Alexander Calder & Fischli/Weiss

Alexander Calder & Fischli/Weiss
29.05.2016 – 04.09.2016
Fondation Beyeler

Von Rahel Schrohe
Die Fondation Beyeler widmet ihre Sommerausstellung einem Pionier der modernen Skulptur und zwei Leitfiguren der zeitgenössischen Kunst. In einer erfrischend unkonventionellen Gegenüberstellung trifft der amerikanische Künstler Alexander Calder (1898–1976) auf das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli (1952) und David Weiss (1946–2012). In der Konfrontation dieser medial ausgesprochen vielseitigen Werke zeichnen sich verblüffende Parallelen ab. Bei Calder wie auch bei Fischli/Weiss ist die künstlerische Arbeitsweise eine des humorvollen Experimentierens und zufallsgeleiteten Tüftelns. Das Suchen und Finden von Balance erscheint dabei als wichtiges Grundmotiv. Begegnet man den Werken, so erfährt man, wie schwierig die Überwindung der Schwerkraft und wie flüchtig der erreichte Zustand eines idealen Gleichgewichts ist. Doch wenn es gelingt, entsteht eine Art utopischer Moment – Leichtigkeit und Eleganz, Glück und Poesie.

Alexander Calder, La Demoiselle, 1939
Alexander Calder, La Demoiselle, 1939

Die rund 75 ausgestellten Werke von Calder, entstanden in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, lassen sich in drei historische Stationen einteilen, welche den Ablauf dieser Ausstellung bestimmen: Den Auftakt bildet die Welt des Zirkus, der Akrobaten und Tänzer in den 1920er-Jahre, dann folgt die Wende zur Abstraktion und die Erfindung des Mobiles in den 1930er-Jahren und schliesslich die 1940er-Jahre, in denen die neu gewonnene Vielfalt an Formen und Möglichkeiten in unendlichen Variationen kombiniert wird. Die 24 Werke von Fischli/Weiss aus den drei Jahrzehnten ihrer Kollaboration von 1979–2012 werden den Werkgruppen Calders als autonome, inspirierende Dialogpartner entgegengesetzt. Gleichsam betonen sie die Aktualität von Calders Schaffen und seinem künstlerischen Vorgehen. Entwickelt wurde die Ausstellung von Theodora Vischer, Senior Curator der Fondation Beyeler, in enger Zusammenarbeit mit Peter Fischli und der Calder Foundation, New York. Während Werke von Calder bereits im Rahmen verschiedener Ausstellungen in der Fondation Beyeler zu sehen waren, ist dies die erste Präsentation von Fischli/Weiss.

Als der ausgebildete Ingenieur Alexander Calder 1926 von New York nach Paris zieht, beginnt er die Arbeit an seinem berühmten
Cirque Calder (1926–1931). Dieser Zirkus en miniature, der aus zahlreichen Requisiten und Figuren besteht, ist ein ideales Experimentierfeld für das Ausbalancieren von Hoffnung, Erwartung und Erfüllung, von Spannung und Bewegung. Calders Aufführungen begeistern ein immer grösser werdendes Publikum und bringen ihn mit der Pariser Avantgarde in Kontakt – mit Marcel Duchamp, Man Ray und Joan Miró unterhält er lebenslange Freundschaften. Gleichermassen lenken sie den Blick auf jene Werke, die nebenher entstehen. Zwischen 1928–1930 sind das vor allem gegenständliche Skulpturen aus Holz und Draht.
Die «Zeichnungen im Raum», wie Kunstkritiker seine Drahtskulpturen bezeichnen, stellen Tiere und Akrobaten sowie Porträts von Freunden und bekannten Persönlichkeiten dar. Formal reduziert betonen diese Skulpturen besondere Merkmale der Dargestellten. Obgleich voluminös beziehungsweise dreidimensional, erscheinen sie schwebend leicht und transparent. Sie erzittern bei der leichtesten Bewegung. In der Ausstellung liegt der Fokus einerseits auf jenen weniger bekannten Werken (Ölgemälde, Bleistiftzeichnungen, Illustrationen), die den Cirque Calder in die Wege leiten, andererseits auf den berühmten Drahtskulpturen von Artisten oder der Tänzerin Josephine Baker, denen bereits das Moment schwebender, stets fragiler Balance eingeschrieben ist. So gelingt es, ein breit angelegtes Bild jener Zeit zu zeichnen, in der Calder einige der signifikantesten Eigenschaften und Merkmale seines Œuvres formuliert und das Medium der Skulptur von Grund auf neu konzipiert.

Als einen veritablen «Schock» beschreibt Calder seinen Besuch im Atelier des niederländischen Malers Piet Mondrian im Oktober 1930. An der weissen Atelierwand sind monochrome Rechtecke aus Farbkarton angebracht, die Mondrian als Vorstudien zu seinen Gemälden dienen. Tief beeindruckt von dieser aussergewöhnlichen Gesamtkomposition eines Raumes arbeitet Calder in der folgenden Zeit an eigenen abstrakten, zunächst malerischen, dann fragilen dreidimensionalen, teilweise motorisierten Kompositionen, die erstmals 1931 in der Pariser Galerie Percier unter dem Titel Volumes – Vecteurs – Densités gezeigt wurden. Diesem Schlüsselmoment in Calders Schaffen und den daraus hervorgehenden radikalen Werken widmet die Ausstellung besondere Aufmerksamkeit, da sie die Erfindung des Mobiles unmittelbar zur Folge haben.

Im frei schwebenden Mobile findet die Fragilität von komponiertem, ausbalanciertem Material in Bewegung ihren Höhepunkt. Die Schwerkraft wird zugunsten einer ganz eigenen Form von kontrollierter, brillanter Schwerelosigkeit überwunden. Im grössten Saal der Ausstellung wird die ungemeine Vielfalt von Calders Werk zusammengeführt und in aussergewöhnlicher Dichte präsentiert.

Peter Fischli David Weiss, Der Lauf der Dinge, 1987
Peter Fischli David Weiss, Der Lauf der Dinge, 1987

Die Suche nach der schwebenden Balance, wie sie von Calders hängenden Mobiles verkörpert wird, zeichnet sich auch in den ausgestellten Werken von Fischli/Weiss ab. Mit der eindrucksvollen raumfüllenden Diaprojektion ihrer mehr als tausend Fragen (1981–2003) erreichen sie im Medium des Lichts einen vergleichbaren schwebenden Idealzustand. Oft jedoch bringen Humor oder Ironie die ausbalancierte Perfektion zum Scheitern. Bei der Serie der Walls, Corners, Tubes (2009–2012) etwa tritt vor allem die sichtbare Schwere der soliden Bauelemente in den Vordergrund. Wenn bei den Equilibres (1984–1986) banale Alltagsgegenstände zu spektakulären, nur für den einen fotografischen Moment fixierten Gleichgewichtskonstruktionen arrangiert werden, ist es eine Form der humorvollen Verweigerung, die den Blick bestimmt. Und bei ihrem bekanntesten Filmprojekt, dem Lauf der Dinge (1987), verwandelt sich jede Form möglicher Balance in ein Moment konstruktiver Zerstörung.

Auf einem benachbarten Grundstück, wenige Gehminuten von der Fondation Beyeler entfernt, wird der Garten, den Fischli/Weiss 1997 in Münster geschaffen haben, wieder «eingerichtet». Die Frage nach Balance erlangt dort eine weitere Dimension – nämlich im Kontext der Ökologie und des Zusammenspiels von Kunst und Natur.

*Rahel Schrohe ist kuratorische Assistentin der Fondation Beyeler

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog bei Hatje Cantz

Diesen Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar