Chagall und die jüdische Tradition

Chagall
Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919
16.09.2017 – 21.01.2018
Kunstmuseum Basel | Neubau

Von Olga Osadtschy

Olga Osadtschy ist Assistenzkuratorin am Kunstmuseum Basel und schreibt ihre Doktorarbeit über die Fotografien von Solomon Judowin
Olga Osadtschy ist Assistenzkuratorin am Kunstmuseum Basel und schreibt ihre Doktorarbeit über die Fotografien von Solomon Judowin

Wie kaum ein anderer Künstler reflektierte Marc Chagall die eigene Herkunft in seinem Werk und in seinen autobiografischen Schriften. Unter anderem verglich er sich mit seinem Grossvater, Segal von Mogilew. Dieser hatte, so die Überlieferung, eine der schönsten Holzsynagogen Russlands mit Wandmalereien versehen. Ein Umstand, den Chagall mit einigem Stolz erwähnte, als er 1922 in der jiddischen Zeitschrift «Shtrom» schrieb: «Juden, wenn ihr euch das zu Herzen nehmt (ich auf jeden Fall), werdet ihr weinen, dass die Maler der hölzernen Schtetl-Synagogen (…) allesamt verblichen sind. Aber wo sollen wir den wirklichen Unterschied ausmachen zwischen meinem gebeugten bedeutenden Grossvater Segal von Mogilew, der die Synagoge von Mogilew ausgemalt hat, und mir, der das Jüdische Theater in Moskau ausmalte? Glaubt mir, keiner von uns beiden hatte weniger Läuse (…). Ausserdem bin ich sicher, dass ich unrasiert sein genaues Ebenbild wäre.»

Solomon Judowin, Drechsler, 1912–1914 © Zentrum Petersburg Judaica
Solomon Judowin, Drechsler, 1912–1914 © Zentrum Petersburg Judaica

Fotografien dieser Synagoge zeigen wir in der Ausstellung Chagall. Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919. Sie gehören zu einem kleinen Konvolut von etwa 300 Fotografien, die im Rahmen der ethnografischen Expeditionen von Semjon Akimowitsch An-Ski zwischen 1912 und 1914 entstanden sind. An-Ski, ein russisch-jüdischer Intellektueller und Schriftsteller, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das «Erbe tausendjähriger Volkskunst» in den jüdischen Schtetelech des Russischen Reiches vor dem Vergessen durch Assimilation und der Zerstörung durch Pogrome zu bewahren. Darüber hinaus handelte es sich um ein politisches Projekt, da durch die Sammlung von Märchen, Gesängen, antiken Schriftstücken und rituellen Objekten die Idee einer jüdischen Nation innerhalb des Zarenreiches gestärkt werden sollte. Auch bestand die Hoffnung, dass sich die jüdische Avantgarde von der Folklore ihrer Vorfahren würde inspirieren lassen, anstatt in Frankreich, Italien oder den Niederlanden nach Vorbildern für das eigene künstlerische Schaffen zu suchen. An-Ski selbst ging mit gutem Beispiel voran und verarbeitete die Ergebnisse der Expeditionen im Theaterstück «Der Dybbuk».

Der Expeditionsfotograf Solomon Judowin, wie Marc Chagall ein Schüler des Witebsker Malers Jehuda Pen und später an der von Chagall gegründeten künstlerischen Volkslehranstalt tätig, hatte künstlerische Ambitionen und begnügte sich nicht damit, Architektur, Handwerk, Kleidung und Typen zu fotografieren, wie es die ethnografische Feldforschung verlangte. Er experimentierte darüber hinaus mit dem um 1900 weltweit bei Amateurfotografen beliebten Pictorialismus, einem fotografischen Stil, der sich stark an der Malerei orientierte: Judowin arbeitete mit Unschärfe, extremer Unter- und Überbelichtung und versuchte sich an Edeldruckverfahren, wie dem Bromöldruck. Entstanden ist ein facettenreiches Archiv der Menschen und Orte, das zwischen einem geradezu naiven, intimen Zugang und dem unbedingten Willen zur Inszenierung und Ästhetisierung oszilliert und so
die fotografische Ikonografie des Schtetls begründet.

Diesen Beitrag teilen:

Ein Blick zurück in die Zukunft

Otto Freundlich und sein Kosmischer Kommunismus
10.06.2017 – 10.09.2017
Kunstmuseum Basel | Neubau

Von Petra Schneider

Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin
Die Autorin Petra Schneider ist Kunsthistorikerin

Der Maler, Bildhauer, Mosaik- und Glaskünstler Otto Freundlich (1878–1943) war radikaler Avantgardist und überzeugter Kommunist. Letzteres ist seinen Werken, die von allen Klischees eines Sozialistischen Realismus denkbar weit entfernt sind, nicht anzusehen; rote Fahnen schwingende Arbeiter sowie Hammer und Sichel sucht man hier vergebens. Ein Blick zurück in die Zukunft weiterlesen

Diesen Beitrag teilen:

Der verborgene Cézanne

Der verborgene Cézanne
Vom Skizzenbuch zur Leinwand
10.06.2017 – 24.09.2017
Kunstmuseum Basel | Neubau

Mit 154 Blättern befindet sich im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel die weltweit umfangreichste und bedeutendste Zeichnungssammlung von Paul Cézanne (1839–1906). Bereits 1934 und 1935 erwarb das Kunstmuseum Basel vom Schweizer Kunsthändler Werner Feuz zwei grosse Zeichnungskonvolute mit insgesamt 141 Werken aus dem Nachlass Paul Cézannes. Diese bilden nun den Ausgangspunkt einer umfangreichen Ausstellung mit mehr als 200 Werken, die die Bedeutung der Zeichnung im gesamten Schaffen
Cézannes thematisiert, von den Skizzen und Studien über die Aquarelle bis hin zu den Gemälden. Diese werden mit dazugehörigen Blättern aus anderen Sammlungen und Aquarellen und Gemälden aus dem eigenen Bestand und mit Leihgaben aus Museums- und Privatbesitz ergänzt.
Der verborgene Cézanne weiterlesen

Diesen Beitrag teilen:

David Claerbout – Olympia

David Claerbout – Olympia
The real-time disintegration into ruins of the Berlin Olympic stadium
over the course of a thousand years
01.06.2017 – 22.10.2017
Schaulager Basel

Stein um Stein hat der belgische Künstler David Claerbout das martialische Olympia-Stadion in Berlin digital rekonstruiert. In jahrelanger Arbeit am Computer nachgebaut, gibt er den Monumentalbau seit März 2016 in Echtzeit dem Zerfall preis. Der Alterungsprozess, den der Künstler berechnet hat, ist allerdings auf die kommenden tausend Jahre angelegt. Diese zeitliche Dimension des Projekts – ein Millennium Laufzeit! – übersteigt den menschlichen Zeithorizont bei Weitem.

David Claerbout – Olympia weiterlesen

Diesen Beitrag teilen:

Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft

Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft
03.06.2017 – 10.09.2017
Vitra Design Museum

Wohnraum ist knapp – das ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden. Die Immobilienpreise in den Metropolen steigen und klassische Konzepte des Wohnungsbaus werden dem Bedarf nicht mehr gerecht. Diese Herausforderungen haben eine Revolution in der Architektur ausgelöst: das Bauen und Wohnen im Kollektiv. Together! ist die erste Ausstellung, die dieses Thema umfassend beleuchtet und räumlich erfahrbar macht. Anhand von Modellen, Filmen und Wohnungen im Massstab 1:1 präsentiert sie zahlreiche Beispiele aus Europa, Asien und den USA. Historische Vorläufer veranschaulichen zugleich die Geschichte der gemeinschaftlichen Architektur – von den Reformideen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Hippie- und Hausbesetzerszene, die mit dem Slogan «Make love, not lofts» antrat.

Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft weiterlesen

Diesen Beitrag teilen:

Ausstellungen in der Region Basel