zurück. Auch Schreibmaschinen mit ihren Klaviaturen sind Instrumente, die unsere Finger verlängern. Sie wurden von Rebecca Horn in mehreren Werken verwendet, darunter in dem in Basel ausgestellten Hauptwerk La Lune Rebelle (1991). Zehn glänzend schwarze Exemplare hängen kopfüber aufgereiht von der Decke. In unregelmässigen Abständen werden die Tasten angeschlagen. Wie in einem Akt der Kapitulation baumelt aus einem der antiquierten Geräte das Farbband in einer langen Schlaufe herunter. Das Arrangement wird abgeschlossen durch zwei Klassiker, eine transatlantische Liaison aus einer amerikanischen Underwood und einer deutschen Kappel, zwischen denen eine elektrische Entladung als zuckender Lichtbogen sichtbar ist. 

Das Centre Pompidou-Metz und das Museum Tinguely präsentieren gleichzeitig zwei der Künstlerin Rebecca Horn gewidmete Ausstellungen. Damit bieten die beiden Institutionen ergänzende Einblicke in das Schaffen einer Künstlerin, die zu den aussergewöhnlichsten ihrer Generation gehört. Mit über 50 Werken und herausragenden Leihgaben ist Rebecca Horns Kunst erstmals seit über 30 Jahren in einer grossen Einzelausstellung in der Schweiz zu sehen. ◀ 


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