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Zwischen den Bildern lesen: visuelle Kurzgeschichten

Kunstmuseum Basel
Basel Short Stories

10.02.2018 – 21.05.2018

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider
Mit einem experimentell anmutenden Ausstellungskonzept präsentiert sich die Schau Basel Short Stories. Von Erasmus bis Iris von Roten im Kunstmuseum Basel. Ausgehend von sieben Persönlichkeiten – neben den im Titel genannten sind dies Maria Sibylla Merian, Jacob Burckhardt, Friedrich Nietzsche, Frick & Frack und Albert Hofmann – sowie Hans Holbeins Gemälde Der tote Christus im Grab (1521/22)  und dem Basler Friedenskongress von 1912, werden neun Kurzgeschichten vorgestellt, die alle in einem unmittelbaren Bezug zur Stadt Basel stehen. Erzählt werden sie anhand heterogener Exponate, von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen über Film und Fotografie bis hin zu Hörbeispielen aus Rock- und Popmusik. Dabei kommen die Objekte zum großen Teil aus der Sammlung des Kunstmuseums, aber auch andere Basler Museen und Privatsammlungen, Archive und Bibliotheken sind miteinbezogen. Altbekanntes hängt neben Unbekannterem oder noch nie Gezeigtem, Kunst neben Alltagsdokumenten oder pharmazeutischen Erzeugnissen.

Short Story 2: Holbeins toter Christus – Ausstellungsansicht. Foto Julian Salinas

Resonanzphänomene und Zufälle
Das Anliegen des Kurators Josef Helfenstein ist es, anhand der Abfolge von neun Ein-Raum-Ausstellungen, vergleichbar mit Kurzgeschichten in einem Sammelband, eine eklektische Kunst-, Ideen- und Alltagsgeschichte der Stadt Basel zu erzählen. Er baut dabei auf die subtile Resonanz zwischen Werken, die in unmittelbarer Nähe ausgestellt sind. So wird etwa Holbeins Toter Christus im Grab mit Charles Rays Aluminiumskulptur Mime (2014)  konfrontiert. Eine Paarung, die nahe liegt, bezieht sich doch schon Ray in seinem Text Notes on Sleeping Mime (2017) explizit auf Holbeins Gemälde und ruft in Erinnerung, dass Fjodor Michailowitsch Dostojewski angesichts des Bildes seinen Glauben verloren haben soll. Dies wiederum veranlasst den Kurator drei Ausstellungsräume weiter vermutlich, den Leuchtkasten A Donkey in Blackpool (1999) von Jeff Walls zu installieren, da Dostojewski in einem Brief überliefert, das Erste, was er bei einem Aufenthalt in Basel vernommen habe, sei der Schrei eines Esels gewesen. Durch diese Assoziationsketten soll der Ausstellungsbesucher zu einem offenen und experimentellen Sehen ermutigt werden und zugleich mit dem breiten kulturgeschichtlichen und epochenübergreifenden Ansatz die Entstehung der Sammlung des Kunstmuseums an sich zum Thema werden.

Kunstmuseum-Direktor Josef Helfenstein erläutert die Ausstellung. Foto Julian Salinas

Raid the Icebox
Mit seinem vielschichtigen Ausstellungskonzept knüpft Helfenstein zunächst an die von Künstlern kuratierten Sammlungsausstellungen an – eine der Ersten war Raid the Icebox 1 with Andy Warhol. An Exhibition Selected from the Storage Vaults of the Museum of Art, Rhode Island School of Design (1969). Warhol kreierte auf Einladung des Museums aus dessen Magazinbeständen ein installations- und kollagenartiges Ausstellungsensemble; von Gemälden und Skulpturen, über Hutschachtel und Regenschirmen bis hin zu Möbeln war alles vertreten. Mit der Auswahl der Exponate wurden die etablierten Hierarchien von historischer Bedeutsamkeit und Ästhetik infrage gestellt, denn Warhol imitierte mitunter die Aufbewahrungssituation, ließ Zettel mit Inventarnummer oder Schutzhüllen an ihrem Platz.  Die Basler Ausstellung jedoch ist museologisch aufbereitet, sämtliche Bilder und Objekte sind weitgehend traditionell präsentiert, erhellend beschriftet und auch sonst gut ausgeleuchtet. Der Bezugspunkt zu Raid the Icebox besteht vielmehr darin, dass, neben der Schatzsuche in den Magazinbeständen, zeitgenössische Künstler gleichsam als kuratorische Assistenz eingebunden werden. Silvia Bächli, Pipilotti Rist und Not Vital sind nicht nur mit eigenen Objekten in der Schau vertreten, sondern haben auch an der Gestaltung von Räumen und Werkgruppen mitgewirkt. Allerdings ist deren persönliche Handschrift in den betreffenden Arealen nicht immer unmittelbar lesbar, erweist sich doch die Gestaltung der einzelnen Ausstellungsräume, bei aller Heterogenität der darin gezeigten Objekte, als äußerst homogen.

Short Story 5: Nietzsche in Basel. Foto Julian Salinas

In dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet vor allem der Friedrich Nietzsche gewidmete Raum im Erdgeschoss des Neubaus. Er ist nicht nur der Weitläufigste von allen, sondern hier versinken die Schritte der Museumsbesucher in einem dunkelgrünen, raumfüllenden Teppich, der Nietzsches in Sils Maria verwendete Tischdecke inklusive aller Verunreinigungen in großer Skala reproduziert, während über dem mit dem Philosophen assoziierten Sammelsurium – von antiker Keramik bis zu Eurythmieformen Rudolf Steiners –Nietzsches Schnauz (2017), von Not Vital in blutrotem Wachs geformt, hoch oben an der rückwärtigen Wand angebracht ist. Vermutlich im gleichen Maßverhältnis wie die zum Bodenbelag mutierte Tischdecke.

Poesie und Fiktion
Beim Arrangieren der einzelnen Exponate zu Themengruppen ließ sich Helfenstein von der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Amerika entstandenen und eng mit der Entwicklung des Zeitschriftenwesens verbunden Short Story inspirieren. Einer der ersten Vertreter der neuen Gattung, der auch eine ästhetische Theorie über das Ziel und die Methode von literarischen Kurzformen entwickelte, war Edgar Allan Poe. In seinem Essay The Philosophy of Composition (1846) forderte er neben der „unity of effect“, dass jeder Autor sich der Schritte, mit denen er seine Ergebnisse erzielt, bewusst ist, bedauerte aber, dass im Allgemeinen Einfälle in wirrem Durcheinander auftauchen und gleichermaßen weiterverfolgt wie vergessen werden. Mit dem Einführungstext im Begleitbuch zur Ausstellung legt Helfenstein zwar die einzelnen Entwicklungsstadien seiner Ausstellungskonzeption offen und gibt Auskunft über seine expansiven Ambitionen; gleichermaßen stringent ist die Umsetzung in den Bildergeschichten jedoch nicht immer. Dies mag mitunter daran liegen, dass zu viel gleichzeitig angeboten, also gewissermaßen die „Effekteinheit“ nicht gewahrt wird. Schon Poe fordert eine gewisse Vielseitigkeit und ein gewisses Maß an Mehrdeutigkeit, warnt aber auch davor, dass sich bei einem Übermaß an nahegelegter Bedeutung die Poesie zu Prosa der platteren Art verwandelt – bildlich gesprochen die ambitionierte Bildergeschichte zum Fotoroman.

Halluzinogene Erfahrungen
Wie mitunter in der Literatur nicht alle Kurzgeschichten in einem Sammelband gleichermaßen ansprechen, so verhält es sich auch mit den Basel Short Stories. Zu den gelungenen Geschichten gehört jene über den Chemiker Albert Hofmann, der aus einem Alkaloid eines giftigen Getreidepilzes, dem sogenannten Mutterkorn, das halluzinogene Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, synthetisiert und 1943 im Selbstversuch erprobt hat. Ein Ereignis das Peter Fischli und David Weiss in ihrer Tonplastik Dr. Hofmann auf dem ersten LSD-Trip I (1981/2013) nachempfunden haben. Kombiniert werden andere, mitunter unter LDS-Einfluss entstandene Werke des zwanzigsten Jahrhunderts mit Zeichnungen, Druckgrafik und Gemälden des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, welche sich mit den Versuchungen und Peinigungen des Heiligen Antonius beschäftigen, denn die vom Mutterkorn hervorgerufene Vergiftung war auch unter dem Begriff „Antoniusfeuer“ bekannt und bringt die höllischen Qualen des Heiligen mit jenen des Vergifteten in Verbindung.

So kann sich der Besucher noch bis zum 21. Mai 2018 vom medial reichhaltigen Angebot der Ausstellung Basel Short Stories im Kunstmuseum Basel auf Ab- und Umwege durch die urbane Kunst- und Kulturgeschichte entführen lassen, oder aber stellenweise tiefer eintauchen, um zwischen den Bildern zu lesen und eigene Verknüpfungen anzustellen, wozu diese über die Jahrhunderte reichende Bild- und Dinggeschichte dieser Stadt allemal auffordert.

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Vom Willen zur Kunst: Zweimal Baselitz in Basel

Fondation Beyeler  – Georg Baselitz
Kunstmuseum Basel – Georg Baselitz, Werke auf Papier
21.01.2018 – 29.04.2018

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Von Petra Schneider

Mit einer doppelten Retrospektive zelebrieren die Fondation Beyeler und das Kunstmuseum Basel den achtzigsten Geburtstag des Malers und Bildhauers Georg Baselitz (* 23. 1. 1938), der sich seit den 1980er Jahren zu den populärsten zeitgenössischen Künstlern zählen darf. Dabei scheint die Person des Künstlers, dank einiger bewusst inszenierter Skandale, in der Öffentlichkeit fast bekannter als seine Werke zu sein, denn Baselitz-Ausstellungen sind eher selten, in der Schweiz wurde er zuletzt 1990 im Kunsthaus Zürich gezeigt. Nun sind in Riehen ausgewählte Gemälde und Skulpturen aus dem Zeitraum der letzten sechzig Jahre sowie parallel dazu im Basler Kunstmuseum die Werke auf Papier zu sehen.

Warum wird ein Künstler zum Künstler?
Diese rhetorische Frage wirft Baselitz anlässlich der Medienkonferenz in der Fondation Beyeler in den Raum und beantwortet sie bezogen auf seine Person mit dem „Unwillen etwas Vernünftiges zu machen“. Er habe schon früh ein Gespür für das eigene Talent gehabt und bezeichnet seine Werke als Dokumente der Unvernunft. Den Weg von der Erkenntnis zum Künstler geboren zu sein bis zu den ersten Erfolgen auf dem Kunstmarkt beschritt Baselitz selbstbewusst, provokant und zielorientiert. Er inszenierte sich als Sonderling, der unbeirrt an der figurativen Malerei festhielt, keiner zeitgenössischen Kunstströmung angehören wollte und sich trotz widriger Umstände zum Erfolg malte. Diesen Mythos seiner Autogenese wird Baselitz nicht müde zu wiederholen, eine Strategie, welche zur Entwicklung seiner exzentrischen Künstlerpersönlichkeit wesentlich beigetragen haben dürfte.

Georg Baselitz, Die große Nacht im Eimer, 1963
Georg Baselitz, Die große Nacht im Eimer, 1963

Abgrenzung und Anknüpfung
Die Schau in der Fondation Beyeler ist chronologisch geordnet und beginnt mit den 1963 beschlagnahmten Skandalbildern  Die große Nacht im Eimer (1962/63) und Der Nackte Mann (1962). Es handelt sich um düstere, pastos gemalte Bilder, welche groteske männliche Figuren mit übergroßen erigierten Penissen abbilden. Auch in anderen Werken derselben Schaffensperiode ist bei Baselitz das Phallussymbol prominent platziert. Als Kontrapunkt dient in der Ausstellung die Serie P.D. Füße (1960 – 63), Detailstudien abgetrennter Extremitäten, die stark an Théodore Géricaults aus Leichenteilen arrangierte Stillleben und Studien in der Vorbereitung zum Floß der Medusa (1819) erinnern. Ein besonderer Zug von Baselitz Bildfindungen sind immer die Reminiszenzen an vorgängige Kunstwerke. In Bonjour Monsieur Courbet (1965) isoliert er die Figur des Malers aus dem gleichnamigen Gemälde Gustave Courbets (1854). Die so gewonnene Komposition lässt sich in die Heldenserie der mittleren 1960er Jahre einordnen. Diese physisch stark lädierten Heroen sind mitunter mit Pinsel und Palette ausgestattet oder haben geöffnete Hosenschlitze, aus denen ihre Glieder hervorragen, möglicherweise eine Anspielung auf den Mythos von der Malerei als Schöpfungsakt.

Das Jahr 1969 bedeutet ganz wörtlich genommen einen Wendepunkt in Baselitz‘ Schaffen, denn fortan stehen die Motive konsequent auf dem Kopf, ein Alleinstellungsmerkmal seiner Kunst, welches keine Nachahmer gefunden hat. Dass mit diesem Kniff durchaus interessante Bildwelten entstehen können beweist das Gemälde Fertigbetonwerk (1970). In Grautönen gehalten, mit nur wenigen roten und grünen Farbakzenten, schafft das Werk eine neblige, surreal anmutende Landschaft, in der Oben und Unten austauschbar erscheinen und die mutwillige Motivumkehrung sich nicht auf den ersten Blick offenbart. Leider findet sich dieser Effekt selten in Baselitz weiteren Bildern und so wirkt ihr „Kopfüber“ meist wie ein bloßer Manierismus.

Die Retrospektive in Riehen vereint Kostproben aus allen Schaffensperioden des Künstlers und stellt den monumentalen Bildern grob behauene, rudimentär gefasste Holzskulpturen, wie etwa die Serie Dresdner Frauen (1989 -90), und Bronzen, welche zum Teil im Garten gezeigt werden, zur Seite. Zu den aktuellsten Werken gehört das gemalte Selbstporträt Avignon ade (2017), in dem ein durch einen dunklen vertikalen Strich zweigeteilter Baselitz in Hellblau, Rosa und Zartgelb vor dunklem Grund posiert. Überhaupt wirkt die Bildproduktion der letzten zwei Jahre mit den vorherrschenden Pastelltönen außergewöhnlich mild und dekorativ.

Ausstellungsansicht Georg Baselitz, Kunstmuseum Basel, Februar 2018, Foto: Julian Salinas
Ausstellungsansicht Georg Baselitz, Kunstmuseum Basel, Februar 2018, Foto: Julian Salinas

Auf der Suche
In einem etwas anderen Licht zeigen sich die Bleistift-, Kohle- und Tuschezeichnungen sowie Aquarelle und Guaschen im Kunstmuseum Basel. Besonders in den frühen Arbeiten begegnet man einem Künstler auf der Suche nach seiner Identität, seinem eigenen Stil. Sind Baselitz großformatige Gemälde meist sehr übersichtlich komponiert und ihr Inhalt rasch erfasst, so muss das Auge des Betrachters im zeichnerischen Frühwerk auf die Suche gehen. In der anamorphotischen Landschaft (1964) ragen scheinbar zahlreiche abgetrennte Körperteile aus einem wüsten Erdboden, welcher von einem Schienenstrang durchzogen wird. Ob es sich wirklich bei allen Objekten um Extremitäten handelt bleibt dabei offen, vielleicht ist es lediglich totes Holz.

In den Werken auf Papier lässt sich die schrittweise Annäherung an die Motivumkehrung in den Jahren vor 1969 gut nachverfolgen. Zunächst begegnet man in Ein Hund aufwärts (1967), einem Vierbeiner, der senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann, dann einem kopfüber gekreuzigten Hasen in Das Kreuz (1968) sowie einem Maler (1969), der im Kopfstand auf seinem Atelierboden steht, obwohl er der Körperhaltung nach auf einem Stuhl sitzt. In diesen Bildern sind lediglich die Protagonisten verkehrt, noch nicht ihre Umwelt, die erst in Landschaft (1970) um 180 Grad gedreht wird.

Georg Baselitz, Kreuz, 1968
Georg Baselitz, Kreuz, 1968

Auch in den im Kunstmuseum ausgestellten Blättern finden sich zahlreiche Bezüge zu anderen Künstlern wie etwa Edvards Kopf (1983) nach Edvard Munch, Blauer Baum – P.M. (2009) nach Piet Mondrians Baum von 1908/09 oder in Bis auf weiteres abwärts (2016) nach Marcel Duchamps Akt, die Treppe herabsteigend Nr. 2 (1912).

Sehr reichhaltig präsentieren sich also die beiden Jubiläumsaustellungen zum achtzigsten Geburtstag von Georg Baselitz. Doch ob allein der Wille zur Kunst den Menschen zum Künstler macht oder ob vielmehr die kontroversen Ansichten über diesen Sachverhalt aus den Erzeugnissen Kunst generieren, darüber kann man sich noch bis zum 29. April 2018 in der opulenten Schau in der Fondation Beyeler und der etwas intimeren im Kunstmuseum Basel eine eigene Meinung bilden.

 

 

 

 

 

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Georg Baselitz in der Fondation Beyeler

Fondation Beyeler

Georg Baselitz

21.01.2018 – 29.04.2018

Der deutsche Maler, Grafiker und Bildhauer Georg Baselitz zeigt in der Fondation Beyeler anlässlich seines 80. Geburtstag bedeutende Werke aus allen Schaffensphasen sowie selten gesehene und noch nie gezeigte, neue Gemälde.

Nadine Koller ist kuratorische Assistentin der Fondation Beyeler. Sie hat die von Martin Schwander kuratierte Baselitz- Ausstellung mitbetreut und arbeitet mit Michiko Kono an einem Public Art Projekt mit Ernesto Neto.
Nadine Koller ist kuratorische Assistentin der Fondation Beyeler. Sie hat die von Martin Schwander kuratierte Baselitz- Ausstellung mitbetreut und arbeitet mit Michiko Kono an einem Public Art Projekt mit Ernesto Neto.

Von Nadine Koller

Georg Baselitz (geb. 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz, Sachsen) ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. Zu Beginn des neuen Jahres widmet die Fondation Beyeler dem deutschen Maler, Grafiker und Bildhauer, der am
23. Januar seinen 80. Geburtstag feiert, eine umfangreiche Retrospektive, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden ist. In der Auswahl von rund 90 Gemälden und 12 Skulpturen sind Werke aus allen wichtigen Schaffensphasen vertreten. Sie stehen jeweils für sich, formieren sich zum Teil aber zugleich zu umfangreichen Serien, die bestimmte Phasen und Wendepunkte im Leben und Arbeiten Baselitz’ markieren. Schon die Museumsgründer, Ernst und Hildy Beyeler, hatten dem Künstler im Rahmen ihrer Galerietätigkeit in den Jahren 1986 und 1992 zwei Einzelausstellungen eingerichtet. Für ihre eigene Sammlung haben sie zwei seiner Hauptwerke, das Bild Verschiedene Zeichen aus der Helden-Serie, 1965, und das expressive Gemälde Weg vom Fenster, 1982, erworben.

Georg Baselitz, Orangenesser (IX), 198, Skarstedt, New York, © Georg Baselitz, 2018; Foto: Friedrich Rosenstiel, Köln
Georg Baselitz, Orangenesser (IX), 1981, Skarstedt, New York, © Georg Baselitz, 2018; Foto: Friedrich Rosenstiel, Köln

Seit gut sechs Jahrzehnten erschafft Georg Baselitz einzigartige Werke, die weltweit Bekanntheit erlangt haben. Es ist insbesondere die Beschäftigung mit der eigenen Biografie ebenso wie mit der deutschen Geschichte, die sich in Baselitz’ Werk auf vielgestaltige Art wiederfindet. Bilder der Kriegs- und Nachkriegszeit, aber auch die Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Vorbildern, mit Fotografien und Vorlagen aus Büchern und Zeitschriften münden stets in neue Inhalte und Kompositionen. Anders als viele seiner Zeitgenossen hat die um 1960 diagnostizierte «Krise der Malerei» – mit dem amerikanischen Abstrakten Expressionismus galt das Ende der modernen Malerei erreicht – Georg Baselitz nicht zur Abkehr von der Gegenständlichkeit veranlasst. Er entschied sich ganz bewusst für die figurative Malerei, obschon diese in jener Zeit durch fotografische Verfahren, Video, Performances oder Installationen zurückgedrängt wurde. Baselitz selbst gestaltet seit dem Ende der 1970er-Jahre neben Gemälden und Arbeiten auf Papier auch Holzskulpturen.

Georg Baselitz, Meine neue Mütze, 2003, Pinault Collection © Georg Baselitz, 2018, Foto: Jochen Littkemann, Berlin
Georg Baselitz, Meine neue Mütze, 2003, Pinault Collection © Georg Baselitz, 2018, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

In der Fondation Beyeler stehen sich Gemälde und Skulpturen in einzelnen Räumen gegenüber, sodass sich spannungsvolle Bezüge zwischen diesen beiden unterschiedlichen Medien entfalten. Die gezeigten Arbeiten umfassen den Zeitraum von 1959 bis heute, wobei die neuesten Bilder noch nie öffentlich zu sehen waren. Exemplarische Gemälde aus den zentralen Werkgruppen der Helden– und Fraktur-Bilder sind ebenso vertreten wie solche der berühmten Orangenesser-, Trinker– oder Remix-Serien. Unter den gezeigten plastischen Werken findet sich auch Baselitz’ erste Holzskulptur, das Modell für eine Skulptur, 1979/80, die er 1980 auf der Biennale von Venedig präsentierte.

Durch den chronologischen Aufbau der Ausstellung eröffnen sich Einblicke in die Werkgeschichte; Stilentwicklungen und neue Methoden werden fassbar. Die Veränderungen in der Farbigkeit, im Bildaufbau, in der Motivwahl und der Malweise, aber auch Rückgriffe und Wiederaufnahmen werden anschaulich – Neuerungen, die in der 1969 erstmals umgesetzten Idee, die Bildmotive auf dem Kopf darzustellen, kulminierten. Die Motive selbst schöpfte Baselitz nun nicht mehr aus inneren Bildern, sondern aus zum Teil selbst aufgenommenen Fotografien. Vielfach handelt es sich um alltägliche Szenen, Porträts von Personen aus seinem Umkreis oder Landschaftsansichten.

Georg Baselitz, Adler, 1972, Fingermalerei (Detail), Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothekt der Moderne, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München © Georg Baselitz, 2018, Foto: © Bayer&Mitko - ARTOTHEK
Georg Baselitz, Fingermalerei – Adler, 1972, Fingermalerei (Detail), Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothekt der Moderne, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München © Georg Baselitz, 2018

Während der Realitätsbezug dadurch verstärkt und die Wiedererkennbarkeit des Dargestellten gefördert werden, bewirkt die Motivumkehrung eine Verfremdung und Irritation, wodurch sich beim Betrachter eine Distanzierung vom Gegenstand einstellt.In Anbetracht dieser Methode wird deutlich, dass es Baselitz nun nicht mehr vorrangig um den Gegenstand als  solchen, sondern um den Akt der Malerei selbst ging. Erst die Umkehrung des Motivs gab ihm die Freiheit, sich von diesem zu lösen und sich vorrangig mit dem Malprozess auseinanderzusetzen. Mit den Fingermalereien sucht Baselitz seit Beginn der 1970er-Jahre auch den direkten Kontakt zur Leinwand und zu den Farben. Er verzichtet auf den Pinsel und malt unmittelbar mit Fingern und Handballen.

Georg Baselitz, Oberon (1. Orthodoxer Salon 64 – E. Neijsvestnij), 1964, Städel Museum, Frankfurt am Main © Georg Baselitz, 2018, Foto: © Städel Museum – ARTHOTHEK
Georg Baselitz, Oberon (1. Orthodoxer Salon 64 – E. Neijsvestnij), 1964

Die Loslösung von der gewohnten Orientierung des Bildes an einem Oben und einem Unten hat Baselitz noch weitergetrieben, als er in den frühen 1990er-Jahren die Leinwand auf den Boden legte und sie in dieser Position bemalte. Bei diesem Verfahren relativieren sich die Richtungen des Bildes – zumindest während des Entstehungsprozesses –, weil der Künstler um das Werk herumgehen und es von allen Seiten aus gestalten kann. Zuweilen steht er sogar auf dem Gemälde selbst und blickt aus der Vogelperspektive darauf.

Charakteristisch für Baselitz’ Schaffen ist auch das Prinzip der Wiederholung. Dies manifestiert sich beispielsweise im Wiederaufnehmen, Umgestalten und Variieren von Motiven und Kompositionen innerhalb einzelner Werkgruppen wie etwa den Orangenessern oder Trinkern. Hier verliert das Einzelbild zugunsten der Serie  an Bedeutung. Zum anderen begegnen sich in den seit 2005 entstandenen Remix-Arbeiten Wiederaufnahmen und Weiterentwicklungen von früheren Bildern. Der Künstler orientiert sich dabei am Remix-Verfahren in der Musik, das die Neuauflage eines alten Musikstücks bezeichnet, bei der zum Beispiel einer unveränderten Grundmelodie ein anderer Rhythmus oder ein neues Arrangement unterlegt wird. Entsprechend gestaltet Baselitz auf der Grundlage früherer Arbeiten Bilder von ganz anderer Anmutung. Im Gegensatz zu den älteren Werken ist deren Farbauftrag leicht, flüssig, fast transparent und die Malweise schnell und flüchtig.

Seit Baselitz’ Anfängen als Künstler widerspiegelt sich die Beschäftigung mit der eigenen Person und dem eigenen Körper in zahlreichen mehr oder weniger offensichtlichen Selbstbildnissen. Es geht dabei vielfach um die Positionierung als Künstler und Erfinder eigener malerischer Verfahren und Techniken, aber auch um Aspekte von Körperlichkeit und Vergänglichkeit. So stösst der Betrachter in manchen der Helden-Bilder auf Malerutensilien wie Palette oder Pinsel, und in Baselitz’ Aktdarstellungen von sich und seiner Frau Elke wird man mit dem Vergehen der Zeit konfrontiert. Eine interessante Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst und seiner Frau Elke findet sich auch im überlebensgrossen Skulpturenpaar Meine neue Mütze, 2003, und Frau Ultramarin, 2004. Wie die meisten seiner monumentalen Holzskulpturen sind auch diese beiden Figuren mit der Kettensäge, der Axt und anderen Werkzeugen aus Baumstämmen herausgearbeitet worden. Ihre Monumentalität versetzt uns in eine ungewöhnliche Beziehung zu ihnen und zu unserem eigenen Körper. Wir fühlen uns selbst betrachtet, zugleich fällt es uns schwer, mit den Figuren in Dialog zu treten. Zudem künden sie von der körperlichen Kraft, die der Künstler aufbringen musste, und von den Werkzeugen, die dabei verwendet wurden. Mit Gemälden aus unterschiedlichen Schaffensphasen und deren Gegenüberstellung mit Skulpturen gewährt die Ausstellung einen umfassenden Einblick in das Werk des Künstlers und eröffnet zugleich neue Perspektiven.

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Gilgian Gelzer Raúl Illarramendi

Fondation Fernet Branca
Gilgian Gelzer | Raúl Illarramendi

bis 11.02.2018

Die gemeinsame Ausstellung von Gilgian Gelzer und Raúl
Illarramendi veranschaulicht die originelle Beziehung, die diese Künstler mit der gezeichneten Linie, der Farbe, der Malerei und der Fotografie unterhalten. Illarramendi würdigt die verkannten und verachteten Flächen unseres Lebensraumes und erweitert damit die Grenzen unseres Gesichtsfeldes – wir nehmen etwas wahr, das uns vorher unsichtbar erschien. Demgegenüber steht das fotografische, zeichnerische und seit Neustem auch malerische Werk des Kosmopoliten Gelzer. Er spielt mit den räumlichen, zeitlichen und materiellen Eigenschaften dieser drei Medien und untersucht deren unterschiedliche Sprache und die daraus resultierenden Wechselbeziehungen.

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In den Frühling mit Meisterwerken der Sammlung Beyeler

Fondation Beyeler
11.02.2018 – 08.04.2018

Die erste Sammlungspräsentation des Jahres 2018, die in der Fondation Beyeler zeitgleich mit der Georg-Baselitz-Retrospektive zu sehen sein wird, nimmt an verschiedenen Stellen Bezug auf den wichtigen deutschen Nachkriegskünstler. Einen direkten Anknüpfungspunkt bildet die gross angelegte Präsentation der aussereuropäischen Kunst aus der Sammlung Beyeler. Es erwarten den Besucher Werke aus Afrika und Ozeanien in einer selten so gezeigten Vielzahl. Baselitz selbst besitzt eine umfängliche Sammlung afrikanischer Kunst, die auch schon in Ausstellungen zu bewundern war.

Ein weiterer Schwerpunkt wird mit Pablo Picasso gesetzt, einem Künstler also, der ein ganzes Jahrhundert an künstlerischer Produktion geprägt hat – in einer in Baselitz’ Schaffen vergleichbaren Vielfalt. Ein besonderer Fokus wird dabei auf Picassos facettenreiches Spätwerk gerichtet. Um die Baselitz-Schau in einen künstlerischen Kontext einzubetten, werden sämtliche Sammlungskünstler, die die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts massgeblich beeinflusst haben, mit einigen Werken vertreten sein. Klassiker der Moderne wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Max Ernst bilden den Auftakt. Werke von Baselitz’ Zeitgenossen Gerhard Richter und Sigmar Polke verdeutlichen die malerischen Positionen, die sich parallel zu seinem Schaffen etablierten, und Vertreter der jüngeren Generation wie Neo Rauch oder Thomas Schütte schlagen die Brücke zur Gegenwart. Zudem beschäftigt sich diese Präsentation mit der Materialität von Malerei und Skulptur, die sich wie ein roter Faden durch die Räume zieht und auf diese Weise weitere Themen der Baselitz-Ausstellung aufnimmt. So trifft beispielsweise Alberto Giacometti auf den späten Claude Monet oder Eduardo Chillida auf Antoni Tàpies und Richard Serra.

Angesichts dieser umfangreichen Hängung wird den Besuchern einmal mehr die grosse Vielfalt der Sammlung Beyeler vor Augen geführt. Neben Wegbereitern der Moderne wie Henri Rousseau und Monet werden auch seltener gezeigte zeitgenössische Künstler zu entdecken sein. Die Sammlungspräsentation wird so zu einer passenden Ergänzung der Frühjahrsausstellung, indem sich wechselseitige Bezüge eröffnen.

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